Fremdenhass (Teil 3) – Wie aus Kindern Durchschnittsbürger, Suchtkranke oder Extremisten werden

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Im dritten Teil dieser Blogserie geht es darum, alle bisherigen Fäden zusammen zu führen.
Wenn ihr bisher aufmerksam mitgelesen habt, werden euch mittlerweile sicher einige Fragen auf der Seele brennen:

1. Kinder übernehmen viel von dem Weltbild ihrer Eltern. Darum werden bestimmte Verhaltensmuster immer weiter gegeben. Aber wo hat dieser Kreislauf denn überhaupt seinen Anfang?

2. Wie entsteht nun aus einem eher negativen Weltbild der Hang zum Fremdenhass?
Und von welchem traurigen Erbe war am Ende des zweiten Artikels die Rede?

Um all diese Fragen beantworten zu können, müssen wir einen genaueren Blick auf die Psyche von Kindern werfen.

Ideal(isiert)e Eltern

Schon in Teil 2 habe ich ausgeführt, wie hilflos Kinder von Anfang an sind.
Sie sind für viele Jahre darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen sie versorgen. Und diese werden nicht, wie bei Tieren, verlässlich von ihrem Instinkt dazu getrieben.
Also braucht es etwas, das Kinder wie Entenküken hinter ihren Eltern herlaufen lässt, bildlich gesehen.

Aus diesem Grund haben wir alle die Neigung, unsere Eltern bedingungslos zu lieben und zu idealisieren.
Aus Sicht der Evolution ist das sinnvoll: Würde ein Kind sich unversöhnlich von seinen Versorgern abwenden, wäre es allein und könnte höchstwahrscheinlich nicht überleben.

Also wird es, egal wie schlecht sie es behandeln, innerlich immer die Schuld bei sich suchen und sich weiter zu seinen Eltern hingezogen fühlen.

Verstärkt wird diese Tendenz dadurch, dass Gefühle wie Wut, Trauer, Enttäuschung und Verzweiflung bis heute als unpassend gelten und Kindern verboten werden. Besonders natürlich, wenn diese Emotionen mit dem elterlichen Verhalten in Verbindung stehen.
Das Kind hat dann gar keine andere Möglichkeit, als diese Gefühle gegen sich selbst zu richten und die Eltern noch stärker zu idealisieren.

„Das hat mir nicht geschadet!“ und „Sie hatten Recht damit, dass sie das getan haben!“ sind typische Aussagen von Menschen, die innerlich immer noch auf kindliche Weise ihre Eltern verteidigen.

Die Verdrängung hat Folgen

Das Verhängnisvolle am eben erwähnten Überlebensmechanismus:
Werden die negativen Gefühle, die das Kind immer wieder auf sich nimmt, nicht aufgelöst, verarbeitet und losgelassen, sammeln sie sich an.

Grob gesagt sind zwei Reaktionswege möglich:

  • Das Kind richtet diese Gefühle in Form von Aggressionen gegen sich selbst.
    Es wird mit zunehmendem Alter sein eigener Feind, weil es sich unzulänglich und minderwertig fühlt.
    Daraus entstehen Erwachsene die Depressionen, Suchterkrankungen, Zwangsstörungen und Ähnliches zeigen.
  • Das Kind versucht, sich vor den negativen Gefühlen, die es auf sich genommen hat, zu verstecken. Es projiziert sie auf andere, um sie nicht bei sich selbst zu sehen.
    Mit zunehmendem Alter schafft es sich präzise Ziele für seine Aggressionen und besetzt diese innerlich mit all dem, was es eigentlich in sich selbst ablehnt.
    Daraus entstehen Erwachsene, die emotional, sexuell oder körperlich Gewalt gegen andere ausüben und sich radikalisieren.
    Fremdenhass ist eine mögliche Form.


Ein Kreislauf entsteht

Wir können uns vorstellen, dass jemand, der tief in sich drin entweder sich selbst oder andere als minderwertig empfindet, ein angespanntes Verhältnis zum Leben hat:
Unbewusst ringt er mit Schuldgefühlen und Selbsthass.
Das belastet ihn und macht es ihm unmöglich, vertrauensvoll, offen und befreit durch die Welt zu gehen.

Wie ich schon in Teil 2 der Blogserie beschrieben habe, geben alle Menschen ihre Sichtweisen unbewusst an ihre Kinder weiter.
Das persönliche Weltbild eines jeden Menschen, der sich entschließt, ein Kind groß zu ziehen, kann auf diese Weise Ursache und Folge von potenzierter Aggression sein.
Im gesamten heutigen Artikel habe ich zur Verdeutlichung alles, was auf solch eine destruktive Haltung hindeutet, markiert.

Stellen wir uns einen beliebigen Erwachsenen vor, der insgeheim unbewusst denkt „ICH bin Schuld an allem, was mir als Kind passiert ist. Meine Eltern haben alles richtig gemacht“, sich dies aber nicht eingesteht und den Fehler deshalb bei anderen sucht.

Er hat öfter mal schlechte Laune („Immer diese unfähigen Kollegen!! Und mein Chef…! Und außerdem – diese BMW-Fahrer; wo haben die denn ihren Führerschein her??“), ist Raucher und auch ansonsten total unauffällig.
Ein ganz normaler Durchschnittsbürger eben – was ein Zeichen dafür ist, wie weit der Kreislauf schon fortgeschritten ist, nicht wahr?

Nun bekommt dieser Durchschnittsbürger mit seiner Frau ein Kind.

Die unbewussten Schuldgefühle, die er seit Kindertagen mit sich herum trägt, sind, wie gesagt, genau das: unbewusst. Er nimmt sie nicht wahr.

Sein Kind aber nimmt er sehr wohl war – es schreit sehr viel, auch wenn er es zu trösten versucht.
Das macht ihn wütend.
Seine Eltern haben ihm immer erzählt, wie ruhig ER als Kind war – wieso ist das bei seinem eigenen nun anders?
Furchtbar, dieses Kind.
Hat es sich mit seinem Chef verschworen, ihm heute den letzten Nerv zu rauben?
Was soll das?

Zum Glück kann er sich immer wieder mit einer Zigarette beruhigen. Und seiner Frau das schreiende Bündel überlassen.

Zwei Jahre später:
Das Kind hat laufen gelernt.
Keine Schublade ist mehr vor ihm sicher.
Es tapert durch die Wohnung und macht alle Schränke auf.
Mein Gott, kann es das nicht einfach lassen???
Und nun bekommt es auch noch Trotzanfälle. Unglaublich. Es schmeißt sich auf den Boden und weint, weil es die Schubladen nicht mehr anfassen darf.
Sowas hätte es zu seiner Zeit nicht gegeben.
Dieses Geheule…!!!
Der Durchschnittsbürger rauft sich innerlich die Haare. Will ruhig bleiben.
Er erklärt dem Kind, dass es einfach brav spielen gehen soll, dann gibt es kein Problem.
Es schreit weiter.
Er wird aggressiv, herrscht es an.
Was soll das, den eigenen Vater so zu provozieren??
Es hat einfach keinen Respekt, dieses tyrannische Kind!

Er setzt es als logische Konsequenz in den Laufstall, damit es eine dringend überfällige Auszeit erfährt, und muss dann schnell eine rauchen gehen, sonst flippt er noch aus…

Das Kind ist fünfzehn.
Papa sagt, rauchen darf es erst ab 18, sonst gibt es ein Donnerwetter.
Aber manchmal ist das Kind einfach wütend – und dann braucht es eine „Abkühlung“.
Zum Glück ist Papa oft unterwegs und merkt nicht, dass es manchmal mit seinen Freunden heimlich ein paar Biere trinkt.
Neulich gab es ein Problem – eine Prügelei mit ein paar Leuten aus der Nachbarklasse.
Es tat gut, einmal jemanden so richtig zu vermöbeln. Druck abzulassen.
Das Kind wurde selbst nie geschlagen, aber spürt oft so eine riesige Wut in sich… es weiß nicht, wohin damit.

Das Kind ist 22. Erwachsen.
Sie raucht seit vier Jahren und geht am Wochenende mit ihren Freunden „feiern“. Sie sind dann meist betrunken – normal. Machen ja alle.
Neulich gab es da so eine Nacht mit dem Typen aus ihrer Klasse…. nun ist die Tochter des Durchschnittsbürgers schwanger.
Sie hofft, es wird ein lieberes Baby als sie selbst es war.
SIE könnte sonst sicher nicht so ruhig bleiben wie ihr Vater…!

Das Weltbild der Eltern wird zum Weltbild der Kinder wird zu der Welt von heute

Das eben beschriebene Szenario zeigt, wie sich Unverarbeitetes immer weiter potenziert:
Eltern geben ihren Kinder unbewusst die eigenen Schuldgefühle weiter, denn sie vermitteln ihnen ihr Weltbild („DU bist der Auslöser für Probleme in der Familie. Wir anderen machen keine Fehler“).

Dies tun sie in realen Situationen, sodass die Kinder zusätzlich auch noch „echte“ Schuld auf sich laden, indem sie sich, wie früher ihre Eltern als Kind, auch für alles Negative verantwortlich fühlen, was im Alltag passiert.

Wenn destruktive Denkmuster und die damit verbundenen Probleme nicht aufgelöst werden, setzt sich der Kreislauf immer weiter fort.
Es gibt Studien, die deutlich machen, dass z.B. die Kriegserfahrungen unserer Großeltern noch heute nachwirken. Meist unerkannt.

Tatsächlich ist es so, dass die meisten von uns genau solche Muster leben.
Meine persönliche (!) Schätzung ist, dass mindestens 90% der Weltbevölkerung insgeheim mit unaufgelösten kindlichen Schuldgefühlen behaftet sind.
Die Anzahl der psychischen Erkrankungen, Gewalttaten und Radikalisierungen lässt dies vermuten.

Ganze Nationen sind auf der Suche nach Glück

Da jeder die Sehnsucht hat, ein schönes Leben zu führen, versuchen wir alle, unsere Bedürfnisse zu stillen.

Wir suchen Anerkennung, Wertschätzung und Liebe, auch wenn bzw. gerade weil wir uns selbst nicht leiden können.
Wir möchten zufrieden sein, obwohl die meisten weit davon entfernt sind.
Wir haben das Verlangen nach Sicherheit, weil wir eigentlich unsicher und die Welt für uns oft bedrohlich ist.
Jetzt werden viele von euch sagen:

„Hey, Moment mal!!!
Ich wollte diesen Artikel lesen, damit du mir etwas über Rassisten und die anderen Verrückten erzählst.
Was sollen die Schwarzmalerei und die persönliche Schiene jetzt? Was haben DIE mit MIR zu tun??

Das kann ich euch sagen – ich hoffe also, ihr hört weiter zu 🙂
Es ist einfach so:

Wie gesagt – wir suchen alle dasselbe. Wir wollen alle glücklich sein.
Was uns unterscheidet, ist bloß:

  • Wir tragen unterschiedlich viel kindliche Schuldgefühle und Schmerz mit uns herum.
  • Jeder wählt eine andere Strategie, damit umzugehen.
  • Manche sind auf dem Weg, diesen negativen Ballast abzuwerfen, weiter als andere.

Das ist der einzige Grund, warum manche Menschen meditierende Gurus sind und andere depressiv, Durchschnittsbürger (erinnert ihr euch? 😉 ), Drogenabhängiger oder eben Rassist.
Diese Liste lässt sich jetzt auch noch auf Diktator, Terrorist, Mörder, Sexualstraftäter etc. erweitern. Ernsthaft! (Schaut euch diese Links an!!!)

Je mehr Anerkennung, Liebe und Wertschätzung Menschen benötigen, desto größer ist die Gefahr, dass sie diese in Sekten oder anderen radikalen Gruppierungen suchen.
Je weiter Menschen davon entfernt sind, zufrieden zu sein, desto verzweifelter sind ihre Versuche, dies zu erreichen – auch mit extremen Mitteln.
Je unsicherer Menschen die Welt empfinden, desto bedrohter fühlen sie sich von Fremden, zum Beispiel von Flüchtlingen.
Je mehr Schuldgefühle und Aggressionen Menschen in sich tragen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie diese gegen sich selbst oder andere richten.

Der Schlüssel zum Verständnis ist, die Bedürfnisse und Glaubenssätze eines Menschen zu erkennen

Erinnert ihr euch an die Reaktionen von Menschen, die ich in Teil 1 dieser Blogserie beschrieben habe?
Lest ruhig nochmal nach – was ich dort erwähnt habe sind ganz normale Aussagen von Leuten, die man z.B. im Büro hören kann, wenn gerade über die Nachrichten diskutiert wird.
Stimmt’s?

Solche Statements von Menschen sind, wie so Vieles, eine unbewusst offengelegte Information darüber, wie ihr Weltbild ist und welche kindlichen Glaubensmuster sie immer noch haben.
Man muss sie nur deuten können.
Ich interpretiere sie folgendermaßen.

Menschen, die mit Hass und der Forderung nach Vergeltung  auf Geschehnisse reagieren, sagen damit im Grunde:

„Ich hasse Leute, die etwas falsch machen! Das darf man nicht!
Ich habe qualvoll gelernt, dass Fehltritte unnachgiebig bestraft werden.
Nun soll es allen so ergehen, wie es mir ergangen ist.
Bis sie gelernt haben, wie man so brav ist, wie ich es jetzt bin.

Menschen, die höhnisch triumphieren, wenn etwas Negatives passiert, meinen damit:

„Manchmal habe ich Zweifel, ob ich dieser Welt wirklich so sehr misstrauen muss.
Darum bin ich froh, wenn etwas Schlimmes passiert, denn es erinnert mich daran, dass die Welt wirklich schlecht ist.
Es wäre schlimm für mich, wenn es anders wäre – dann hätte ich ja mein Leben damit verbracht, unnötig Angst zu haben.
Das darf auf gar keinen Fall passieren!!!
Ich bekämpfe alle Menschen, die keine Angst haben und mich damit verunsichern.“

Menschen, die passiv unzufrieden sind, drücken damit unbewusst aus:

„Ich musste den Willen, die Welt mitzugestalten, aufgeben.
Dinge zu beklagen ist das einzige, was ich noch habe.
Es ist sehr sehr lange her, dass ich dachte, ich könnte etwas verändern.
Ich erinnere mich kaum noch.

Zum Glück haben „sie“ mir geholfen, einzusehen, dass ich ein Nichts bin. Ich bin ihnen dankbar dafür. Endlich weiß ich es.
Es war ein langer, schmerzhafter Weg, bis ich es endlich verstanden hatte.

Mir ist nur eins geblieben: Ich weiß, dass das Leben ungerecht ist.
Es muss so sein!
Das lasse ich mir nicht auch noch nehmen!!!“

Menschen, die verbitterte Resignation zeigen, erklären damit:

„Eigentlich ärgere ich mich über die Welt und das, was hier passiert.
Vor allem aber über mein eigenes Schicksal.
Es macht mich so traurig.

Aber ich will diese Gefühle nicht zulassen.
Sie zu zeigen würde bedeuten, meinen Schmerz zu offenbaren.
Und das macht mich schutzlos. Verletzlich. Angreifbar.
Außerdem glaube ich nicht, dass jemand meine Gefühle verstehen könnte.
Ich verstecke sie lieber.
So, wie ich jetzt bin, ist es besser.
Ich versuche, ganz hart und kalt zu sein.
Nur die Verbitterung kommt manchmal durch.
Aber das tut nicht so weh…“

Das liest sich alles ziemlich traurig, oder?
Das ist es auch.
Überlegt euch nur, wie viele der Menschen, die ihr kennt, in der einen oder anderen Situation so reagieren.
Das bedeutet: In allen von uns stecken Dressur, Schuldgefühle, Schmerz und Enttäuschung.

Es ist nicht immer leicht, hinter die Kulisse eines Menschen zu blicken und das zu sehen.
Aber genauso wie bei einem Kind, dessen Bedürfnis wir zu ergründen versuchen sollten, anstatt nur auf das zu hören, was es uns mit seinem begrenzten Wortschatz sagen kann, sollten wir auch bei Erwachsenen genau hinhören.

Wenn wir es schaffen, dann können wir Mitgefühl mit diesen Menschen haben.
Und auf dieser Basis ist dann konstruktive Kommunikation möglich.
Aber darüber erzähle ich euch in den nächsten Teilen mehr 😉

Die Inhalte und Schlussfolgerungen dieser Blogserie spiegeln meine persönlichen Ansichten wieder.

Beachtet hierzu trotzdem gerne auch die Links im Text 🙂

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Kategorie Entwicklung, Normen & Werte

Hallo! Ich heiße Luisa Marinelli, bin 30 Jahre alt und komme aus dem schönen Südhessen. Dort lebe ich mit meinem Lebensgefährten und unseren zwei Katern. Seit 2006 bin ich Erzieherin und im Kindergarten tätig. Dort arbeite ich bedürfnisorientiert und verschlinge in meiner Freizeit zahlreiche Literatur, um mich weiter zu bilden. Es ist mir wichtig, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ein Miteinander zu leben, das auf gegenseitiger Achtung basiert. Seit einiger Zeit schreibe ich unter dem Namen "Luma Ri" über die bedürfnisorientierte Arbeit im Kindergarten - und nun auch hier, bei Mamagogik. Ich freue mich auf die Zeit mit euch! :)

1 Kommentare

  1. Luise-Marie

    Ich finde es ganz toll was du geschrieben hast ja so ist es…
    Es ist ganz wichtig mit „Kindern „( ich sage immer kleine Menschen )auf Augenhöhe und berdürfnisorientiert zu begegnen sehe ich genauso 😊👍
    Leider ist das ganze dann wenn sie zur Schule kommen nicht mehr so !Das beginnt schon bei der Schulpflicht. …
    Außerdem fällt mir auf das immer mehr „Kinder “ die nicht in das Lehrer Bild passen zum Psychologen geschickt und mit Tabletten betäubt werden. Traurig diese Entwicklung 😢

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