Die Wochenend-Mutter – wenn Bindung stärker ist als Entfernung

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Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich über dieses Thema schreiben kann. Ein Thema, welches in unserer Gesellschaft ein regelrechtes Tabu zu sein scheint. Und ja, ich kann nicht nur darüber schreiben, ich muss es sogar irgendwie tun. Denn wenn wir vermeintlich „heikle“ Gesprächsthemen nur mit uns selbst ausmachen, oder sogar versuchen sie zu verdrängen, dann können wir auch nichts verändern, zumindest nichts Wesentliches.

Wie heißt es doch so schön? – “ In guten, wie in schlechten Zeiten?“ – Worte die mir permanent in den Ohren klingen. Dieser doch recht einfach klingende Satz hat sich quasi in mein Gedächtnis gebrannt, denn die vermeintlich „schlechten Zeiten“ haben wir nicht richtig gewuppt bekommen.
Aber irgendwie dann doch wieder. Nur halt eben anders!

Wenn sich ein (Eltern)Paar trennt, dann ist dies eine unglaublich schmerzhafte Erfahrung. Sowohl für uns Erwachsene als auch für unsere Kinder. Ich bin der Ansicht, dass man eine Beziehung nicht nur der Kinder wegen aufrecht erhalten soll. Aber dann wirklich zu gehen, ist auch alles andere als einfach! Mir hat es auf jeden Fall regelrecht das Herz gebrochen, als ich mit meinen Kindern vor vier Jahren aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen bin.

Hatte ich doch das unendliche Bedürfnis nach einem harmonischen Familienleben. Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir so sehr am Herzen liegen und die ich über alles liebe.
Und plötzlich war alles anders. Gefühlt von jetzt auf gleich. Natürlich war dies ein schleichender Prozess, den ich wahrscheinlich einfach nur nicht wahrgenommen hatte oder wahrnehmen wollte.
Anstatt das Gespräch mit meinem Mann zu suchen, bin ich einfach „davon gelaufen“. Vielmehr vor mir selbst, als vor wem anders. Und diese Erkentniss erschüttert mich noch heute. Aber als dieser Moment dann unwiederuflich gekommen war, musste ich mich Diesem auch zwangsläufig irgendwie stellen.

Trennung auf Probe

Es sollte eigentlich eine räumliche Trennung werden, um zu sehen wo wir beide als Paar eigentlich stehen. Und so zog ich mit meinen Kindern in eine eigene Wohnung. Eine neue Umgebung war schon Herausforderung genug, da wollte ich meinen Kindern nicht auch noch einen Wechsel von Kindergarten und Grundschule zumuten. Zumal wir uns die Woche eh gerecht aufgeteilt hatten und die Kinder somit die Hälfte der Zeit in ihrem gewohnten Umfeld verbrachten.
Ich nahm also ein tägliches Hin  und Her fahren vom neuen Wohnort zu den Betreuungseinrichtungen meiner Kinder (inkl. der Besuchsfahrten zu Freunden) gerne in Kauf, denn schließlich wollte ich versuchen so viel „Normalität“ wie möglich zu erhalten. Und so verging das erste Jahr.

Vielleicht habe ich auch einfach etwas zu naiv gedacht. Bin ich doch davon ausgegangen, dass man sich so sehr vermisst und dann automatisch das Bedürfnis verspürt wieder mehr Zeit mit dem jeweils Anderen zu verbringen. Ich kann nur sagen: Pustekuchen! Dem war leider nicht so. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass jeder von uns plötzlich in seiner eigenen kleinen Welt lebte und nun versuchte diese zu sortieren. Da blieb letztendlich wenig Raum für mehr. Vielleicht hinderte uns aber auch unser ganz persönlicher Stolz daran, einen Schritt auf den anderen zu zugehen. Wie dem auch sei –  bei allem zwischenmenschlichen-Paar-Gedöns hatten wir als Eltern niemals den Blick für unsere Kinder aus den Augen verloren und wir merkten ziemlich schnell, dass unseren Kindern etwas fehlte. Sie vermissten ihre Zimmer, das Spielen mit Freunden, ihren Garten, einfach alles. Sie vermissten einfach ihr Zuhause.

Ich hatte mir aus tiefstem Herzen etwas ganz anderes für unsere Familie gewünscht, aber das Heimweh meiner Kinder war Grund genug, um mich für ein Lebensmodell zu entscheiden, welches nicht unserer gesellschaftlichen Norm entspricht. Und so zogen meine Kinder zurück ins Haus und damit auch zurück zu Papa.

Meine Gefühle fuhren Achterbahn und wenn ich Achterbahn sage, dann meine ich nicht die kleine Raupe von der Kirmes, sondern die Große mit den ganz vielen Loopings, bei denen einem alleine vom zuschauen schon schlecht wird. Ja, mir war auch schlecht. Richtig schlecht sogar. Ich konnte meine Gefühle weder richtig einordnen, noch benennen. Unzählige Fragen gingen mir durch den Kopf, für die meisten hatte ich  jedoch keine Antwort parat.

Bestimmt sind einige davon überzeugt, dass mir diese Entscheidung leicht gefallen sein muss, denn sonst hätte ich anders handeln müssen. Aber noch nie im Leben ist mir eine Entscheidung so schwer gefallen, wie diese. Ich liebe meine Kinder aus tiefster Seele und weil mir das Wohl dieser wunderbaren (kleinen) Menschen so sehr am Herzen liegt, habe ich meine eigenen Bedürfnisse, denen meiner Kinder hinten angestellt.

Ich machte mich irgendwann auf die virtuelle Suche nach Gleichgesinnten. Etliche Berichte habe ich gelesen, ob hier im Netz oder in diversen Zeitschriften und ich muss gestehen, dass es gut tat zu lesen, dass es einige Mütter gibt, die ein ähnliches Lebensmodell gewählt haben wie wir es tun. Natürlich sind WIR etwas „exotisch“ mit dieser Lebensform, denn statistisch leben Kinder nach einer Trennung ihrer Eltern in 9 von 10 Fällen bei der Mutter aber was sagt das jetzt genau aus? Ich habe mir dazu immer wieder die gleichen Fragen gestellt.

  • Können sich Väter nicht auch gleichwertig gut um ihre Kinder kümmern?
  • Ist eine räumliche Trennung dem Vater zumutbar, der Mutter aber wiederum nicht?
  • Leiden Väter weniger, wenn sie von ihren Kindern getrennt leben?
  • Müssen wir so leben, weil die Gesellschaft andere Formen einfach noch nicht akzeptiert?
  • Sind wir automatisch „Rabenmütter“ oder „schlechtere Mütter“?
  • Lieben wir unsere Kinder nicht genug, wenn wir so handeln ?
  • Geht die gute Bindung zu meinem Kind dadurch evtl. verloren?
  • Kann ich meinen Standpunkt auch nach aussen gut vertreten?

Im Artikel Wochend-Mutter von Tina habe ich ein schönes Statement gelesen, welches ich an dieser Stelle gerne zitieren möchte.

„Trotzdem: Ich bin nicht bereit, meine Entscheidungen aufgrund eines gesellschaftlich begründeten Drucks zu fällen oder zu revidieren. Es gibt einen liebenden Vater. Und eine liebende Mutter. Und bei einem von beiden müssen die Kinder zwangsläufig zukünftig wohnen. Aus.

Kinder wünschen sich immer, dass alle gemeinsam unter einem Dach leben und eine Trennung von einem Elternteil ist und bleibt emotional schwierig. Das möchte ich gar nicht in Abrede stellen, aber jede Familie muss den für sich passenden Weg finden. Und unser Weg sieht nun mal so aus!

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bindung zu meinen Kindern so stark ist, dass auch  eine räumliche Entfernung nichts an diesem Zustand ändern wird.

Beim Lesen der vielen Texte ist mir aufgefallen, dass uns Müttern anscheinend immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden. Ich habe hier die 3. häufigsten Fragen (die mir gestellt wurden und werden) einmal für euch, so gut es eben geht, beantwortet :

Wie oft siehst du deine Kinder denn jetzt?

Ich bin ja nicht nach Australien ausgewandert, so dass ich versuche möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Jedes zweite Wochenende sind die Kinder also von Freitagnachmittag bis Sonntagabend bei mir und seit Kurzem gibt es in der Woche einen Nachmittag inkl. Übernachtung. Und in der Woche pendle ich neben Rufbereitschaft, Coaching und Babymassagekursen zwischen zwei Städten um aktiv am Leben meiner Kinder teilnehmen zu können.

Bereust du nicht, was du getan hast?

Klingt irgendwie als wäre ich ein Schwerverbrecher. Ich habe nichts „böses“ getan. Ich habe das Wohl meiner Kinder im Blick behalten und meine eigenen Bedürfnisse, denen der Kinder hinten angestellt. Und das werde ich für den Rest meines Lebens tun.

Wie geht es denn jetzt mit Euch weiter?

Diese Frage habe ich mir selbst auch schon verdammt oft gestellt, aber ich kann sie leider nicht beantworten. Wir leben im Hier und Jetzt. Ich weiß, dass uns eine ganz tiefe Liebe verbindet, aber was die Zukunft bringt, wird die Zeit zeigen.

Auch noch nach vier Jahren zerreißt es mir immer wieder mein Herz, dass ich anscheinend nicht in der Lage war unser Familienleben am Laufen zu erhalten.

  • Was hätte ich anders machen können?
  • Habe ich zu schnell aufgegeben?
  • Was habe ich übersehen?
  • Werde ich jemals wieder richtig glücklich werden können?
  • Darf ich überhaupt wieder Glück empfinden?
Darf ich überhaupt wieder Glück empfinden?

Das ist auch so eine Frage, die immer und immer wieder in meinem Kopf umherschwirrt. Ich möchte an dieser Stelle ganz ehrlich antworten.

Es fällt mir schwer!

Es gibt durchaus Momente in denen ich zufrieden bin z.B. weil es im Job gut läuft oder weil das Wetter endlich wieder besser wird (auch wenn das total banal klingt) Aber pures Glück empfinden, wenn meine Kinder nicht bei mir sind fällt mir wirklich schwer. Unser tägliches Ritual besteht z.B. darin, jeden Abend um die gleiche Uhrzeit miteinander zu telefonieren. Wenn ich dann meine Herzensmenschen fröhlich am anderen Ende der Leitung höre, erfüllt dies sofort meine Seele und das wiederum macht mich überraus glücklich. Glücklich, die richtige Entscheidung für meine Kinder getroffen zu haben.

Und trotzdem leide ich innerlich jedes mal aufs Neue, wenn ich mich nach einem schönen Wochenende oder einem schönen Tag von meinen Kindern wieder verabschieden muss!

Meine Botschaft

Die Möglichkeiten des Familienlebens sind so individuell und vielfältig, wie jede Familie selbst! Es gibt nicht diesen einen Weg. Es ist unser Leben und unser ganz persönlicher Weg. Ich bin stolz auf unsere Familie, auch wenn unser Lebensmodell etwas anders ist, als üblich und anders als gewünscht. Ich habe wundervolle Kinder und einen wunderbaren Lieblingsmenschen, der das alles mit mir gemeinsam trägt. Danke dafür!

Fazit

Ich schreibe Euch deshalb so offen und ehrlich von unserem persönlichen Weg, um eine Veränderung anzustoßen. Eine Veränderung, bei der meiner Meinung nach noch ganz viel Bedarf besteht.

Eure Jasmine

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6 Kommentare

  1. Hallo Jasmine,
    ich danke dir für den Artikel (und auch den Mut dich so offen zu zeigen) – das hat mir wirklich eine neue Sichtweise eröffnet und ich gebe zu, dass ich vorher wahrscheinlich auch eher zu den ‚Bewertenden‘ gehöre/gehört habe. – Der Artikel hat (mich) wirklich zum Nachdenken angeregt, mal einen Schritt von der eigenen Position zurückzutreten und erstmal den anderen Blickwinkel anzuhören, bevor man die eigenen Schubladen öffnet.

    Ich danke dir!

  2. Hallo Jasmine, ich danke für deinen Text. Ich bin zwar keine Wochenendmutter, aber eine ‚3 Monatsmutter‘. Ich kann deinen Worten eine Menge abgewinnen. Auch ich lebe da einen ganz eigenen Weg und bin da recht alleine mit….Finde es für mein Leben aber passend…..Danke für deinen Text. Habe mir diese Seite gespeichert, vielleicht komme ich an anderer Stelle mal auf dich zu. LG

    • Hallo Uta, vielen lieben Dank, für deine positive Rückmeldung. Jeder von uns geht nun mal seinen eigenen ganz persönlichen Weg. Dass wir es dabei nicht allen Recht machen ist eine logische Schlussfolgerung. Aber auch das ist gut so. Hab vielen Dank, für deine Worte.

  3. Hallo Jasmine, danke für den Text! Ich bin ebenfalls eine Wochenendemutter für meinen Sohn, der beim Vater geblieben ist, aus den selben Gründen wie Deine Kinder. Allerdings ist unsere Tochter mit mir gekommen, und mit meinem neuen Mann habe ich mittlerweile ein weiteres Kind. Die Situation ist komplex und ungewöhnlich, aber es ist nach ein paar Jahren harter emotionaler Arbeit okay für alle Beteiligten. Das Wichtigste ist, dass es jedem Kind gut geht, und das tut es für manche Kinder eben in der alten Umgebung eher. LG

  4. Hallo Jasmin, danke für diesen Text. Er hat mich so sehr berührt. Befinde mich gerade in der Trennungsphase und es wird darauf hinaus laufen und ich fahre Achterbahnen rauf und runter und niemanden so wirklich zum Anvertrauen… Aber es auch für uns der vermeintlich richtige/vernünftige/einzige Weg… Ich suche Gleichgesinnte, vielleicht finde ich auch hier welche?

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