Fremdenhass (Teil 1) – Nazi-Überbleisel oder gesunde Abwehrreaktion?

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Ein Sportreporter lobt auf seinem Facebook-Profil Angela Merkel und wird dafür angefeindet.
Die ELTERN-Zeitschrift druckt ein Cover, auf dem eine Mutter mit Kopftuch zu sehen ist, und erfährt einen Shitstorm sondergleichen.

Dies sind nur zwei Beispiele, die mir heute morgen, innerhalb von 3 Stunden, vor die Füße gepurzelt sind. Sie stehen für unzählige weitere Situationen, in denen klar wird, wie sehr der Hass manche Leute treibt.

Man könnte nun sagen, dass das eine verständliche Reaktion ist bei der momentan so angespannten Situation: Syrienkrieg und IS-Terror stehen nun mal direkt vor unserer Tür.

Ich denke: Nein.
Hass, Frust und Unzufriedenheit reichen viel tiefer.
Sie sind fest in unserer Gesellschaft verwurzelt und Zeichen eines tief liegenden Problems.


Es wiederholt sich immer wieder:

„Der Mob“ und sein Stimmungsbild

Nicht nur bei diesem Thema wird deutlich, wie schnell und extrem unsere Gesellschaft, unser Sozialverband, sich in bestimmte Gruppen aufteilt.

Testet es ruhig selbst!
Erinnert euch an ein negatives Ereignis, das in irgendeiner Form die Leute bewegt hat.
Das Attentat in Paris im November 2015, die jährliche Robbenjagd in der Arktis, der Missbrauch eines Kindes irgendwo auf der Welt.
Innerhalb von Sekunden hat jeder eine Haltung dazu.

Man kann die Reaktionen der Leute folgendermaßen zusammenfassen:

  • Vergeltung fordernder Hass:
    „Diesen nichtswürdigen Tätern sollte es genauso ergehen wie ihren Opfern!“
  • Höhnischer Triumph:
    „Ich wusste es!!! Ich habe es immer gesagt! Aber ihr wolltet mir ja nicht glauben…!“
  • Passive Unzufriedenheit:
    „War ja klar, dass so etwas passiert! Und die Politik / Kirche / andere Machthaber sind dafür verantwortlich! Ich sage doch schon lange, dass sich etwas ändern muss, aber es tut ja keiner was!“
  • Verbitterte Resignation:
    „Ja, so sind wir Menschen. Traurig. Es würde der Welt echt besser gehen ohne uns!“

Rationale Betrachtungsweisen und tiefergehende Analysen der Situation, getragen vom ernsthaften Wunsch, etwas daraus lernen zu wollen, werden von vielen Leuten ignoriert.

Warum ist das so?
Woher kommt all dieser Hass, der Frust und die Unzufriedenheit?
Und gibt es Chancen, diesen Zustand nachhaltig zu ändern?


Gründe für Gruppenbildung

Die Bedürfnisse nach Sicherheit, Nähe und Geborgenheit liegen uns im Blut, denn nur dadurch war es uns in der Vergangenheit möglich, zu überleben.
WIE diese Bedürfnisse gestillt werden, ist nicht so wichtig – aber DASS sie gestillt werden.
Eine nahe liegende Form ist, sich in einem Sozialverband zusammen zu tun, der bestenfalls alles auf einmal verspricht.

Damit eine solche Gruppe Bestand hat, muss es etwas geben, das sie zusammen hält.
Neben gemeinsamen Interessen ist es das immer wiederkehrende Gefühl, dass genau HIER die Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder am besten gestillt werden. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass andere Gruppen das weniger gut schaffen.
Indem Andere abgewertet werden, wertet man also sich selbst auf.

In gewissem Maße ist der Vergleich mit Anderen wahrscheinlich unvermeidbar – nur so gelangen wir ja zu der Erkenntnis, was /wer uns gut tut.
Aber ein Mensch, der sich in einer Gruppe wohl fühlt und weiß, dass andere Sozialverbände für ihn nicht so sehr geeignet sind, muss deshalb noch lange kein Rassist sein.


Welche Faktoren sind also noch notwendig?
Und woher kommen die Unzufriedenheit und Frustration der heutigen Gesellschaft?

Um das zu beleuchten, müssen wir ganz zum Anfang des Lebens gehen…
… Und das tun wir im nächsten Teil dieses Artikels 🙂


Die Inhalte und Schlussfolgerungen dieser Blogserie spiegeln meine persönlichen Ansichten wieder.
Beachtet hierzu trotzdem gerne auch die Links im Text 🙂

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Kategorie Normen & Werte

Hallo! Ich heiße Luisa Marinelli, bin 30 Jahre alt und komme aus dem schönen Südhessen. Dort lebe ich mit meinem Lebensgefährten und unseren zwei Katern. Seit 2006 bin ich Erzieherin und im Kindergarten tätig. Dort arbeite ich bedürfnisorientiert und verschlinge in meiner Freizeit zahlreiche Literatur, um mich weiter zu bilden. Es ist mir wichtig, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und ein Miteinander zu leben, das auf gegenseitiger Achtung basiert. Seit einiger Zeit schreibe ich unter dem Namen "Luma Ri" über die bedürfnisorientierte Arbeit im Kindergarten - und nun auch hier, bei Mamagogik. Ich freue mich auf die Zeit mit euch! :)

4 Kommentare

  1. Hallo,
    Danke für den informativen Artikel, bin gespannt auf den nächsten Teil!
    ich hab leider beruflich mit Fremdenhass und -hassern zu tun und finde oft noch ein weiteres Motiv als die von dir angesprochenen. Das unbedingte Streben, etwas besser zu wissen als andere. Diese Fremdenhasser verabscheuen die toleranten „Gutmenschen“ und halten sie für dumm und naiv. Sie wähnen sich im Besitz der wahren Informationen und der einzigen Wahrheit über „die Ausländer“. Da gibt es eine Überschneidung zu Verschwörungstheoretikern, die auch an unbewiesene Dinge glauben, die „die da oben“ verschweigen. Und an diesem vermeintlichen Wissen wird sich verbittert festgehalten (ähnlich wie die ausufernden Impf-Diskussionen) und die Standpunkte werden immer extremer. Genauso wie die vernünftige Tatsache „Ja, es gibt Impfschäden, aber nach aller Abwägung aller zuverlässigen Quellen ist das Risiko gering, der Nutzen groß“ wird die vernünftige Aussage „Ja, es gibt auch verdammt blöde Ausländer, aber der Anteil ist in etwa so hoch wie der Anteil der blöden Deutschen“ nicht mehr anerkannt.
    Was hinter dieser Spirale steckt, würde mich auch mal interessieren.

    • Liebe Manana,
      herzlichen Dank für deine wichtige Anregung – ich habe sie gleich mal in den Artikel aufgenommen 🙂
      Der nächste Teil steht schon in den Startlöchern… ich freue mich, dass du mitliest 🙂

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