Weihnachten 2.0

Weihnachten ist tot.
Es besteht nur noch aus Gehetze, Gedränge in der Stadt, Last-Minute-Einkäufen und verzweifelten Frustkäufen, weil sich der Beschenkte nicht klar ist, was er eigentlich noch nicht besitzt, aber dennoch gern hätte. Und man selbst war das ganze Jahr über zu beschäftigt, um darauf aufzupassen, ob die Lieben beiläufig Wünsche geäußert haben.

Wie es war

Jedes Jahr muss ich mir wieder eingestehen, dass es einfach nicht mehr so wird, wie es damals war.
Das freudige Öffnen der Adventskalender-Türchen.
Abends im Bettchen zu liegen, Weihnachts-Hörspiele zu lauschen dazu wie hypnotisiert auf den Schein der Lichterketten zu starren und diese wohlige Wärme zu spüren.
Morgens noch ganz schläfrig die Wohnungstür öffnen und den Nikolaus-Stiefel vollgepackt vorzufinden.
Spielzeuge aus Katalogen ausschneiden und auf den Wunschzettel kleben.
Am 23.12. vor lauter Aufregung nicht schlafen zu können.
Am heilig Abend in der Kirche das Krippenspiel sehen.
Neugierig darauf zu laueren einen Blick zu erhaschen, wenn das Tuch vor der Wohnzimmertür doch mal zur Seite weht. Und enttäuscht zu sein, wenn man doch wieder nichts sieht.
Ungeduldig darauf zu warten, dass Papa endlich die letzte Kartoffel aufisst, damit die Bescherung beginnen kann.
Die leuchtenden Augen und die pure Freude zu spüren, wenn man endlich den Tannenbaum und die Geschenke sieht.
Und letztlich Abends nicht schlafen zu wollen, weil man sich von den neuen Spielsachen für die lange Nacht einfach nicht trennen kann.

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Wie es ist

Ja Weihnachten ist nicht mehr das was es einmal war. Ich bin erwachsen und die Aufgeregtheit hat sich in Stress verwandelt. Der Zauber ist der Nüchternheit auf dem Konto gewichen, wenn man sich mal wieder ausrechnet, wie viel Geld „DAS“ wieder kostet.

Die Kirche besuchen wir nicht mehr – wir gehen das restliche Jahr ja auch nicht hin, warum also heucheln? 
Warum eigentlich so tun, als wäre der Zauber noch da? Warum rennen wir in die Geschäfte und kaufen das, was die Werbung uns sagt? Warum verbringen wir die Weihnachtstage mit der buckligen Verwandtschaft, wenn wir es sonst im Jahr auch nicht machen? Ja, warum eigentlich?

Es ist heilig Abend und ich sitze im Gästezimmer meiner Eltern. Ich bin allein und genieße die Stille. Die Geschenke vor mir auf dem Bett gestapelt, das Geschenkpapier liegt einsatzbereit neben Schere und dem Klebeband.
Liebevoll packe ich die Geschenke ein und freue mich, dass ich doch für jeden etwas gefunden habe, von dem ich mir sicher bin, dass es Freude bereitet. Durch die Tür klingt die Weihnachts-CD, die es schon gibt, seitdem wir klein waren. Und auch der Duft der Pute, die im Ofen gart, bahnt sich seinen Weg durch die Wohnung in meine Richtung.

Wir sitzen gemeinsam am Tisch. Es schmeckt wie immer grossartig. Wir unterhalten uns nett und geniessen die Momente miteinander. Kein Zoff, keine Themen die Sorgen oder Unmut verbreiten. Der Stress der letzten Wochen fällt nun endgültig ab. Ich kann einfach nur den Moment geniessen. Wir warten geduldig bis jeder aufgegessen hat und schenken uns danach noch etwas zu trinken ein und räumen gemeinsam den Tisch ab.

Wir sitzen im Wohnzimmer und verteilen abwechselnd die Geschenke. Jeder darf nach der Reihe ein Päckchen öffnen. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich mich auf das Gesicht freue, das mein Geschenk meinen Lieben ins Gesicht treiben wird. Das Auspacken meiner eigenen Geschenke wird zur Nebensache. Aber ich freue mich, wenn ich merke, dass man mir doch zugehört hat, als ich im März erwähnte, dass ich dieses oder jenes Zeug toll finde.
Danach sitzen wir noch lange zusammen und unterhalten uns, bis wir ins Bett gehen und ich denke: „Wieder ein Jahr um!“. Ich bemerke, dass der Tag trotz des Stresses wieder besonders war.

Vielleicht ist das Weihnachten im Jahre 2015 zu einem Fest verkommen, in dem wir den Kapitalismus feiern.

Vielleicht mögen es manche Menschen geheuchelt finden, wenn Familien sich an diesem einen Tag vertragen und so tun, als wäre im ganzen Jahr nichts passiert, was die Beziehungen untereinander belastet hat.

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Wie es sein sollte

Vielleicht ist Weihnachten aber auch ein Fest, dass man einfach im Herzen trägt. Vielleicht geht es genau darum, an diesem einen Tag Ruhe vor dem Alltag zu haben. Das gesellige Zusammensein zu geniessen, Dinge zu essen, zu sagen und zu tun, die man an 364 Tagen im Jahr sonst nicht tut. Einfach weil man sich an diesem einen Tag den Zauber doch noch irgendwie bewahren möchte. Weil meine seine Kraft und seine Seele an genau diesem einen Tag in den Urlaub schicken möchte.

Vielleicht möchte man das Grundgerüst des weihnachtlichen Sinnes einfach aufrecht erhalten. Vielleicht wehrt sich das Kind in uns einfach dagegen aufzugeben.

Und es ist wichtig, dass wir dieses Gefühl weiter tragen, denn spätestens wenn wir Kinder haben, ist das Weihnachten, das wir im Herzen tragen, das Weihnachten, dass ihnen den Zauber verleiht.

Damit sie am Abend des 23. Dezember vor lauter Aufregung nicht schlafen können. Heimlich schon das Adventskalender-Türchen vom Folgetag öffnen. Und dass sie selig mit ihrem neuen Spielzeug im Arm einschlafen.

Wir dürfen unseren Stress nicht ihr Weihnachten zerstören lassen. Und darum sollten wir lieber versuchen uns dieses Weihnachten so zu bewahren, wie wir es kennen und lieben gelernt haben.
Wir sollten Weihnachten retten. Unseren Kindern zuliebe.

Muttiplechoice - 6 Mamas 1 Thema

Dieser Post entstand im Rahmen des monatlichen Muttiple-Choice-Projektes zum Thema: Traditionen in der Weihnachtszeit


Den Anfang hat gestern Ann-Kathrin gemacht und auf ihrem Blog Munchkins Happy Place. Hier könnt ihr in alten und neuen Familientraditionen stöbern.

Die liebe Julia macht dann morgen weiter.

Am Donnerstag könnt ihr Kathas Beitrag lesen.

Zum Wochenende schreibt Anja

Am Samstag dann schließt Lea mit ihrem Artikel ab.

Viel Spaß beim Bloghüpfen,

Signatur Mamagogik

*Bildrechte: Teaser und Feature-Image von Stocksnap.io, MuttipleChoice Header von Katharina Jansen, Bilder im Text: Sarah Lojewski

Kategorie Kolumnen
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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