[Leben mit Kleinkind] Wenn aus einem ‚Nein‘ etwas Wunderbares wird

Kleinkind Nein

Das Leben mit einem Kleinkind ist leider nicht immer rosig und voller entzückter Augenblicke. Es ist vielmehr die Phase in der sich Eltern und Kind die ‚Neins‘ nur so an die Köpfe knallen. Eines haben die Eltern ihren gefühlsgesteuerten Schützlinge voraus: das Innehalten und Überdenken der Situation. Was daraus resultieren kann, beschreibe ich euch heute in einer kleinen Anekdote.



Vergangene Woche stand mal wieder der Hausputz an. Für mich ein lästiges Thema, um das ich mich aber spätestens dann nicht mehr drücken kann, wenn der Staub ein Tischdeckchen bildet. Also Augen zu und durch.

Lotte hatte gerade gute Laune und beschäftigte sich fröhlich mit ihrem Puppenwagen. Ein guter Zeitpunkt, um das Haus in Ruhe auf Vordermann zu bringen. Ich packte also mein Putzzeug in den Eimer, sammelte Lappen und Tücher ein und begann zu saugen, wischen, putzen und schrubben. So weit, so normal.

Als das Erdgeschoss vom Schmutzmantel befreit war und der Teddy im Puppenwagen von den Spazierfahrten schon ganz grün im Gesicht schien, erklärte ich dem Töchterlein, dass wir nun gemeinsam nach oben gehen würden. Der Puppenwagen sollte unten bleiben, beschloss die Teddy-Mama.

Oben angekommen verschwand Madame nun erst einmal in ihrem Zimmer und nahm ihre Spielzeugkiste einmal gehörig unter die Lupe. Ich saugte fleißig und schaute immer mal wieder nach dem Rechten.

Im Bad stellte ich nun den mit Glasreiniger, WC-Reiniger und anderen Putzmitteln befüllten Eimer ab und stellte mich innerlich auf das Schrubben der Sanitäranlagen ein.

Als ich Lotte, die mir mittlerweile im Bad Gesellschaft leisten wollte, kurzzeitig mit einem behutsamen ‚Nein‘ davon abhalten musste den kompletten Badezimmerschrank auszuräumen, fiel ihre Aufmerksamkeit auf den Putzeimer. Was mag da wohl drin sein?

Hineinschauen konnte sie nicht, er stand hoch oben auf dem 120cm großen Schrank – für sie unerreichbar. Und was tut ein neugieriges Kleinkind, das gerade damit konfrontiert wird, dass es noch zu klein ist, um ihre Neugierde allein zu befriedigen? Genau – es quengelt.

Ich erklärte ihr, mit einem kurzen Schulterblick und der rechten Hand in der Toilette steckend, dass in dem Putzeimer lauter Zeug drin wäre, das giftig sei und ich nicht wolle, dass sie damit spiele.

Welt.Schmerz.

Ich atmete tief ein, stellte mich auf längeres auf dem Boden sitzen, Gefühle spiegeln und gut zureden ein, legte die Handschuhe ab und schob den Eimer vorsichthalber, wieder mit einem fürsorglichen ‚Neeeeiiiiin‘, noch einmal etwas weiter von der Schrank-Kante weg.

Lotte stand (zugegeben etwas theatralisch) weinend vor dem Eimer, den Kopf in den Nacken und die kurzen speckigen Ärmchen nach dem Eimer ausstreckend.

Ich schaute in den Eimer und sagte ihr, was sich da alles drin befinden würde und dass es leider kein Spielzeug wäre. Und indem ich meinen Blick über den Inhalt des Eimers streifen ließ, fragte ich mich, warum ich den Eimer eigentlich aus ihrer Nähe halten wollte?

„Das gefährliche Putzzeug – sie will damit spielen. Sie weiß wie sie die Sprühflasche vom Glasreiniger betätigen kann, dann sprüht sie sich damit in die Augen oder bekommt das giftige Zeug vielleicht in den Mund“ sagte die besorgte Mama-Stimme in mir.

Ich schaute auf die kleinen Hände und das weinende Kind, dass die Welt nicht mehr verstand.

„Wenn du jetzt nachgibst, bekommt sie ihren Willen und dann wird sie lernen, dass sie mit weinen und quengeln alles erreicht!“ drängte sich in mir die Pädagogen-Stimme auf.

Ich rief mir die Fakten in den Kopf: das Kind ist neugierig, möchte wissen was in dem Eimer steckt.

Ich hob den Eimer vom Schrank, kniete mich zu ihr auf den Boden und das Kind wurde still. Vorsichtig reckte sich ihr Hals und mit behutsamen Blicken erkundete sie den Inhalt des Eimers, den Mama ja so bedächtig schützen wollte.

Ihre rechte Hand schob sich in den Eimer und in der gleichen Sekunde hörte ich ein vorwurfvolles „Hab ich‘s dir doch gesagt – sie will das giftige Putzzeug!“ aus der Richtung meines Kopfes, in der sich besorgte Mama eingenistet hat.

Doch noch bevor ich ein ermahnendes ‚Nein!‘ verlauten lassen konnte, sah ich, was wirklich das Objekt ihrer Begierde war: Der Putzschwamm.

Kleinkind Montessori putzen

Ein Lächeln schob sich über mein Gesicht und die Mama mit dem großen Herzen voller Muttergefühle in mir, zeigte der besorgten Mama einen dicken Stinkefinger!

Das Kind begann ausgiebig und leidenschaftlich alles im Bad putzen zu wollen. Ich amüsierte mich köstlich darüber, denn es war einfach zu (Ja, ja! Achtung: Wortwitz!) putzig.
Sie hatte mich vorher genau beobachtet und putzte mit ihrem Schwamm nun überall noch einmal dort entlang, wo Mama bereits sauber gemacht hatte.

Gutes Kind – doppelt gemoppelt hält besser! Ich freute mich, dass wenigstens Eine von uns mit absoluter Passion dem Dreck den Kampf ansagen wollte.

Sie war sicherlich noch 20 Minuten mit dem Schwamm und allen möglichen Oberflächen in der ersten Etage beschäftigt. Alles musste sauber gemacht werden.

Kleinkind Montessori putzen

Und während ich mich darüber freute, dass ich mich der Hausarbeit ungestört weiter widmen konnte und das Kind tiefen-beschäftigt war, wurde mir mit einem Mal etwas klar: sie schulte gerade nicht nur Montessori-mäßig ihre Motorik und auch noch Spaß daran, ich hätte ihr die Chance darauf beinahe verwehrt.

Ich war davon ausgegangen, dass Lotte unbedingt mit dem verbotenen Zeug spielen wollte. Anstatt direkt erst einmal Vertrauen in mein Kind zu setzen, ging ich davon aus, dass diese Situation nur gelöst werden konnte, in dem ich beharrlich bei meinem ‚Nein‘ bleiben müsste.

Ich hatte angenommen, dass ich Erziehen müsste und hätte ihr beinahe die Möglichkeit genommen, spielerisch etwas Neues zu lernen.

Kinder wollen sehen, staunen, ausprobieren und dabei von uns gesehen werden. Doch dieses Wahrnehmen fängt nicht erst an, wenn sie dabei sind etwas zu testen, zu üben oder zu lernen. Vielmehr sollten wir uns als Eltern außerdem dazu berufen fühlen schon die Chancen für unsere Kinder zu sehen und dann danach zu handeln.

Vielleicht sollten wir einfach häufiger einfach mal ‚Ja‘ sagen und in unsere Kinder und uns selbst Vertrauen legen, anstatt uns allen wichtige Chancen zu verbauen, nur weil eine innere Stimme in uns sagt, dass es ja auch anders kommen könnte.

 

Kennt ihr solche Situationen in denen ihr einfach mal ganz unerwartet ja gesagt habt und dabei etwas Wunderbares heraus kam? Kommentiert doch gern, ich würde eure Geschichte gern lesen.

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Kategorie Elternschaft, Entwicklung, Kolumnen
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

4 Kommentare

  1. Hallo Sarah! Ich hatte gerade vor einigen Tagen eine solche Situation mit unserem 21-Monaten Bub. Man meint es gut und will sein Kind schützen und im Nachhinein stellt man fest, dass man es bevormundet und ihm eine Erfahrung verweigert hat. Das fällt einen dann wie Schuppen von den Augen und man ist unheimlich enttäuscht von sich.
    Aber danach ist man für solche Situationen sensibilisiert und sieht die Chancen, die sich daraus ergeben 🙂 Wie Du schreibst: Es entsteht Schönes – Neue Möglichkeiten für das Kind und ganz viel Staunen und Stolz for Mama 🙂
    Ein sehr schöner Beitrag – Herzlichen Dank!

    • Hallo Alexandra,
      vielen Dank. Magst du mir eure Geschichte dahinter vielleicht erzählen, das würde mich interessieren.
      Sei nicht so hart mit dir, die besorgte Mama-Stimme ist manchmal einfach eine laute Nervensäge 😉
      Liebe Grüße,
      Sarah

  2. Liebe Sarah!
    Als unser Mädchen krank war, hab ich mehrmals täglich das Necessaire mit den Medikamenten hervorgeholt und ihre Winpockenpusteln verarztet. Ihr Zwillingsbruder war total hinter dem Necessaire her und tobte wie ein Satan während ich die Pusten mit der Zinktinktur betupfteund ich schimpfte sehr (von Wegen Medikamenten und gefährlich füs Kleinkinder etc). Als er dann einmal einen Moment unbeobachtet war und ein Wattestäbchen erwischte, holte er sich die Zahnpasta, setzte sich hin und tupfte selbst mit der Zahnpasta auf dem Wattestäbchen an sich rum 🙂 Von da an, durfte er mir helfen seine Schwester zu betupfen 😉

    • Hallo Alexandra, was für eine schöne Geschichte. Ich danke dir dafür. Ich glaube dein Sohn war stolz wie Oskar dass er dir das zeigen konnte, du ihm vertraut hast und er dir helfen konnte. Good job, Mama 😉
      Viele liebe Grüße,

      Sarah

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