Eingewöhnung? Das gibt es hier nicht! Tagesmütter in den Niederlanden

„Eingewöhnung? Sowas machen wir hier nicht!“ Ich war geschockt als ich das hörte.
Dass ich nach einem Jahr Elternzeit wieder eher arbeiten musste, als geplant, war für mich schon schlimm genug. Aber dass ich die Milchschnute nun bei einer völlig fremden Person knapp 30 Stunden in der Woche lassen sollte und dann effizient meiner Arbeit nachgehen sollte, war für mich überhaupt nicht denkbar. Aber es kam alles ganz anders.

Die Herbstferien sind nun zwei Wochen um. Herr Schatz muss also wieder zur Uni und das bedeutete an dem besagten Montag: die Milchschnute sollte ihre erste Woche bei der Tagesmutter sein.

Ich war wirklich aufgeregt. Ich machte mir Sorgen und versuchte diese direkt wieder weg zu lächeln, damit ich diese Gefühle bloß nicht auf mein Kind übertragen sollte. Das war wirklich anstrengender, als es sich jetzt vielleicht liest.
Ich markierte jeden morgen die starke Mama, verabschiedete mich lieb aber hurtig, zog aber dann die Unterlippe über den Asphalt hinter mir her, als ich die Haustür der Tagesmutter schloss. Die Dunkelheit am Morgen, die sich aufgrund der bevorstehenden Winterzeit ja nun über die Straßen legt, spiegelte mein Innerstes in diesen Momenten wieder.
Ich fühlte mich allein, so ganz ohne meine Tochter. Sie war woanders und ich hatte einen langen Tag vor mir – ohne sie. Jemand Anderes verbrachte den Großteil des Tages mit ihr, hörte sie lachen, amüsierte sich über sie und hoffentlich mit ihr.
Aber ich musste stark sein. Und überhaupt: ich hatte diese Fremde ja schliesslich ausgesucht.

Hätte ich ein schlechtes Gefühl gehabt, so hätte ich die Milchschnute doch nicht bei ihr gelassen. Oder?

Tagesbetreuung in den Niederlanden

Als wir im Juli hier her zogen, war mir bereits bewusst, dass ich wieder arbeiten gehen würde und dass wir uns um eine Betreuung für die Milchschnute kümmern mussten.
Da sie noch so jung ist, stand für uns fest, dass es eine Betreuung in Form einer Tagesmutter werden sollte. Wir wollten den kleinen Gruppenrahmen, wollten, dass es eine weitere feste Bezugsperson für unsere Tochter gäbe.
Also machte ich mich auf die Suche nach einem „Gastouder“ (niederl. für Tagesmutter/-vater). Allerdings läuft das Ganze hier in den Niederlanden etwas anders ab.

Hier in den Niederlanden gibt es kein Elterngeld. Die meisten Mütter gehen hier 6 bis 8 Wochen nach der Geburt wieder arbeiten. Es gibt aber auch ein paar, die bei ihren Kindern Zuhause bleiben können/wollen. Oftmals werden genau diese Frauen dann irgendwann Tagesmutter. Sie passen vielleicht auf die Nachbarskinder auf und merken: hey, das klappt gut, dann kann ich es mir auch bezahlen lassen.
Tagesmütter in NL benötigen keine besondere Ausbildung. Sie brauchen ein Gesundheits- und Führungszeugnis und müssen sich einem Gastouder-bureau unterstellen. Das ist so etwas wie eine Vermittlungsagentur. Sie vermittelt Tagesmüttern Kinder zur Betreuung und hilft den Eltern wiederum eine geeignete Tagesmutter für ihre Kinder zu finden. Die Agentur ist ausserdem dafür zuständig Betreuungsverträge zu schliessen, regelmäßig bei der Tagesmutter Stippvisite zu machen, sie zu Schulen und bei Fragen mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Sie vermittelt auch in ernsteren Angelegenheiten zwischen den Vertragspartnern. So, jetzt seid ihr im Bilde 😉

Wie soll sie eigentlich sein, die Tagesmutter?

Ich suchte also nach einer Tagesmutter die hier in der Nähe oder zumindest auf dem Weg zur Arbeit wohnen sollte und unseren Ansprüchen entsprach:
* ein sympathisches Auftreten haben
* zwischen 30 und 45 Jahre alt sein
* Nichtraucherin und auf gesunde Ernährung wert legen
* ihr Mann sollte am Tag arbeitstätig sein (ich bin einfach Jugendhilfe-geschädigt und leicht panisch was das angeht)
* einen eigenen Garten oder zumindest einen Wald oder Park in der Nähe haben
* sie sollte beziehungsorientiert mit den Kindern arbeiten
* kreativ und aktiv sein

Das waren also die Rahmenbedingungen. Letztendlich spielten aber viele Faktoren eine Rolle. Kurzgesagt, es musste einfach funken zwischen der Milchschnute und ihr und zwischen uns ebenso.

Ich schrieb uns also in verschiedene Agenturen ein, die uns vom Konzept her zusagten (Fortbildungsangebote für die Tagesmütter, Beratungskompetenzen etc.) und wartete ab.

Eingewöhnung auf niederländisch

Parallel dazu nahm ich von allein Kontakt zu einer Tagesmutter auf, die ihren freien Platz auf ihrer eigenen Homepage einstellte.
Sie schien perfekt ins Bild zu passen. Sie wohnte in der Nähe, war auf den Bildern im Netz viel mit den Kindern draussen zu sehen und ihre Einrichtung war sogar an Montessori angelehnt.
Ich schrieb sie an und berichtete von uns. Sie antwortete und wollte wissen, ab wann die Betreuung den beginnen sollte und ich schrieb zurück, dass es mit der Eingewöhnung wohl Anfang Oktober werden sollte. Als sie wissen wollte, was ich denn unter „Eingewöhnung“ verstehen würde, überkam mich ein komisches Gefühl.

Ich antwortete, dass wir in Deutschland die Kinder 2 Wochen an die neue Bezugsperson heranführen würden. Den Kontakt zur Tagesmutter von Treffen zu Treffen intensiver lassen würden und ich vor hatte, am vierten Tag die Milchschnute dann das erste Mal für eine halbe Stunde bei ihr lassen würde. Dann würden wir die Trennungszeiten ausdehnen.

„Eingewöhnungszeit, sowas haben wir hier nicht. Das wird auch nicht von der Stadt bezahlt. Sie können gern an einem Tag für eine Stunde oder zwei mal mit ihrer Tochter vorbei kommen und sich hier alles anschauen. Sollte es Ihnen und ihrer Tochter hier gefallen, könnte Ihre Tochter am nächsten Tag direkt hier bleiben.“

Ich war bestürzt als ich das las. Das war zu viel Realität für mich. Zu viel Nüchternheit und Geschäftssinn. Zu wenig Beziehung.

Ich fragte, ob wir es nicht trotzdem auf meine Art machen könnten, ich würde es auch bezahlen.

„Es tut mir leid, aber das kann ich wirklich nicht machen. Ich möchte nicht dass andere Erwachsene anwesend sind, wenn ich die anderen Kinder betreue. Sonst möchten die Kinder hinterher alle, dass ihre Eltern den Tag über bleiben. Das funktioniert wirklich nicht. Ich glaube auch, dass ihre Tochter weniger Probleme mit der Trennung haben wird, als sie es vielleicht vermuten. Die Kinder haben hier viel Spielzeug und die Kinder spielen ja auch untereinander sehr gern miteinander.“

Sie wollte also nicht, dass ihr jemand bei der Arbeit zu sieht? Oder war sie wirklich der Meinung, die Kinder würden mit einem Mal rebellisch und würden einen Aufstand proben, nur weil 3 Tage lang für jeweils eine Stunde ein erwachseneren zusätzlich im Raum wäre?

Eigentlich war die Sache da schon für mich geklärt. Aber mich lies diese Einstellung nicht los. War es DAS, was die niederl. Tagesmütter so praktizierten?

Ich erklärte ihr in einer weiteren Mail, dass es hier um die Bindung zwischen ihr und meinem Kind ging. Dass ich auf der Suche nach einer weiteren Bezugsperson für meine Tochter war. Jemand, der bereit war auf sie und auf mich einzugehen und so eine Beziehung müsse sich entwickeln.

„Entschuldigen Sie, dass ich das so sagen muss, aber ich glaube sie werden in NL niemanden finden, der diese Eingewöhnung so praktizieren wird, wie sie es umschrieben haben. Ich habe das Gefühl sie haben Angst ihre Tochter los zu lassen!“

Ich war platt! Nicht nur, dass ich nun befürchtete dass sie recht hatte und ich wirklich ohne Eingewöhnung meine Tochter in die Betreuung zu einer Fremden lassen sollte, nein, sie hatte mir zudem vorgeworfen, ich sei das Problem.
Ich würde es zu verbissen sehen. Meine Tochter hätte da weniger Probleme mit.

Für einen kurzen Moment dachte ich daran, wie ich die Milchschnute zum ersten Mal für ein paar Stunden allein bei Oma und Opa gelassen hatte. Dass ich große Probleme damit hatte, endlich zu gehen und mir noch tausende Gedanken in den Kopf schossen die ich meiner Schwiegermutter noch mitteilen wollte, auch um den Moment des Gehens noch heraus zu zögern.
Und dann fragte ich mich: sehen wir Deutschen diese ganze Eingewöhnung vielleicht doch ein wenig zu verkniffen? Versuchen wir mit der Bindungstheorie nicht vielleicht doch nur unser Glucken-Verhalten zu legitimieren? Ich war verwirrt.

Zurück zu mir

Und dann lief mir mein Bauchgefühl wieder über den Weg. Und ich hieß es herzlich willkommen. Meine Tochter sollte knapp 30 Stunden ohne ihre vertrauten Personen in einer noch fremden Umgebung in einer fremden Situation verbringen! Da kann ich sie doch nicht einfach einer wildfremden in die Arme drücken und mich umdrehen und gehen. Der Gedanke fühlte sich grausam an und mir schossen schreckliche Bilder vor mein inneres Auge.
Nein, egal was das für die kommende Situation bedeuten sollte, SO sollte es nicht passieren.
Die Tagesmutter bekam noch einmal einen kurzen Text von mir, in dem ich bestimmt sagte, dass ich da auf mein Bauchgefühl höre und ich der Experte für mein Kind sei und verabschiedete mich freundlich.

Ein paar Tage später erhielt ich eine Mail von einer Agentur, in der sie mir eine Tagesmutter empfohlen. Ich erkundigte mich nach den Rahmenbedingungen und auch, ob es die Möglichkeit einer Eingewöhnung gebe. Dies sollte ich bitte individuell mit der Tagesmutter absprechen, war die Antwort. Gut, das wollte ich tun.

Nähe und Distanz

Die Tagesmutter und ich verabredeten uns für die kommenden Tage. Ich sollte mit der Milchschnute vorbei kommen, die Tagesmutter, ihre zwei Töchter, die Haustiere und das Haus kennen lernen.

Was soll ich sagen? Es war Liebe auf den ersten Blick.
Sie ist nur knapp älter als ich, hat eine 5 und eine 3,5 jährige Tochter und ist total entspannt. Sie steigt als Tagesmutter jetzt erst ein, aber sie scheint eine gute Beziehung zu ihren Töchtern zu haben.
Sie möchte Tagesmutter werden, weil sie sich mit ihrem Mann entschieden hat keine Kinder mehr zu bekommen, es aber so schade findet, dass ihr Nesthäkchen nun aus der Kleinkind-Phase immer weiter rauswächst und sie gern wieder etwas kleines um sich hätte. Kann ich gut verstehen.

Bei ihr Zuhause war es aufgeräumt und trotz der zwei Katzen und zwei Hunde immer sauber und ordentlich. Ich weiß gar nicht wie sie das schafft 😀

Aber das Wichtigste war mir, sie hat sich der Milchschnute sehr respektvoll genähert, ihr Zeit gegeben, sie eingeladen zum spielen aber auch ihre Grenzen gewahrt, wenn die Milchschnute nicht so ganz wollte.
Und vor allem hat sie sich mit mir wegen der Eingewöhnung ausgetauscht und war der Meinung, dass es wichtiger sei, dass die Milchschnute gern bei ihr ist, anstatt sich nur verwahrt zu fühlen weil sie den Kampf aufgegeben hätte. Sie traf mit den Worten direkt in mein Herz.
Sie erzählte mir von einer Bekannten, die auch Tagesmutter sei und dass sie mitbekommen habe, wie ein Tageskind so ganz ohne Eingewöhnung bei ihr abgegeben worden sei. Sie empfand es schrecklich mit anzusehen, dass dieses 4 jährige Kind z.T. **4 Stunden am Stück geweint habe und nur zum Schlafen aufgehört habe, weil es vor Erschöpfung eingeschlafen sei.
Das könne sie sich weder für die Kinder, noch für sich selbst als Tagesmutter angenehm vorstellen. Bingo! Ich war so froh, diese Worte aus ihrem Mund zu hören.

Als die Milchschnute sich auf meinem Arm beim Herausgehen noch einmal zu ihr umdrehte und sie anlächelte, war es wirklich um mich geschehen.

Das Berliner Modell überzeugt

Die Eingewöhnungswochen liefen super. Wir verabredeten uns oft bei ihr Zuhause, damit die Milchschnute sich an die Umgebung gewöhnen konnte. Dabei war ihr Chihuahua der Eisbrecher schlecht hin. Die Kleine klammerte nämlich die ersten Tage wie verrückt an mir, als wenn sie es ahnte, dass sie hier bald allein bleiben sollte. Aber kaum kam der kleine Fellknäuel herein, krabbelte sie ihm so lange hinterher, bis sie merkte, dass ich doch etwas sehr weit entfernt war.
Nach den ersten drei Tagen ging ich dann mal für ein paar Minuten heraus. Kurze Verwirrung, aber sie liess sich von der Tagesmutter bereits ablenken.
Am vierten Tag gingen wir gemeinsam auf den Spielplatz und dort lief sie dann sogar schon ein paar Schritte an der Hand der Tagesmutter und nahm Kekse von ihr an.

Am 5. Tag blieb die Milchschnute dann tatsächlich eine Stunde bei der Tagesmutter allein und ich muss sagen, wir waren beide sehr tapfer. Ich hatte ein gutes Gefühl sie bei der Tagesmutter zu lassen und traute der Milchschnute zu, diese Stunde mit ihr gut umzubekommen. Und die Milchschnute hat sich kein bisschen beschwert oder den Eindruck geweckt, dass sie sich verloren gefühlt hat.
Als ich klingelte und sie mir auf dem Arm der Tagesmutter die Tür öffnete und einen Freudenschrei ausstieg, ohne Tränen, einfach nur pure Freude, da war ich um einen Herzens-Moment reicher.
Ich glaube diese Situation werde ich nie vergessen. Das hatten wir drei gemeinsam geschafft. Ich war sehr stolz.
Auch die Tagesmutter sagte vor ein paar Tagen zu der Dame der Agentur, die uns vermittelte, dass sie sehr froh war, dass alles so gut mit der Eingewöhnung geklappt habe und sie sehr froh war, dass wir uns für diesen Weg entschieden haben. Sie würde es bei jedem anderen Kind wieder so machen, auch wenn es in den Niederlanden nicht üblich sei.

Ist das nicht super? Ich fände es toll, wenn sich die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell auch in Holland einbürgern würde, denn scheinbar tut es allen Beteiligten gut.

Und besonders wichtig war mir mal wieder die Erfahrung, dass wir auf unser Bauchgefühl hören sollten, gerade wenn es um solch wichtige Themen geht.

Mich würde mal interessieren, wie das mit der Eingewöhnung bei euch lief? Habt ihr es kurz und schmerzlos gemacht oder Schritt für Schritt und was sind eure Erfahrungen? Habt ihr Tipps wie es am besten klappt oder was sich bei euch sehr bewährt hat?

 

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Kategorie Betreuung
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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