Fremdenhass (Teil 2) – Wie Misstrauen in die Wiege gelegt wird

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Im ersten Teil dieser Blogserie ging es darum, dass Hass und andere negative Gefühle nicht in den aktuellen Krisen der Welt gründen, sondern latent in unserer Gesellschaft verankert zu sein scheinen.

Wir haben einen Blick darauf geworfen, welch kategorisierbaren Reaktionen Menschen zeigen, die etwas ablehnen, und festgestellt, dass das Wahrnehmen von Andersartigkeit in seinen Grundzügen ein natürlicher Vorgang ist.

Nun wollen wir weiter ergründen, wodurch dies zum alles verzehrenden Fremdenhass wird.

Unsere vor-geburtlichen Kindheitserfahrungen prägen uns

Schon im Mutterleib erfahren wir etwas von der Welt, in die wir uns bald begeben werden.
Alles, was mit dem Körper unserer Mutter passiert, berührt auch uns in irgendeiner Weise:

  • Freude, Aufregung, Ärger, Angst und anderer Stress wirken mittels Hormonen, Herzschlag und Körperspannung auf das ungeborene Kind.
  • Geräusche dringen zu uns.
  • Wir nehmen alle Stoffe, die unsere Mutter zu sich nimmt, ebenfalls auf: Nahrungsmittel genauso wie Alkohol, Nikotin und andere Drogen.
  • Es wird vermutet, dass auch Ultraschalluntersuchungen das ungeborene Kind (negativ) beeinflussen.

Während der Geburt haben wir dann die nächste unmittelbare Erfahrung mit der Welt:
Die Stimmung, mit der unsere Mutter uns gebiert (Freude, Lust, Angst, Anspannung) hat Einfluss auf unseren Hormonhaushalt und auch auf das Geburtsgeschehen.

Und: Kommen Kinder auf natürlichem Wege und ohne Interventionen zur Welt machen sie andere Körpererfahrungen als bei einer Geburt, die durch Zange, Saugglocke, Dammschnitt oder sogar einen Kaiserschnitt gelenkt wird.

Der enge Geburtskanal, durch den Babys gepresst werden, hat Einfluss auf ihre spätere Körperwahrnehmung und der ganze Geburtsvorgang ist sowohl psychisch als auch physisch die erste Herausforderung, die sie in ihrem Leben bewusst meistern müssen.
Der Verlauf unserer Geburt prägt also unser Leben entscheidend.

Die erste Trennungserfahrung – Das erste Trauma?

Nach der Geburt folgt oft unmittelbar ein weiteres Erlebnis, das im wahrsten Sinne des Wortes einschneidend ist:
Das Durchtrennen der Nabelschnur beendet endgültig die Symbiose, die wir mit unserer Mutter hatten.

Geschieht dies zu früh, nämlich bevor die Nabelschnur auspulsiert hat, wird das Neugeborene vor allem der Möglichkeit beraubt, das eigenständige Atmen sanft zu erlernen:

Auch nach der Geburt dringt mit dem Blut, das für einige Zeit noch durch die Nabelschnur pulsiert, Sauerstoff zum Kind.
Ein zu frühes Durchtrennen kappt diese Verbindung und es gerät urplötzlich in akute Atemnot!

Der berühmte erste Schrei eines Kindes ist somit oft genug dadurch begründet, dass das panische Neugeborene in einem Akt der Verzweiflung seine Lungenflügel aufblähen muss, um ein Ersticken abzuwenden – welch trauriger Start ins Außenleben 🙁

Urvertrauen in die eigene Person und das Leben entwickeln

Das Bild von der Welt, das wir im Mutterleib und später dann während der Geburt erhaschen konnten, erweitert und festigt sich in der nun folgenden Phase des Säuglings- und Kleinkindalters.

Unser Bedürfnis nach Nahrung, Ruhe und Nähe wird nach dem Auszug aus dem Mutterleib nicht mehr automatisch durch den Körper unserer Mutter gestillt.
Eltern müssen nun bewusst aktiv werden, denn der Säugling ist völlig hilflos und braucht Bezugspersonen, die ihn darin unterstützen, seine Bedürfnisse zu erfüllen.

Die einzige Fähigkeit, die er unzweifelhaft besitzt, ist, seine Umwelt durch deutliche Signale auf sich aufmerksam zu machen.
Hungrige, müde oder einsame Kinder zeigen sehr früh durch gewisse Zeichen ihren Gemütszustand an. Erst, wenn dies keine Beachtung findet, nutzen sie das Schreien als letztes und deutlichstes Mittel, um endlich versorgt zu werden.

Achtsame Menschen werden dies frühzeitig tun und in der Gewissheit leben, dass das Kind sich durch ihr Beispiel selbst Strategien zum Stillen seiner Bedürfnisse aneignet.
Durch die natürlich vorhandene intrinsische Motivation des Kindes wird es dann früher oder später eigenständig handeln, soweit es das entwicklungsbedingt vermag.

Dieser Verlauf ist gerade in der Bedürfnisorientierten Erziehung längst bekannt und erprobt; er stellt eine wunderbare Möglichkeit dar, einem Kind ein quasi unerschütterliches Vertrauen in sich und die Welt zu vermitteln:
Es erlebt schon in dieser frühen Phase, dass es fähig ist, erfolgreich mit der Umwelt zu kommunizieren. Dies ist entscheidend für Wahrnehmung und Wertschätzung der eigenen Integrität!
Seine Bezugspersonen werden ihm als verlässlich erscheinen, und das wiederum prägt sein Vertrauen in die Welt ansich.

Vertrauen schafft Sicherheit, und die ist für Menschen wie Dünger für eine kleine Blume:
Wir wachsen dadurch. Gerade bei Kindern entwickelt sich das Gehirn dann rasend schnell und bildet sich viel facettenreicher und differenzierter aus als bei jenen, die Urvertrauen nicht erlangen und dadurch gehemmt sind.

Wie Urmisstrauen entsteht

Manche Menscheneltern sind psychisch oder physisch nicht in der Lage, ihrem Kind eine verlässliche Bezugsperson zu sein.

Einige erliegen auch Vorstellungen von Erziehung, die die Beziehung zu ihrem eigenen Kind verletzen, untergraben, teilweise oder gänzlich zerstören.

Es ist völlig undenkbar, dass eine Tiermutter ihr schreiendes, bedürftiges Kind zurücklässt, weil sie bestimmten moralischen Grundsätzen folgt („‚Man‘ macht das eben so!“).
Manche Menschen dagegen lassen ihr Kind bewusst schreien, anstatt ihm frühzeitig und verlässlich das anzubieten, was sie ihm geben könnten: Nahrung, Nähe, Geborgenheit, Trost.

Sie reagieren nicht oder nicht immer auf den Säugling, sodass er in ständiger Angst lebt, einmal nicht versorgt zu werden.
Sie sind emotional und/oder körperlich distanziert, überlassen das Baby damit innerlich und/oder äußerlich sich selbst.
Dieses Verhalten führt dazu, dass das Kind erlebt, keine Kontrolle darüber zu haben, ob man sich um es kümmert oder nicht. Es stumpft ab, um diese Hilflosigkeit zu ertragen.
Die Welt wird ihm als bedrohlich und beängstigend erscheinen.

Der Stress, den dies bedeutet, verursacht, dass das Gehirn sich um einiges langsamer entwickelt. Die Kinder zeigen wesentlich weniger Antrieb, ihre Umwelt zu erkunden. Lernen fällt ihnen schwer, weil sie unbewusst viel zu sehr damit beschäftigt sind, der Gefahr einer für sie feindlich oder unsicher erscheinenden Welt zu trotzen.

Oft unterschätzt:
Kinder orientieren sich am Vorbild ihrer Eltern!

Kinder werden als soziale Wesen mit vergleichsweise kümmerlichen Instinkten geboren und sind darauf angewiesen, sich durch andere Mittel schnellstmöglich an die Menschen, die sie versorgen, anzupassen.
Deshalb sind sie wahre Meister im Sammeln und Verwerten von Eindrücken!

Hierzu besitzen Kinder etwas, das bei Erwachsenen oft durch Erziehung „verschüttet“ worden ist:
Körpergefühl, Intuition und die Fähigkeit, feinste Energien des Gegenübers (Stimmungen, Emotionen, Erwartungshaltungen) aufzufangen.
Dies ermöglicht dem Kind, seine Umwelt genau wahr zu nehmen und von ihr zu lernen.

Wie eine kleiner Resonanzkörper reagiert es feinsinnig auf das, was ihm begegnet.

Hier liegt übrigens die Antwort auf die meisten Probleme, die Eltern in der Beziehung mit ihrem Kind haben:
Das Kind verhält sich auf eine Art und Weise, die die Erwachsenen als negativ empfinden. Sie merken dabei nicht, dass das Kind lediglich in Resonanz zu ihnen geht und etwas, das unbewusst in ihnen ist, spiegelt.

Diese wunderbare, meist verkannte Fähigkeit führt dazu, dass Eltern sogar Ansichten, die sie vor sich selbst verleugnen, unbewusst an ihr Kind weiter geben.
Auch ein Baby fängt schon feinste Signale auf, über deren Aussendung wir uns garnicht bewusst sind.
Sie prägen seine Sichtweise auf sich selbst und das Leben.


Im nächsten Teil dieser Blogserie werden wir alle Fäden zusammen führen:
Wir werden sehen, wie dieses frühzeitig erworbene Weltbild uns weitreichend beeinflusst und welche Faktoren außerdem eine Rolle spielen.
Ihr erfahrt, wie Liebe oder auch Hass daraus entstehen können.
Und ich verrate euch, welch trauriges Erbe die Menschheit seit Generationen weiterreicht.

Ich freue mich, wenn ihr dabei seid 🙂


Die Inhalte und Schlussfolgerungen dieser Blogserie spiegeln meine persönlichen Ansichten
wieder.
Beachtet hierzu trotzdem gerne auch die Links im Text 🙂

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Kategorie Entwicklung, Gesundheit & Psyche, Normen & Werte

Hallo! Ich heiße Luisa Marinelli, bin 30 Jahre alt und komme aus dem schönen Südhessen. Dort lebe ich mit meinem Lebensgefährten und unseren zwei Katern. Seit 2006 bin ich Erzieherin und im Kindergarten tätig. Dort arbeite ich bedürfnisorientiert und verschlinge in meiner Freizeit zahlreiche Literatur, um mich weiter zu bilden. Es ist mir wichtig, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ein Miteinander zu leben, das auf gegenseitiger Achtung basiert. Seit einiger Zeit schreibe ich unter dem Namen "Luma Ri" über die bedürfnisorientierte Arbeit im Kindergarten - und nun auch hier, bei Mamagogik. Ich freue mich auf die Zeit mit euch! :)

3 Kommentare

  1. Pingback: Fremdenhass (Teil 1) – Nazi-Überbleisel oder gesunde Abwehrreaktion? – Mamagogik

  2. Pingback: Fremdenhass (Teil 3) – Wenn die eigenen Dämonen sich gegen andere wenden – Mamagogik

  3. Hallo.
    Schade… im allgemeinen finde ich den Blog hier wirklich gut. Ich hatte bis vor 10 und 6 jahren jeweils einen Kaiserschnitt und hatte nie schlechte Gedanken damit, habe die Geburt als lebensrettend erlebt und fühlte mich immer bestens versorgt…. bis vor ca 3 Jahren, als ich das erste Mal auf einen Artikel dieser Art stieß und es lange und intensiv nachwirkte. Schuldgefühle plagten mich und Alpträume… bis es letztendlich in einem Suizidversuch endete. Heute nach einer längeren Therapie kann ich wieder einigermaßen damit umgehen…

    Meine Bitte also: bitte liebe Bloggerin, denk auch an die Mütter die einen Kaiserschnitt hatten und/oder nicht ihre Geburt so natürlich erleben konnten. Der Gedanke, dass das eigene Kind so gelitten hat ist nahezu unerträglich für liebende Mütter, denn das tun auch Kaiserschnittmütter: ihre Kinder lieben. Und hättest du nicht auch ALLES getan, damit dein Kind gesund zur Welt kommt und dir nicht unter der Geburt verstirbt? Oder hättet ihr es sterben lassen, weil es nicht auf natürlichem Wege geboren worden wäre?

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