Speckröllchen und Schwabbel-Po – Bist du deinem Kind ein gutes Vorbild?

Vor kurzem äusserte sich eine Bekannte abfällig über ihre Figur, die sie nach ihrer Schwangerschaft erwarte . Zu beachten ist jedoch dabei, dass eben jene Bekannte zu diesem Zeitpunkt mit dem zweiten Kind hochschwanger, aber sehr schlank war. Es war also zu erwarten, dass sie nach dieser Schwangerschaft schnell wieder zurück zu ihrer schlanken Figur finden sollte.

Ich selbst kämpfe seit meiner Kindheit mit Übergewicht aufgrund einer Stoffwechselstörung, was durch meine Schwangerschaft vor über einem Jahr,  nicht zum positiven beeinflusst wurde. Ich war daher zunächst sehr verärgert über ihren Kommentar.

Ich dachte lange über ihre Aussage nach. Dass eine junge Frau sich schon während der Schwangerschaft, einer Zeit die sie eigentlich entspannt genießen sollte, Gedanken über ihren After-Baby-Body machte, ist fern von gesund.

Woher solch ein Denken kommt, fragt sich niemand mehr. So präsentieren sich prominente Mütter bereits wenige Tage bis Wochen nach der Geburt in körperlicher Bestform mit durchtrainiertem Sixpack. Heidi Klum spaziert für Unterwäschemarken über den Laufsteg und Charlotte Würdig versucht öffentlich mit Daniela Katzenberger zu wetteifern, wer den besseren After-Baby-Body hat.

Das Resultat

Durch meine jahrelange Arbeit als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie macht mich dieses Thema sehr betroffen.

Ich habe Kinder und Jugendliche erlebt, die sich dermaßen aushungerten, dass es zu einem Stillstand der Pubertät kam und die kaum selbstständig gehen konnten. Deren Körper so ausgezehrt war, dass er nicht mehr mit einfachsten Infektionen klarkam, die jeder gesunde Mensch gar nicht bemerken würde.

Die Hintergründe dieser Kinder waren sehr unterschiedlich und nicht jede Essstörung beruht auf dem Gedanken noch schlanker werden zu müssen.

Patienten bei denen dies jedoch der Fall war, hatten oft ähnliche Geschichten.

Da war die 14 jährige, die im Schulsport zusammenbrach, nachdem sie gemeinsam mit ihrer Mutter eine Diät machte.

Da war die 10 jährige, deren Schulfreundin in einem Streit äusserte , dass sie zu fett sei. Dieses Mädchen weigerte sich den süßen Antibiotikasaft zu schlucken, da sie Süße mit Zucker und damit mit Kalorien assoziierte.

Da war der 16 jährige, der sich von 80 auf knapp 60 Kilo herunterhungerte, weil sich jemand abfällig im Internet über sein Gewicht äusserte. Dass dieser Junge jedoch fast 1,90 m groß war, wurde dabei nicht bedacht.

Ein Umdenken in der Gesellschaft?

Unsere Kinder werden heute von allen Seiten mit dem Thema Gewicht und Figur konfrontiert, Zeitschriften, Stars aus Film und Fernsehen, Freunde und Fremde be- und verurteilen permanent Äusserlichkeiten und geben uns  vor, was schön ist.

Als Eltern sollten wir den Kindern das sichere Nest bieten. Wir fordern lautstark die Abschaffung des Schulnotensystems oder gar des Prinzips der Benotung selbst, fordern mehr und größere Freiräume für unsere Kinder, echauffieren uns über den Leistungsdruck in allen Bereichen und starten Shitstorms gegen superschlanke Promi-Mamis mit Sixpack. Apothekenzeitschriften werden nicht verteilt, weil sie eine falsche Selbstwahrnehmung bei unseren Kindern fördern, Magermodels auf Laufstegen verboten und wir erfinden neue Spielzeugpuppen, die dem körperlichen Durchschnitt einer 19 jährigen Amerikanerin entspricht .

Es entsteht ein Wandel in unserer Gesellschaft. Das ist alles gut, denn schließlich sind dies die Vorbilder unserer Kinder. Sie bestimmen nach welchem Idealbild mein Kind strebt und welches Bild es einmal selbst von sich haben wird, zum Teil.

Wem und wie mein Kind nacheifert bestimme zunächst aber erstmal ich als Elternteil.

Mutter als Vorbild

Bist du ein Vorbild?

Da sind Mütter, die sich ständig in die so schön kuscheligen Röllchen am Bauch greifen und jammern wie fett sie sich fühlen.

Da sind Papas, die morgens am Frühstückstisch ihren Super-Bio-Whey-Protein-Shake mixen und abschätzig das Nussnougatbrötchen des Nachwuchses beäugen.

Wir üben uns heutzutage in permanenter Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen unserer Kinder und uns selbst. Schätzen ab, welche denn nun gewichtiger sind, betreiben Beziehung statt Erziehung, achten darauf nicht laut zu werden und keine unsinnigen Verbote auszusprechen. Wir sparen „Nein’s“ ein und wandeln sie in „Ja’s“ um, benutzen keine Schimpfwörter und streiten auf keinen Fall im Beisein unserer Kinder.

Die Selbstwahrnehmung ist, gemeinsam mit der Selbstbeobachtung, für die eigene Bewusstseinsbildung und das Selbstbewusstsein unentbehrlich.

Wir sind nun also dafür verantwortlich unseren Kindern eine gesunde Selbstwahrnehmung und Selbstbeobachtung vorzuleben, nicht Lady Gaga, Barbie oder Heidi Klum.

Der Schwabbel-Po und die Speckröllchen

Es gehört heute schon fast zum guten Ton unzufrieden mit seiner Figur zu sein, dass es einem kaum noch auffällt, wenn man gemeinsam mit dem Nachwuchs vor dem Spiegel steht und Wörter wie fett, Wampe, Plauze, dick, Speck, Schwabbel, etc. murmelt .

Wenn die Froschprinzessin mir mit den süßen kleinen Fingern in den Bauch piekst oder auf den Po klatscht, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich die Körperteile nicht ohne abwertende Adjektive benennen kann.

Ich habe einen „dicken“ Bauch, es heißt „Mamas Schwabbel-Popo“ und auch die Speckrollen werden schön säuberlich benannt, während das Kind all diese Begriffe wie ein Schwamm aufsaugt.

In Gesprächen mit Freundinnen werden die Abnehm-Erfolge beklatscht, während die Kleinen gestillt und die Großen mit Obst gefüttert werden.

Es wird diskutiert, wer nun in welchem Programm startet und was wann gegessen werden kann. Während wir den Kindern Bananen-Hafer-Kekse backen, werden die Punkte pro Keks berechnet und bloß das Glas Wasser vor dem Essen nicht vergessen.

Wir sollten wieder lernen uns selbst wahrzunehmen, uns zu beobachten und das Wahrgenommene zu reflektieren.

Wenn man versucht abzunehmen oder unzufrieden ist mit seinem Körper wird dies schnell zum Lebensmittelpunkt. Man thematisiert es ständig, ganz unbewusst kreisen Gedanken und Gespräche permanent nur um dieses eine Thema und unsere Kinder hören mit.

Vom Leben und Wohlfühlen

Ich muss aus gesundheitlichen Gründen abnehmen, aber ich werde keinem fremdbestimmten Ideal mehr nacheifern. Ich werde das Ziel erreicht haben, wenn ich mich wohlfühle, nicht wenn jemand sagt, dass da aber noch was geht. Ich werde mir mit meiner Tochter eine riesengroße Schüssel Obstsalat gönnen, auch wenn das so gar nicht low carb ist und weiterhin abends kochen, damit wir mit dem Papa gemeinsam essen können.

Vielleicht ist das nicht optimal für meine Figur, aber es ist gut für die Froschprinzessin.

Mein Ziel ist nicht mehr Gewicht oder Kleidergröße X, denn niemand kann mir versprechen, dass ich mich damit wirklich wohlfühle. Wohlfühlen sollte mein oberstes Ziel sein und nur dann kann ich meiner Tochter all das mitgeben, was sie braucht um nicht eines dieser Kinder zu werden weswegen wir Magermodels verbieten und neue Spielpuppen erfinden mussten.

Nadine

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Kategorie Elternschaft, Gesundheit & Psyche, Normen & Werte
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Nadine,
    es ist richtig erfrischend, wie offen und ehrlich du dieses Thema ansprichst. Vor vielen vielen Jahren habe ich eine ganz ähnliche Situation erlebt. Ich war Babysitterin eines 4-jährigen Mädchens. Ganz plötzlich weigernte sie sich, mitzuessen und stellte klar, dass sie zu dick sei und abnehmen müsse. Es hat mich total schockiert, dass bereits ein so junges Mädchen diese Aussage machte. Das war auch der Zeitpunkt, als ich mir vornahm, als Mutter solche Diät-Kommentare zu unterlassen. Kinder bekommen einfach zu vieles mit.
    Jetzt, wo ich selber Mutter bin, merke ich, dass dies gar nicht so einfach ist. Obwohl ich glücklicherweise einen positiven Gewichtsverlauf hatte, ist der Körper nach einer Schwangerschaft einfach nicht mehr derselbe. Ich kann also jede Frau verstehen, die sich in einer solchen Situation verunsichert fühlt.
    Ich glaube, man muss sich einfach selber immer wieder bewusst machen, welches die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. – Und das auch so dem Kind weitergeben.
    Ganz liebe Grüsse,
    Sabrina

  2. Ein sehr berührender Beitrag… Leider gibt es auf der anderen Seite auch das zunehmende Problem mit Übergewicht bereits in sehr jungen Jahren. Egal, worum es geht, die Kinder machen das, was wir Eltern vorleben. Wenn wir da ein Bewusstsein für gesunde Ernährung und Lebensstil haben wird das zur Normalität. Leider ist da das Bewusstsein dafür an vielen Stellen zu gering. Schlimm ist leider auch der gesellschaftliche Einfluss aus dem Umfeld wie hier auch gut deutlich wird. Das ist eine echte Herausforderung, Kinder davor zu schützen….

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