Kindgerecht: „Wohin gehen Pipi und Kacka, wenn man spült?“

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In unserer Reihe „Kindgerecht“ möchten wir euch Beispiele zeigen, wie ihr auch anspruchsvolle Dinge mit Kindern bedürfnisorientiert besprechen könnt.

Luana ist 2;5 Jahre alt und möchte gern wissen:

„Wohin gehen Pipi und Kacka, wenn man spült? Gehen sie essen oder schlafen?“

Luisa antwortet:

Hallo Luana!

Du weißt schon, dass Leute, wenn sie dir „Tschüß“ sagen, in ihr Zuhause gehen und dort essen und schlafen.
Jetzt überlegst du, ob Pipi und Kacka das auch machen.

Vielleicht hast du Lust, dir das so vorzustellen und möchtest gerne daran glauben – dann ist das okay 🙂

Vielleicht fragst du dich aber auch, was sie sonst tun könnten, und suchst eine andere Antwort.

DANN könnte ich dir erzählen, dass dein Pipi und dein Kacka eine Reise durch das große Rohr unten am Klo machen.
Sie werden sich die Welt anschauen gehen.

So, wie ein Stück Papier, das du in den Müll wirfst, auch eine Reise macht.

 

 

Hallo, ihr Erwachsenen 🙂

Habt ihr mit einer anderen Antwort gerechnet?
Dachtet ihr, nun kommt eine Erläuterung über die Arbeit von Kanalisation und Kläranlagen?
Ich habe wirklich mit dem Gedanken gespielt, das einzuflechten, mich aber dagegen entschieden und eine sehr kurze, knappe Antwort formuliert.
Warum?

Ein paar erklärende Worte zu dem, was wir grundsätzlich bei Gesprächen mit Kindern beachten sollten:

Der Entwicklungsstand eines Kindes bestimmt, wie differenziert und umfangreich wir Erwachsene eine Frage beantworten sollten.
Gerade junge Kinder sind mit weitschweifigen Erklärungen überfordert.
Sie begreifen nur das, was sie selbst schon erlebt haben, und können mit Begriffen wie „Kläranlage“ und „Grundwasser“ und „Abwasserkanal“ noch nicht viel anfangen. Diese Dinge werden erst nach und nach in ihr Leben treten:
Durch einen Spaziergang, in dem Kanaldeckel begutachtet werden, zum Beispiel.
Durch eventuell frei liegende Wasserrohre an der Kellerwand, die sie betrachten können.

Zudem ist immer zu überlegen: Möchte das Kind von MIR eine Antwort (die auf meinem Wissen basiert) oder möchte es eigentlich eher gern erzählen, was es selbst sich gerade ausgedacht hat?
Dann macht es Sinn, diesen Ideen achtsam zu begegnen und sie unbewertet im Raum stehen zu lassen.

Gerade bei älteren Kindern kann es deshalb auch sinnvoll sein, das Kind einfach zurück zu fragen „Was denkst DU denn?“ und mit ihm gemeinsam zu philosophieren.
Es ist dabei dann übrigens NICHT die Aufgabe des Erwachsenen, das Kind mit manipulativen Fragen auf die „richtige“ Antwort zu stoßen, sondern, mit ihm gemeinsam einen freien, kreativen Ideenaustausch stattfinden zu lassen.

Schon im Kindergartenalter gilt:
Es ist generell nicht notwendig, dass wir Erwachsene immer als „Antwort-Maschine“ zur Verfügung stehen.
Oft ist es für ein Kind eine viel prägendere Erfahrung, (alleine oder mit Unterstützung) die Antwort auf seine Frage selbst zu finden. So erweitert es seine sogenannte „lernmethodische Kompetenz„, also es lernt, WIE man lernen kann.
Das Wissen, wo es eine Information selbst herbekommen kann (Bibliothek, Internet, Zeitung, Experten fragen, eine bestimmte Fernsehsendung schauen…) ermöglicht es ihm dann nämlich sein Leben lang, SELBST wirksam zu werden und eigenständig alles zu beantworten, was es ergründen möchte.

Natürlich ist dann auch abzuwägen:
Interessiert sich mein Kind so brennend für das Thema, dass sich eine umfangreiche Informationssuche lohnt?
Oder möchte es gerade eine schnelle, kurze, informative Antwort von mir?
Und: WARUM möchte es diese Antwort gerade? Steckt Wissensdurst dahinter? Möchte es einen Vorgang begreifen? Fragt es, weil es gerade Aufmerksamkeit möchte und eine Möglichkeit sucht, mit mir in Kontakt zu treten?

Also: Eine Kinderfrage ist jedes Mal aufs Neue ein Appell an uns Erwachsene, uns mit den Zusammenhängen, in denen sie gestellt wurde, auseinander zu setzen, eine Situation achtsam zu bewerten und unsere Antwort daraufhin abzuwägen.

Es kann sein, dass im obigen Beispiel Luanas Frage dazu geführt hätte, dass sie darüber sprechen möchte, dass sie auch immer Reisen macht, aber mit dem Auto… oder sie würde fragen, wo das Abflussrohr hinführt… oder das Papier im Müll anschauen gehen…
Vielleicht würde sie aber auch einfach spielen gehen.
Manchmal braucht es nicht mehr 🙂

Möchtet ihr auch Anregungen, wie ihr eine bestimmte Kinderfrage bedürfnisorientiert beantworten könntet?
Dann schickt die Frage zusammen mit Namen und Alter eures Kindes an Mamagogik@gmail.com. Vielleicht seid ihr dann schon im nächsten Teil unserer Serie dabei!

Kategorie Allgemein, Elternschaft, Elternschaft

Hallo! Ich heiße Luisa Marinelli, bin 30 Jahre alt und komme aus dem schönen Südhessen. Dort lebe ich mit meinem Lebensgefährten und unseren zwei Katern. Seit 2006 bin ich Erzieherin und im Kindergarten tätig. Dort arbeite ich bedürfnisorientiert und verschlinge in meiner Freizeit zahlreiche Literatur, um mich weiter zu bilden. Es ist mir wichtig, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ein Miteinander zu leben, das auf gegenseitiger Achtung basiert. Seit einiger Zeit schreibe ich unter dem Namen "Luma Ri" über die bedürfnisorientierte Arbeit im Kindergarten - und nun auch hier, bei Mamagogik. Ich freue mich auf die Zeit mit euch! :)

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