Wie die Feinfühligkeit in meine Therapien einzog

ergotherapie

Seit 13 Jahren arbeite ich nun schon als Ergotherapeutin mit Kindern und immer habe ich gedacht, dass es nur so geht wie ich es damals in der Ausbildung gelernt habe: das Kind wird angemeldet, eigentlich immer telefonisch. Danach ein kurzes Abklären der Defizite: wem ist was an dem Kind aufgefallen und wer schickt es zu uns? Danach wird ein Termin zum Erstgespräch ausgemacht und fertig.

Dann findet der Gesprächstermin (meistens mit Mama) statt und hier werden Fragen gestellt wie:

Wobei hat Ihr Kind die größten Schwierigkeiten?

Wie war die motorische Entwicklung? (Krabbeln, Laufen, auf dem Bauch liegen)

Malt es gerne?

Hat es Freunde? usw.

Anschließend wird der Behandlungsplan aufgestellt. Das Kind erscheint zum ersten Termin (wieder mit Mama, alternativ auch gerne Oma), wird abgegeben (Zitat: „ich nutze die Zeit mal gerade zum Einkaufen“).

Nach 45 min kommt Mama/Oma zurück mit der kurzen Frage (zu mir) wie es war. Dem Kind werden Schuhe und Jacke angezogen und weg sind sie.

Das muss doch anders gehen

Irgendwann fing ich an mich mal mit diesem Ablauf kritisch auseinanderzusetzen und herausgekommen ist eine völlig andere Herangehensweise. Klar, manchmal ist sie etwas anstrengender und ganz sicher zeitintensiver, aber am Ende auch merklich erfolgreicher.

Zunächst einmal habe ich angefangen nicht das Kind als meinen kleinen Patienten zu sehen, sondern die Familie mit all ihren Beziehungen und Bindungen untereinander; als Einheit die Unterstützung braucht.
Das ist nicht immer leicht, denn oft leben die Eltern getrennt und es gibt vielleicht neue Partner, die ebenfalls Bindungspersonen für das Kind sein können. Oder das Kind wächst größtenteils bei Oma und Opa auf, weil Mama und Papa beruflich sehr eingespannt sind. Manchmal sind auch die Geschwister die wichtigsten Bezugspersonen für das Kind.
Wie auch immer die Familie aufgestellt ist, ich versuche jede Konstellation so anzunehmen wie sie ist und zu schauen, wer das Kind wie unterstützen kann und wem ich dabei eine Hilfe sein kann.
Das heißt für mich auch, dass nicht nur ein sehr detaillierter Austausch zwischen mir und der Familie stattfindet, sondern dass auch immer eine Begleitung in der Therapie willkommen ist, selbst bei Testungen (oder gerade da).

Dann habe ich die Art meiner Erstgespräche umgestellt und das war wirklich eine Herausforderung: wie bekomme ich meine benötigten Informationen, ohne das übliche Frage-Antwort-Spiel? Und wenn es einen Papa gibt, wie kriege ich ihn in meine Praxis?

Ich bin also erstmal etwas flexibler mit den Zeiten geworden, d. h. Erstgespräche finden bei mir auch gerne mal abends oder am Wochenende statt (natürlich nur wenn kein Fußball läuft).
Und ich habe angefangen zuzuhören, also so richtig, ohne dazwischen zu quatschen (für eine Therapeutin sehr schwer), auf Details zu achten, die Körpersprache anzuschauen und immer nur dann nachzuhaken, wenn es um positive Eigenschaften und Stärken des Kindes geht. Ja, da kann so ein Gespräch auch mal länger dauern, aber man erfährt doppelt so viel.

Ein Wechsel der Perspektive

Die Eltern sind zunächst häufig etwas verunsichert, denn bisher haben Ihnen alle (Arzt, Kindergarten, Freunde, Familie) ausschließlich die Defizite ihres Kindes vor Augen geführt. Dann kommt die Therapeutin und die (ausgerechnet) nennt ihnen die positiven Dinge, da kommt man schon etwas ins Grübeln.
Aber nach dem ersten „Schock“ nehmen es eigentlich alle sehr gut an und öffnen sich erstaunlich schnell, sogar die Väter. Und sie fangen an ihr Kind mal wieder aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und besser mitzuarbeiten. Sie verstehen recht schnell worum es geht, z.B. dass es nicht so ist, dass man als Erwachsener stundenlang dem Kind sagt wie es den Stift halten soll, sondern dass man es schafft das Kind dahin zu bringen, dass es das von alleine tut. Wenn ich es hinbekomme hat das zu vermitteln, dann haben Eltern und Kind auch Spaß daran zuhause zu „Üben“.

Das Kind steht zentral

Was jedoch für mich persönlich die größte Veränderung war, war die Umgestaltung der Therapien an sich. Klar muss ich weiterhin Tests machen und ich darf mein Therapieziel nicht aus den Augen verlieren, aber in erster Linie versuche ich mich an den Bedürfnissen des Kindes zu orientieren.
Das heißt, dass das Kind eine Idee, einen Wunsch, ein Thema hat und ich baue meine Therapiestunde drum herum. Das klappt nicht immer, muss ich zugeben, aber ich werde immer spontaner und kreativer und vor allem habe ich einen guten Kontakt zu den Kids.
Übrigens gehört es mit in meine Therapiestunde, dass sich das Kind (evtl. mit Unterstützung) selber Schuhe und Jacke anzieht.
Ebenso ist es mir wichtig den Eltern immer ein positives Feedback von jeder einzelnen Stunde zu geben: darauf hinzuweisen was gut gelungen ist, was besser geworden ist und ich lasse gerne das Kind erzählen was es gemacht hat.

Und die Moral von der Geschicht‘

Es ist gar nicht so schwer an sich selbst und seiner Arbeitsweise etwas zu ändern, man muss es nur tun. Ich möchte lieber ein gutes Vorbild sein, als die Eltern oder das Kind zu maßregeln.

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Kategorie Beratung

Hallo, ich heiße Martina, bin 36 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und unserem kleinen Hund im schönen und idyllischen Ostwestfalen-Lippe. Ich bin Ergotherapeutin mit eigener Praxis, dazu noch Trageberaterin und SAFE-Mentorin. Ich freue mich schon aus meinem Therapeutenalltag, aber auch aus meinem privaten und sehr kinderreichen Umfeld zu berichten.