Ergotherapie – Das macht dein Kind beim Therapeuten

Im Jahr 2014 wurden, laut dem Heilmittelbericht 2015, knapp 23 Millionen Behandlungen in der Ergotherapie für Gesetzlich-Krankenversicherte durchgeführt. Davon waren ca. 38% für Kinder unter 15 Jahren bestimmt.
Immer mehr Kinder bekommen Sprachtherapien, Physiotherapien oder Ergotherapien vom Kinderarzt verordnet. Oftmals geht es hierbei um Entwicklungsverzögerungen. Geht man durch die Schulklassen bekommen viele Kinder, gerade in der Grundschule, Förderungen von Therapeuten.

Viele Eltern erschrecken zunächst, wenn sie erfahren, dass ihre Kinder einer/m Ergotherapeutin/en vorgestellt werden sollen. Deshalb wollen wir heute mal näher auf die Ergotherapie schauen. Wenn ihr wissen wollt, was die Ergotherapie außerdem beinhaltet, könnt ihr hier einen weiteren Artikel von mir lesen.

Ergotherapie, was bedeutet eigentlich Ergotherapie?

Nun, der DVE (Deutsche Verband der Ergotherapeuten)  beschreibt es so:

 „Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.“

Das klingt ja schon mal gut. Wenn ich als Ergotherapeutin es allerdings so den Eltern meiner kleinen Patienten erklären würde, dann sähe ich überall nur dicke Fragezeichen über den Köpfen und verständnislose Blicke.

Andere Definitionen, mit denen wir Ergos gerne mal konfrontiert werden, sind: Basteltante, Spieltherapeut, Alltagskünstler, Alltagsdesigner, Korbflechter, Filztante. Manches davon klingt nett, anderes wieder nicht so, aber dennoch stimmt tatsächlich alles davon ein wenig.

Aber um es wirklich erklären zu können, was ich so mit den Kids mache, möchte ich mal eine Therapiestunde beschreiben (Der Name ist frei erfunden und stellt keinen Bezug zu irgendeinen meiner Patienten dar).

Ergotherapie mit Kindern

Es geht also hier um die kleine Mathilda, sie ist fast 5 Jahre alt und soll nächstes Jahr in die Schule gehen (das Einschulungsalter wird irgendwann so früh sein, dass man den Kindergarten gleich überspringen kann, aber das nur als kritische Randbemerkung meinerseits).
Die Eltern stellten Mathilda bei mir vor, weil der Kindergarten dazu geraten hatte und der Kinderarzt war so nett, dass er auch tatsächlich sofort (!) ein Ergotherapie-Rezept ausgestellt hat (hier merkt man, es ist eine erfundene Geschichte).

Der Kindergarten meinte ihre Stifthaltung sei nicht in Ordnung und auch ihre Malentwicklung hätte Defizite. Aber sie würde sich ja sowieso immer vor dem Mal- und Basteltisch drücken. Sie würde lieber mit ihren Freundinnen in der Puppenecke sitzen oder liegen und wäre da sehr glücklich.

Bei meinem Erstgespräch mit ihren Eltern wurde klar, dass Mathilda ein unheimlich liebes Baby war. Sie hat nicht viel geschrien, war eher faul und hat viel geschlafen; alle hätten sie um dieses pflegeleichte Kind beneidet. Die Entwicklung war unauffällig, wenn auch etwas langsamer als bei anderen Kindern, Anstrengung habe sie weiterhin eher vermieden.

Es wurde dann im Laufe der Therapie und Testung klar, dass Mathilda nicht nur feinmotorisch Schwierigkeiten hat, sondern generell ein (Körper-)Wahrnehmungsproblem.

Für Mathilda suche ich in einer möglichen Therapiestunde unseren Motorikraum aus und strukturiere ihn etwas vor. Das heißt ich lege mir das Material, aus dem sie auswählen kann, zurecht und teile den Raum in einen Motorik-/Wahrnehmungsbereich und einen Feinmotorikbereich auf.
Feinmotorik bedeutet für mich übrigens nicht, dass die Kinder auf einem Stuhl am Tisch sitzen müssen, denn das tun sie ohnehin in ihrem zukünftigen Leben noch genug.
In dem Fall von Mathilda nutze ich einen geschlossenen Karton, der ungefähr so hoch ist wie ein Sofatisch. An dem kann sie dann im Hochkniestand arbeiten. Außerdem bekommt sie von mir auch erstmal keinen Stift in die Hand, es sei denn sie fragt danach.

In dem Motorikbereich entscheide ich mich für die Hängematte, das Rollbrett, eine schräge Ebene, mehrere Schaumstoffbausteine, einen großen Sitzsack und eine Federkernmatratze.
An „Kleinkram“ werde ich ihr anbieten: ein langes und schweres Tau, verschieden schwere Sandsäckchen, eine Wasserkiste mit leeren Flaschen, sowie eine große Sandkiste mit dem passenden Equipment dazu (Schaufel, Döschen, Trichter und vieles vieles mehr).

Mathilda würde sich vielleicht dafür entscheiden „Einkaufen“ zu spielen. Das könnte dann so aussehen:

  • Bauchlage in der Hängematte, sie gibt sich selber mit den Händen Schwung und geht damit in die lineare Beschleunigung.
    Ich halte ihr in einiger Entfernung die Wasserflaschen und die einzelnen Deckel hin, die sie sich beim „Nach-vorne-Schaukeln“ aus meiner Hand holt.
  • Danach wird alles auf dem Rollbrett (wieder in Bauchlage) zum Laden transportiert.
    Dabei gebe ich ihr den Schwung den sie braucht, um in eine gute Aufrichtung zu kommen, oder sie zieht sich selber an dem Tau dahin.
  • Nun könnte Mathilda sich überlegen womit sie die Flaschen füllen mag, mit Wasser oder Sand (wenn am gleichen Tag die Putzfrau kommt auch gerne mit beidem). Dabei hätte sie Feinmotorik, taktile Wahrnehmung, beidhändiges Arbeiten und vor allem Spaß.
  • Anschließend könnte Mathilda den vollen Wasserkasten auf dem Rollbrett wieder zurück fahren, um noch mehr Tiefenwahrnehmung zu erreichen könnte sie das Ganze dabei über Gymnastikmatten schieben.

Natürlich ist das Alles sehr oberflächlich beschrieben und mit dem Material könnte man hunderte Stunden gestalten,  aber ich glaube es macht deutlich, dass Ergotherapie etwas sein kann was wirklich Spaß macht.

Eine Praktikantin sagte einmal: „ist ein wenig wie SuperMario.“ Ich finde das passt irgendwie und nebenbei gesagt macht es der Therapeutin auch Spaß, vorausgesetzt man bildet mit dem Kind ein gutes Team.

Solltet ihr Fragen zum Thema Ergotherapie haben, so bin ich gern bereit euch so gut es geht Auskunft zu geben. Kommentiert hier einfach oder schreibt eine Mail an: mamagogik@gmail.com.

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Kategorie Entwicklung

Hallo, ich heiße Martina, bin 36 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und unserem kleinen Hund im schönen und idyllischen Ostwestfalen-Lippe. Ich bin Ergotherapeutin mit eigener Praxis, dazu noch Trageberaterin und SAFE-Mentorin. Ich freue mich schon aus meinem Therapeutenalltag, aber auch aus meinem privaten und sehr kinderreichen Umfeld zu berichten.

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