Die Wahrheit über das Dasein als Mutter

Es gibt Dinge, die malen wir uns im Kopf in den schillerndsten Farben aus. Wir sehen es bei Anderen und möchten entweder genau das Gleiche oder haben schon ganz genau im Kopf, was wir anders machen würden. Wir sehnen uns danach, endlich an ihrer Stelle zu sein und können es kaum abwarten.

Genau so ging es mir, als ich mich als 13-Jährige auf meinen 16. Geburtstag freute. Ich dachte, die Welt würde dann endlich mir gehören. Als es dann soweit war, steckte ich im tiefsten Liebeskummer, mich nervte die Schule und irgendwie wollte ständig irgend jemand etwas von mir. Von unbeschwert die Freiheit genießen, war ich also weit entfernt.

Dann träumte ich davon endlich 18 zu sein. Erwachsen, also rein rechtlich. Ich malte mir aus, wie ich an den Wochenenden von einem Club in den nächsten hüpfen sollte. Wie ich mit meinem Auto grenzenlos und jederzeit dahin gelangen konnte, wohin ich wollte. Endlich den öffentlichen Verkehrsmitteln den Rücken kehren und damit nie wieder in der Kälte auf eine Beförderungsmöglichkeit warten.
Und dann war es soweit und ich steckte in einer postpubertären Midlife-Crisis. Ich sollte mich plötzlich entscheiden womit ich bis zum Ende meines Lebens mein Geld verdienen wollte, steckte im tiefsten Liebeskummer, bekam die ersten Rechnungen, Autofahren war ganz schön teuer und ständig wollte irgendwer etwas von mir.

Mutter, Vater, Kind

Wovon ich jedoch schon viel eher geträumt hatte, war eine eigene kleine Familie. Bereits im Kindergartenalter spielte ich gern mit Jungen (wahlweise auch gern Mädchen) Rollenspiele wie „Vater, Mutter, Kind“. Der Vater ging arbeiten und ich kümmerte mich um das Baby mit den Plastikhaaren. Ich ging mit dem Baby im Puppenwagen spazieren und stellte mir vor, wie jeder mich um mein Baby beneidete. Ich wog es behutsam in den Schlaf und es schlief direkt tief und fest ein, so dass ich genug Zeit hatte in der Holzküche das Essen für mich und den Papa zubereiten konnte.

Irgendwann, ein paar Jahre später überlegte ich mir, dass ich gern 2 Kinder haben wollte, einen Jungen und ein Mädchen (in der Reihenfolge, damit er der große Bruder sein könnte, den ich mir selbst immer gewünscht hatte), dass ich mit 26 soweit wäre zu heiraten und das erste Baby zur Welt zu bringen.
Dann war es soweit und ich steckte noch mitten im Studium, war mit einem Kerl zusammen, mit dem ich mir nicht vorstellen konnte ein Kind zu bekommen.

Die ersten Bekannten und Freunde gründeten eine Familie und ich merkte so langsam, dass mein Plan nicht aufging. Und je mehr es mir bewusst wurde und je weiter sich mein Traum von mir entfernte, desto schlimmer wurde es für mich, an dem jungen Familienglück von Freunden Anteil nehmen zu müssen. Ich wollte meinen wunderschönen Kugelbauch auf einem Rapsfeld in die Kamera halten. Mein Baby dann im Arm halten, friedlich mit ihm kuscheln und jeden Tag mit dem Kinderwagen im Sonnenschein spazieren gehen. Später wollte ich jeden Tag auf den Spielplatz gehen, gemeinsam malen und basteln und so viele Herzensmomente sammeln, dass ich vor Glück platzen sollte.

Auf der Zielgeraden

Und dann endlich war es so weit: ich war schwanger. Dass die Schwangerschaft keine Ansammlung von Bilderbuch-Momenten war, hab ich bereits beschrieben. Die Panik vor der Geburt und die letztendliche Abschlussprüfung der Schwangerschaft holte mich ebenfalls zurück in die Realität. Kinderkriegen war kein Zuckerschlecken.

Dann kam die erste Zeit mit dem Baby, eine Zeit, in der man auf einer rosa Plüschwolke über der Realität schweben sollte – wären da nicht das Wochenbett und all die Hormone gewesen.

Ich ahnte immer mehr, dass Barbie eine Heuchlerin war, Bullerbü in Utopia unbenannt werden sollte und die Eltern von Hänsel und Gretel zwar drastische, aber nachvollziehbare Mittel eingesetzt hatten, damit sie mal wieder Zeit für sich haben sollten.

Aber was genau war denn so anders, als ich es mir vorgestellt hatte? War mir denn nicht klar, welche Veränderungen so ein kleiner Mensch in mein Leben bringen sollte? Hatte mich denn niemand drauf vorbereitet?

Nun ja, ich kann mich noch an diverse Sätze von Frauen erinnern, die bereits Kinder hatten:

Stell es dir nicht so einfach vor! Wenn du erst einmal die Verantwortung für ein Kind trägst, stehst du erst mal hinten an!

Genieße deine Freiheiten, so lange du sie noch hast.

Ich verstand aber eigentlich nur bla bla bla. Ich wollte ein Baby. Ich wollte es lieb haben, seine kleinen Händchen fassen, die Babyhaut streicheln, an dem Köpfchen riechen und die Füßchen küssen. In meiner Vorstellung war kein Platz für Realität und keine Zeit, mir Dinge vorzustellen, von denen ich noch keine Ahnung haben sollte. Ich war zu beschäftigt damit zu träumen.

This is real world

Und dann kamen die Nächte ohne Tiefschlafphasen. Nächte in denen ich so genervt war, dass ich mich selbst nicht mehr erkannte – in denen ich alles für eine Nacht getan hätte, in der ich allein in einem Bett hätte schlafen können.

Es kamen Schrei-Tiraden in denen ich nicht wusste, ob ich vor Verzweiflung mit heulen, vor Hilflosigkeit das Handtuch werfen oder vor Überlastung das Kind einfach schreien lassen oder nur mal kurz schütteln sollte.

Es kam eine Zeit, in der ich Angst hatte, dass meine Beziehung durch Alltag und Überlastung einschlafen oder sogar auseinander brechen würde.

Und es kam eine sehr harte Zeit, in der ich mich beinahe selbst verloren hätte. In der ich nicht mehr wusste, wer ich war, was ich wollte und wann ich das letzte mal herzhaft gelacht habe oder irgendwer oder irgendwas meine Seele gestreichelt hatte.

Ach ja, und ständig will irgendwer etwas von mir!

Zum Glück hat diese Medaille zwei Seiten

Und auch heute, nach knapp 16 Monaten Mutterschaft, frage ich mich manchmal, wie ich das eigentlich alles gewuppt bekomme? Dass ich nur so ein bisschen am Rad drehe, scheint schon ein erster Schritt in Richtung Hoffnungsschimmer zu sein.

Ich würde immer noch liebend gern einen Winterschlaf machen, und jeder Fuß/Arm/Kopf/Hintern in meinem Rücken oder Bauch lassen mich Pläne für einen Ausbau des Arbeitszimmers in einen geheimen Panic-Room schmieden.

Wenn das Kind mal wieder ungehalten weint, in Wut ausbricht oder stundenlang quengelig ist, wird mein Nervenkostüm so dünn wie ein Seiden-Negligé.

Und auch heute ist es immer noch mit viel Arbeit und Feingefühl verbunden, die Beziehung zum Partner und zu mir selbst aufrecht zu halten.

Aber ich habe dazu gelernt. Ich gebe hier und da mal Verantwortung ab, schaffe mir/uns Räume, in denen es nicht nur ums Kind geht, und ich genieße die Herzensmomente und versuche sie für schlechte Zeiten ganz nach vorn in meinen Aktenschrank der Erinnerungen abzulegen.

Denn seien wir mal ehrlich: Mutter sein ist das schlimmste und das wunderschönste, dass mir bis jetzt widerfahren ist. Ich lerne so viel über mich selbst und wachse beinahe täglich über mich hinaus. Ich bin mir meiner Herzensmenschen sicherer als jemals zuvor und habe es perfektioniert meine Kraft aus 5-Minuten-Pausen und glücklichen Alltags-Geschichten zu schöpfen.

Und wenn das alles nicht hilft, dann träume ich. Ich male es mir aus, wie es sein wird, wenn unsere Familie komplett ist, die Kinder mit selbstgebastelten Kunstwerken aus dem Kindergarten, nach Hause in unser großes Eigenheim kommen und wir zweimal im Jahr in den Urlaub fahren können, weil meine eigene Familientherapie-Praxis genug abwirft.

And they lived

 

 

 

Dieser Beitrag entstand in dem Bloggerprojekt Muttiple Choice – 7 Mamis 1 Thema
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Thema im Februar – Vorstellungen vs. Realität

Am Montag konntet ihr bei Ann-Kathrin auf dem Blog Munchkins Happy Place etwas über ihre Wochenbettdepression lesen und wie sie sie in die Wirklichkeit katapultierte

Am Mittwoch geht es dann bei Julia vom Sommernachtschaos weiter

 

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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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