Laissez faire oder Free range? Zugeständnisse einer Rabenmutter

Ich stehe in der Küche und räume die Spülmaschine aus, immer wieder einen Blick nach rechts werfend.
Ich säubere die Arbeitsplatte und du sitzt immer noch mit dem Rücken zu mir. Durch das Fliegengitter der Terrassentür kann ich dich beobachten.
Du sitzt an deinem Sandkasten, untersuchst die Blätter auf dem Boden, versuchst mit gespitzten Fingerchen eine Ameise oder einen Käfer aufzuheben.
Ich ertappe mich dabei, wie ich den Lappen in der Hand haltend, dir bei deiner Entdeckungsreise zuschaue.

Jedes Mal wenn ich die Tür zum Garten öffne, ist es als entlasse ich dich in die große weite Welt. Du bist bereit für neue Abenteuer. Siehst Dinge die dich staunen lassen. Fühlst, riechst, und hörst deine Umwelt, die in deine Käseglocke hineindringt und dich sanft in ihren Bann zieht. Ja, manchmal schmeckst du sie auch und das ist okay.
In diesen Momenten brauchst du nichts und niemanden auf der Welt, nur dich und deine Sinne. Selbst mich nicht.

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Mir steigen Tränen in die Augen, so rührselig sitzt du dort. Ich bin glücklich dass ich dir das bieten kann. Sollte ich Unschuld und Reinheit beschreiben, würde ich mein Herz öffnen und jedem der mich danach fragt, diese Szenerie zeigen.

Ruhig gehe ich zu dir in den Garten und gieße die Blumen auf dem Gartentisch. Du siehst mich, bemerkst mich aber nur gerade so, dass du weißt, dass ich da bin. Dir den Rücken frei halte für deine Exkursion.

Ich putze den Herd und sehe, nach einem Seitenblick, dass du dir einen Wegbegleiter gesucht hast. Die Hündin schnüffelt an den Blumen und du tust es ihr nach. Du bietest ihr ein Blatt zum fressen an und schaust verwundert, weil sie es nicht mag. Sie schnappt sich einen Stock und wirft ihn in die Höhe. Du lachst aus tiefstem Herzen, als hättest du nie etwas Lustigeres gesehen.

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Ich sortiere die Gewürze und bemerke, wie du auf den Hocker kletterst, der vor den Säcken mit Rindenmulch steht. Du stehst vor den Plastiksäcken und sortierst deine Gedanken, deine Arme und Beine.
Ich wundere mich, welches Körpergefühl du für dein Alter bereits besitzt. Freue mich, dass du so mutig bist und dir selbst zutraust diesen Berg zu erklimmen.
Der Wasserkocher piepst. Ich kann den Kalklöser ausspülen.

Sie kann es jetzt schon richtig gut

Sie kann es jetzt schon richtig gut

Und da höre ich einen dumpfen Schlag, direkt darauf einen grellen Schrei. Mir stockt der Atem und ich beginne, ohne zu denken, zu laufen. Ich bin in weniger als 5 Sekunden bei dir, aber die kurze Zeit reicht bereits aus, um mir genügend Selbstvorwürfe zu machen. Um mir etliche Bilder in den Kopf zu rufen, was du dir Schlimmes getan haben könntest.

Ich komme zu dir an und hebe ich vom Boden. Deine Augen sind weit aufgerissen und schreien nach Panik. Mir bricht es das Herz.
Du holst endlich Luft. In deinen Augen sammelt sich Flüssigkeit, in meinem Kopf die vielen Situationen, in denen ich schon viel eher hätte eingreifen können. 
Ich drücke dich fest an mich, beruhige uns Beide mit wippenden Bewegungen und einem beschwörenden „pschschschsch!“.
Ich begutachte vorsichtig deinen Kopf und dein Gesicht, immer auf der Hut gleich etwas zu entdecken, dass mich erstarren lassen könnte. Ich laufe mit dir wie ferngesteuert durch den Garten, von einer Ecke zur Anderen und streichle deinen Rücken.

Zum Glück ist nichts passiert.

Wie konnte ich so dumm sein? Ich hab dich einfach allein gelassen. Habe gedacht, du schaffst das schon.
Wie konnte ich dich aus den Augen lassen? Du bist doch gerade einmal 14 Monate alt. Noch viel zu jung, um allein die Welt zu erkunden.
Was bin ich für eine Mutter, die ihr Kind so weit von sich entfernt auf Gegenstände klettern lässt? Ich hätte dabei bleiben müssen. Ich hätte dich halten müssen.

Ich sehe in deinen Mundwinkeln Blumenerde kleben. Sicherlich hast du aus den Blumenbeeten genascht. Du hast Dreck gegessen und ich habe es geschehen lassen. Wer weiß, was du dort noch gegessen hast? Was bin ich für eine Mutter?

Fähigkeiten und Grenzen

Du bist ein aktives Kind. Neugierig und immer mit großen Augen auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Du erforschst deine Umgebung intensiv. Möchtest alles anfassen, begutachten, schmecken und riechen.
Manchmal hälst du mitten in deinem Spiel inne und horchst nach dem Wind der durch die Bäume fegt. Die Welt ist dein Wunder, die Erwachsenen die Zauberer, die dich mit scheinbar alltäglichen Dingen zum Staunen bringen.

Du bist ein Kind mit einem starken Willen. Du weißt was du willst und versuchst es durchzusetzen. Du traust dir machmal mehr zu, als deine Entwicklung bereits zu lässt. Wenn du an deine Grenzen stößt, macht dich das wütend. Du fordert dich aber tagtäglich so sehr, dass deine Grenzen immer wieder neu gesteckt werden. Konntest du gestern noch nicht richtig laufen, so flitzt du heute schon mit einer enormen Geschwindigkeit durch die Wohnung und nimmst die Kurven schon wie ein alter Profi.

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Du spielst mit dem Handy, der Fernbedienung, mit Messer und Gabel. Immer wieder neugierig prüfst du die Dinge in deiner Hand und erforschst, ob sie sich diesmal vielleicht anders verhalten.
Du kletterst die steile Treppe hinauf. Jeden Tag wirst du schneller.
Du steckst dem Hund deine Finger in die Schnauze und findest die warme, feuchte Höhle interessant. Manchmal schaffst du es auch ein bisschen von dem Hundefutter zu erhaschen. Und es scheint dir nicht schlecht zu schmecken.
Dass das Essen auf dem Tisch wirklich heiss ist, lässt du dir von mir nicht sagen. Das prüfst du mit deiner Hand. Danach beginnst du zu pusten, damit es schneller kalt wird.
Du spielst gern an den Schubladen, öffnest sie, kramst darin herum und schließt sie wieder.
Du kletterst von allein aus dem Bett und lässt dich hinab gleiten, ohne genau zu wissen, wann deine Füße den Boden erreichen.

Das alles machst du, wenn wir in deiner Nähe sind. Wir sind dein Netz. Wir sind dein Boden.

Hab ich es dir nicht gesagt?

Und wenn andere Leute sehen, dass du mit meinem Handy spielst, fragen sie mich, ob du keine Grenzen kennst.
Wenn du mit dem Frühstücksmesser auf deinem Tellerchen kratzt, schauen sie uns ungläubig an. Sie erwarten, dass ich dich davor schütze. Mit Messern spielt man nicht.
Wenn du die Treppe hinaufkletterst und ich hinter dir her laufe, fragen sie mich, ob ich keine angst hätte.
Wenn du so schnell durch die Wohnung rennst, rufen sie: „Sei vorsichtig!“ oder „Lauf nicht so schnell, du konntest fallen!“.

Und wenn tatsächlich etwas kaputt geht, du dich verletzt oder dir beinahe etwas schlimmeres passiert wäre, dann höre ich diese Stimmen für einen kurzen Augenblick, die mir hämisch zurufen: „Hab ich es dir nicht gesagt?“

Ich, die Rabenmutter

Dann frage ich mich, ob ich nicht laissez-faire gehandelt habe? Mir zu wenig Sorgen um dich mache? Ob keine Erziehung nicht doch dazu führen könnte, dass du keine Grenzen kennst?

Und dann sehe ich dich dort wieder sitzen. Mit dem Rücken zu mir gewandt. Völlig versunken in deiner Wunderwelt. Unter deiner Käseglocke. In der du nur mit dir allein bist, verschmolzen mit der Umwelt und deinen Gedanken.

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In einer Welt, in der du mich nur als Statistin brauchst. Als Statistin, die da ist, wenn etwas schief läuft. Die dich dann hochnimmt und tröstet, wenn du deine Grenzen gerade wieder neu entdeckst. Wenn du lernst und dich selbst forderst.

Würde ich an dir zweifeln, würdest du es mir gleich tun.
Würde ich mich sorgen, würdest du in meiner Nähe bleiben.
Würde ich mich unter deine Käseglocke setzen, würde sie einstürzen. Du würdest mir all die wundersamen Dinge zeigen, und darauf warten wie ich reagiere.

In dieser Welt ist kein Platz für dich und mich. Das ist etwas, was du selbst erfahren musst.

Würde ich dich bitten, vorsichtig zu sein, also vorhersehend, würdest du wahrscheinlich viele Dinge nicht erproben. Denn wir können nicht in die Zukunft sehen. Wir wissen nicht, ob die Geschichte gut ausgehen wird.

Aber ich kann an dich glauben. Ich kann für dich da sein. Ich kann dein Netz sein, das dich auffängt. Ich kann deine Wunden pflegen. Für deine Erfahrungen bist du jedoch selbst verantwortlich.

Ich freue mich, wenn du mich in deine Wunderwelt mitnimmst. Ich deine großen Augen staunen sehen kann. Aber ich muss mich auch zurück ziehen. Ich muss dich laufen lassen. Dir den Raum geben, dich selbst zu entfalten.
Den Preis den ich dafür bereit bin zu zahlen ist das schlechte Gewissen, immer dann wenn etwas schief läuft.
Aber ich werde auch so oft belohnt mit dem Stolz den ich in mir spüre, wenn du wieder etwas neues lernst. Und mit den Momenten, die in mir diese innerliche Zufriedenheit geben, wenn du in deiner Käseglocke sitzt.

Und deswegen wische ich dir schmunzelnd den Dreck aus den Mundwinkeln und streichle erleichtert deine Beule. Alles ist gut gegangen. Lass uns nicht an das: „Was wäre wenn..“ denken, sondern an das was schon alles ist und noch kommen wird.

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Wie seht ihr die Sache? Handelt man als Elternteil vielleicht schon nachlässig, wenn man sein Kind zu viele Freheiten gewährt? Wo liegen eure Grenzen? Ab wann sollten wir Eltern den Kindern hinterher laufen und wann müssen wir sie schützen? In wie weit greifen wir so in ihren eigenen Erfahrungsschatz ein?

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Kategorie Eltern, Elternschaft, Elternschaft, Entwicklung, Kinder
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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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