Sind Rituale in der Familie wirklich wichtig?

Wenn man sich mit der Beziehung zu Kindern und dem Umgang in der Familie auseinandersetzt, ist es egal welche Bücher man liest, das Wort ‚Rituale‘ und ihre Wichtigkeit wird immer wieder betont. Aber sind Rituale wirklich so wichtig? Sind Eltern gleich schlechte Rudelführer, nur weil sie von sich behaupten, keine Rituale in ihrer Familie eingeführt zu haben? Oder gibt es Familien ohne Rituale vielleicht gar nicht und die betroffenen Familien wissen nur nicht, dass sich doch einige Rituale in ihrem Alltag auffinden?

Was sind Rituale eigentlich genau?

Du kommst verschlafen die Treppe hinunter und stolperst erst einmal zur Kaffeemaschine, damit du die Augen überhaupt aufbekommst, um damit die sozialen Kanäle auf deinem Smartphone zu checken. Oder vielleicht gehört für dich eher die morgendliche Zeitung und ein Tee zu einem guten Start in den Tag?!
Die Kinder wollen täglich aus dem gleichen Becher trinken, immer auf dem gleichen Stuhl sitzen oder die gleiche Brotdose mit zur Schule nehmen.
Wenn ihr euch über den Tag voneinander verabschiedet, gibt es immer einen Abschiedskuss und ein fröhliches Winken.
Auf der Arbeit wird immer erst die Empfangsdame nett begrüßt, bis dann den Arbeitskollegen im Aufzug zugenickt wird. Im Büro wird als erstes der Rechner hochgefahren.
Fahrt ihr mit dem Auto, ist der erste Griff immer beim Autoradio, bevor ihr euch anschnallt und den Wagen startet.
Bei der partnerschaftlichen Zweisamkeit ist immer er derjenige, der die Initiative ergreift, dafür raucht sie die Zigarette danach.

Rituale sind überall, manche davon begleiten unseren Alltag so beständig, dass es euch gar nicht auffällt, dass aus einer Gewohnheit bereits ein Ritual geworden ist.
Aber was macht aus einer Gewohnheit ein Ritual?

Rituale haben immer einen festen Anfang und ein klares, vorhersehbares Ende. Sie erzeugen eine Stimmung und Emotionen, helfen dabei Gefühle besser zu verarbeiten oder dabei immer die gleichen Gefühle (z.B. Geborgenheit) zu kreieren.
Ob es der gleiche Ablauf der Trauerfeier ist, der es uns ermöglicht den Abschied des Verstorbenen besser zu akzeptieren oder das Geburtstagslied und das Ausblasen der Tortenkerzen, die in uns Freude hervorrufen. Beides sind Rituale die in uns Emotionen wecken oder sie verarbeiten lassen. Und sie machen Wandel und Veränderungen in unserem Alltag erträglicher.

Rituale können eine Zusammengehörigkeit und ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen. Denn die Werte und Normen werden in dem Zusammenhang von der Gemeinschaft gleich bemessen. Dadurch entsteht ein Wir-Gefühl.

Rituale vermitteln aber auch Sicherheit in ungewohnten oder Stresssituationen. Wird der Rhythmus gestört entsteht Stress. Ein routinierter Ablauf dagegen strahlt Ruhe aus. Wir haben das Gefühl mehr Kontrolle über den Alltag und unser Leben  zu haben.

Familie Rituale

Rituale in der Familie

Laut den Forschern und Wissenschaftlern sind Rituale in der Familie besonders wichtig. Die Handlungsabläufe würden für die Kinder dadurch erkennbar. Sie wissen genau was als Nächstes kommt, können sich dadurch besser auf die Situation einstellen und Vorfreude stellt sich ein.
Diese Emotionen werden an Handlung gebunden. Eine Gute-Nacht-Geschichte kreiert beispielsweise eine geborgene Atmosphäre. Dadurch sollen die Kinder besser entspannen können, wodurch sie folglich besser in den Schlaf finden.
Die Welt wird absehbarer und dadurch wird sie für die Kinder und die Erwachsenen weniger stressreich.

Aber Rituale sind somit nicht nur für Kinder nützlich, sondern sie Unterstützen auch die Eltern. Mit Ritualen lässt sich der manchmal doch sehr chaotische Alltag besser strukturieren. Sie fungieren jedoch auch als kleine „Familienhelfer“: während der Abwesenheit der Eltern, bei  einer Date-Night zum Beispiel, hilft die abendliche Zu-Bett-Geh-Routine den Kindern, sich auf die Situation mit dem Babysitter besser einlassen zu können.

Bevorzugen wir Zuhause Rituale oder ist das alles Humbug?

Ganz genau lässt sich das für uns leider nicht wirklich festlegen. Wir haben uns nie zusammen gesetzt und gesagt: „So, nun lass uns mal ein paar Rituale einführen!“, sondern sie haben sich irgendwie in unserem Zusammenleben so ergeben.

Als unsere Tochter noch ein Baby war, mussten wir drei uns natürlich erst einmal aneinander gewöhnen. Wir mussten uns kennenlernen und auch heute ist dieses Kennenlernen noch nicht abgeschlossen, denn wir wachsen täglich an einander.
Wenn Eltern ihr Baby jedoch eine Zeit lang beobachten, die Bedürfnisse des Kindes erkennen und wissen, was ihrem Baby und auch ihnen selbst gut tut, dann ergeben sich Rituale.

Ich weiß zum Beispiel noch genau, während der blöden 3-Monats-Koliken haben wir eine Menge ausprobiert. Wir haben gesalbt, massiert, gewärmt und getröstet, geschuckelt und getragen. Irgendwann hatten wir den Dreh dann heraus und es wurde zum Ritual, dass unsere Tochter abends im Fliegergriff auf Papas Arm lag. Für die Beiden war das eine wertvolle Zeit, denn sie konnte sich auf ihren Papa verlassen und er fühlte sich gebraucht. Ganz schön sinnvoll, oder?

Heute allerdings sieht es anders aus, denn die Tochter fliegt nicht mehr jeden Abend auf dem Unterarm ihres Papas durchs Wohnzimmer. Bedürfnisse verändern sich, weil wir uns entwickeln. Aus diesem Grund halte ich von stoischen Ritualen eigentlich gar nichts.
So viel Sicherheit ihre Festgefahrenheit auch gibt, so flexibel sind jedoch auch die Bedürfnisse in einer Familie. Was heute noch gut tut, muss sich morgen schon lange nicht mehr richtig anfühlen.

Aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass wir unserer aller Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche im Auge behalten und unsere Rituale nach ihnen ausrichten, anstatt uns in das unflexibele Gerüst eines Rituals zu pressen.

Wir müssen nicht zwanghaft immer ein Buch zusammen lesen, weil das ja immer so war. Wir können auch einfach mal vom Tag erzählen, eine Massage geben oder ein Lied singen. Wichtig ist, meiner Meinung nach, der Gedanke dahinterwir sind abends noch einmal zusammen; ich nehme mir nur Zeit für dich; wir kreieren eine liebevolle und geborgene Atmosphäre, aber wir bestimmen zusammen was uns heute gut tut.
Auf diese Weise können wir die Kinder mit gestalten lassen, geben ihnen das Gefühl ernstgenommen zu werden und wichtig zu sein.

Ein weiteres Beispiel dafür ist unsere Tischsituation während der Mahlzeiten. Wenn es uns nur irgendwie möglich ist, nehmen wir jede Mahlzeit gemeinsam ein, zumindest sitzt unsere Tochter nie allein am Esstisch.
Das Ritual wird also damit eingeläutet, dass jemand den Tisch deckt und wir gemeinsam Platz nehmen. Immer auf den gleich Plätzen, das fühlt sich sicher an. Wenn die Großeltern jedoch zu besuch sind, möchten sie neben ihrer Enkelin sitzen und auch die Kleine findet es toll. Kein Problem für uns, auch wenn es sich, zugegebener Maßen, befremdlich anfühlt die Esssituation aus einer anderen Perspektive einzunehmen.
Allerdings ist das Ritual, was so klar begonnen hat, nicht damit beendet, dass wir alle sitzen bleiben, bis der Letzte fertig ist. Unsere Tochter darf aufstehen wann immer sie mag und für sich das Ritual beenden.
Wir Erwachsenen bleiben dann jedoch noch sitzen und warten aufeinander. Wir sind erwachsen und haben Geduld. Und wir nutzen das Ritual noch einmal auf eine andere Weise als unsere 18 Monate alte Tochter dies tut. Für uns gibt es keinen Sinn unser Ritual dadurch zu stören, indem wir sie zwanghaft dazu bringen wollen, doch bitte sitzen zu bleiben. Das widerspricht ihrem Bedürfnis des Bewegungsdrangs und zwangsläufig meinem Bedürfnis in Ruhe meine Mahlzeit einzunehmen.

Rituale Esstisch

Gibt es dennoch festgefahrene Rituale in unserem Alltag?

Gewisse Situationen benötigen jedoch auch bei uns einen festen Ablauf mit Ritualen.
Wir küssen uns zum Abschied – immer. Wir winken einander wenn wir uns trennen, mit einem Lächeln im Gesicht und wir trennen uns nie im Streit. Das ist uns wichtig und das soll auch erst einmal so bleiben.

Auch unsere drei Arbeitstage pro Woche benötigen einen festen Rahmen, damit wir uns alle drei mit der Situation gut abfinden können.
So mache ich mich immer zuerst fertig, dann unsere Tochter. Sie wird immer erst sanft mit angenehmer Musik geweckt (da sie normalerweise immer noch 2 Stunden länger schlafen würde und somit nicht zu ruppig aus dem Schlaf gerissen wird).
Da gilt es Windeln und Kleidung zu wechseln, Zähneputzen, Haare kämmen. Immer in der Reihenfolge, und unsere Tochter weiß mittlerweile genau, was als Nächstes kommt.

Bei der Tagesmutter bleibe ich immer noch 10 Minuten und sizte mit meiner Tochter auf dem Sofa. Ich unterhalte mich mit der Tagesmutter ganz in Ruhe und ich kuschle mit meiner Tochter noch, während sie auf meinem Schoß sitzt. Ich möchte eine angenehme Übergangsphase kreieren.
Es gab einen Tag, da waren wir in Hektik, weil wir zu spät waren. Ich zog ihr nur kurz die Jacke aus und als ich mich flüchtig veraschiedete, war das Theater zum ersten Mal seit der Eingewöhnungszeit wieder groß.
Das kommt nun für mich nicht mehr in Frage, lieber komme ich zu spät zur Arbeit. Erwachsene und Büro-Kram können warten, meiner Tochter kann ich einen misslungenen Tag jedoch nicht wiedergeben.
Zum Abschied gebe ich ihr immer einen Kuss und verabschiede mich.

Wenn ich mittags wieder komme rennt sie zuerst freudig durch die Gegend bis ich mich zu ihr hinunter knie und ihr einen Kuss gebe, dann nehme ich sie auf den Arm. Und wir verabschieden uns mit einem Winken gemeinsam bei der Tagesmutter. Im Auto stelle ich den Rückspiegel dann auf ihre Augenhöhe, damit wir kommunizieren können und sie mir massig Luftküsse durchs Spiegelbild senden kann.

Zuhause gibt es dann immer direkt Essen. Nach dem Essen spielt Papa oder Mama mit ihr, der andere räumt die Küche auf. Dann spielen wir noch gemeinsam. Läuten mit einem kurzen Kinderfilm-Film die Abendsituation ein, damit sie vom Spielen in den Ruhe-Modus gelangen kann. Reibt sie sich die Augen, fragen wir sie ob sie müde ist. Dann macht ein Elternteil die Abend-Flasche fertig, der Andere macht sie bettfertig.
Dann liegen wir, abendlich abwechselnd, mit ihr im Bett und es gibt Bücher, Streicheleinheiten, Massagen, und die Flasche.

Früher war es ganz klar das Einschlafstillen oder Stillen überhaupt das ein besonderes Ritual für uns war. Es brachte uns eine Ruhe-Insel im Alltag, Geborgenheit und Sicherheit. Dadurch haben wir sogar die ersten Tage in der neuen Umgebung im Urlaub gut gemeistert.

Und wie sieht es bei euch aus? Habt ihr Rituale die euch bewusst oder unbewusst sind? Oder sagt ihr: „Das passt nicht zu uns!“? Erzählt mal, es interessiert mich sehr.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Muttiple Choice – 7 Mamas 1 Thema- Projektes entstanden. Wenn ihr also gern wissen wollt, wie andere Familien so zu Ritualen im Alltag stehen, dann schaut doch mal bei meinen lieben Kolleginnen hinein.

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Den Anfang machte Ann-Kathrin vom Blog Munchkins Happy Place.
Als nächstes folgen Julia vom Sommernachts-Chaos.
Katha vom Blog Ich und Du und Du.
Daraufhin Anja von Gänseblümchen und Sonnenschein.
Lea vom Blog Buntleben mit Lea.
Und last but not least Lisa auf Mamitilli.

Viel Spaß dabei weitere schöne Blogs zu entdecken.

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Kategorie Elternschaft, Elternschaft, Normen & Werte
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

3 Kommentare

  1. Was für ein toller Artikel. Ich stimme dir absolut zu, Rituale sollten zwar Sicherheit bieten können, dürfen einen aber auch nicht einschränken. Die Kleinen wachsen so schnell und haben in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen ganz verschiedene Bedürfnisse, die möglicherweise neue (oder auch nochmal alte) Rituale brauchen. Wir versuchen da recht flexibel zu sein. Während uns manche Rituale schon seit einigen Wochen oder Monaten begleiten und andere erst seit Kurzem, haben wir uns gegenseitig im Blick und schauen, welche Rituale uns wirklich gut tun.
    Liebe Grüße

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