Fremdelphase und warum wir die Grenzen der Kinder unbedingt beachten sollten

Kinder wissen von Anfang an genau was sie wollen. Sie sind nur nicht immer im Stande es genau zu benennen. Leider gibt es viele Erwachsene, die dies bewusst oder unbewusst nicht sehen und anerkennen wollen. Warum es aber so wichtig ist, dass wir unsere Kinder darin bestärken, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen, werde ich euch in diesem Artikel näher bringen.

Das Kind der Familie

Wird ein Kind in eine Familie geboren, freuen sich bestenfalls Geschwister, Omas, Opas, Tanten und Onkel auf das neue Familienmitglied. Sie malen sich bereits in der Schwangerschaft aus, wie es wohl sein wird, wenn das Kind auf der Welt ist. Sie wollen es knuddeln und lieb haben, aufregende Sachen mit dem Kind unternehmen und wollen es mit tollen Spielsachen beschenken.

Ist das Kind dann aber da, sind Mama und Papa jedoch in den ersten Monaten häufig der Mittelpunkt des Universums für dieses Kind, besonders wenn zwischen der kleinen Familie eine sichere Bindung besteht. Eine weitere Bezugsperson muss viel Zeit investieren, um eine Beziehung zu diesem Kind aufzubauen. Und ebenfalls wie bei den erwachsenen Menschen, ist die Basis hierfür Sympathie.

Manchmal reicht die ungewöhnliche Stimmlage, die Statur oder die Art auf das Kind zu zugehen, um das Kind zu verunsichern. Dann sucht es besonderen Schutz in seinem sicheren Hafen: Mama und Papa.

Auch nahe Familienmitglieder sind davon leider nicht ausgeschlossen. Nur weil es Oma und Opa, Tante oder Onkel sind, muss das Kind nicht automatisch eine Bindung zu ihnen haben.
Besonders schwer wird es, wenn diese Familienmitglieder weiter entfernt wohnen oder nur unregelmäßig auf der Bildfläche erscheinen. In diesem Fall braucht das Kind, ob Sympathie vorhanden oder nicht, immer eine kurze Zeit, bis es mit diesen Familienmitgliedern „warm“ wird.
Werden die Kinder älter, ist ihr Gedächtnis ausgeprägter und es fällt ihnen leichter sich an diese Person zu erinnern, die Bindungserlebnisse abzurufen und Gefühle direkt zu zeigen.

Fremdeln als natürliche Phase

Während der Fremdelphase (die zwischen dem 3. und 8. Monat einsetzt und unterschiedlich lang anhalten kann) ist es manchmal sogar für den zweiten Elternteil nicht ganz einfach mit den Zurückweisungen des eigenen Kindes zurecht zu kommen. 
Ist das Kind dann müde, hat es sich verletzt oder fühlt es sich gerade verunsichert, gibt es da nur eine Person von der sich das Kind beruhigen lässt – Mama (oder eben Papa, je nachdem, wer die erste Bindungsperson des Kindes darstellt).

Familienmitglieder stellen dann häufig gekränkt fest: Das ist ein richtiges Mama/Papa-Kind!
Nicht selten kommen dann Aussagen wie: „Das ist, weil ihr das Kind ständig mit euch herum tragt!“ oder „Ihr müsst das Kind auch häufiger mal abgeben! Wie soll es denn sonst lernen, dass es auch andere Menschen gibt!“
Nun kann man in solch einer Situation, als Eltern, beginnen sich zu rechtfertigen, das Verhalten des Kindes erklären. Oder man kann die Augen verdrehen und diese Äußerungen ignorieren. Was man jedoch auf jeden Fall vermeiden sollte, verrate ich euch im weiteren Textverlauf.

Wenn die Entfernung zu groß ist

Die Milchschnute ist momentan mitten in der Fremdelphase. Für mich ist es nicht selten ziemlich anstrengend, denn sie ist im Moment ein richtiges, kleines Klammeräffchen. Herr Schatz kommt als Papa zwar ziemlich nah dran, aber gerade wenn es ihr nicht gut geht, schippert sie nur einen Hafen an: meinen.
Für die momentane Eingewöhnung bei der Tagesmutter ist das natürlich eine besondere Herausforderung. Diese Situation lässt sich jedoch besser bewältigen als die Folgende.

Fremdelphase

Da wir seit knapp zweieinhalb Jahren nicht mehr in unserer Heimat wohnen, sieht die Milchschnute ihre Großeltern und restlichen Familienmitglieder nur selten. Zwar mindestens einmal im Monat für zwei bis drei Tage, aber trotzdem sehr unregelmäßig.
Aus diesem Grund braucht sie auch immer wieder einen neuen Anlauf, um mit Oma und Opa warm zu werden. Ein Lächeln huscht erst nach einigen Minuten über ihr Gesicht. An der Hand durch die Wohnung laufen oder sogar auf den Arm der Großeltern? Das kann einige Zeit dauern.

Bei meinem Vater und meinem Bruder kann es jedoch sein, dass es selbst nach mehreren Tagen nicht dazu kommt, dass sie mit der Milchschnute Spaß machen können, geschweige denn auf dem Arm mit ihr kuscheln können.
Da wächst natürlich der Unmut. Der Opa und der Onkel sind enttäuscht, haben sie sich doch so auf ihre Enkelin bzw. ihre Nichte gefreut. Darauf nimmt das Kind jedoch keine Rücksicht. Jede Kontaktaufnahme, jedes Lächeln wird erbarmungslos abgeschmettert. Warum das so ist? Das kann keiner so genau sagen. Vielleicht ist es die tiefe Stimme die sie verunsichert, die große und breite Statur oder die Art und Weise, wie sie den Kontakt zu ihr suchen. Irgendetwas scheint die Milchschnute jedoch zu stören.

Das Gefühl abgelehnt zu werden

Und ich? Ich lese mein Kind. Auf meinem Arm dreht sie sich von Opa weg. Hält er die Hand hin, wird sie von ihr weggeschoben, sitze ich neben meinem Vater oder Bruder, will sie von meinem Schoß und klettert in die entgegengesetzte Richtung.

Und ich? Ich lese meinen Vater, meinen Bruder. Sehe die Enttäuschung in ihren Gesichtern, sehe dass mein Vater traurig wird, wenn seine Enkelin mit ihrer Oma kuschelt und sie liebkost. Und ich bekomme Mitleid.

Aber genau an dieser Stelle muss ich aufpassen. Genau dann, wenn mich das Mitleid packt, darf ich nicht einknicken. Ich darf den Kontakt zwischen den beiden nicht fördern, wenn mein Kind es doch augenscheinlich nicht will. Nicht ihm zuliebe und auch nicht, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Ich muss ihre Grenzen nicht nur selbst wahren, sondern auch zusehen, dass sie von anderen Menschen eingehalten werden.

Denn viele Menschen versuchen in solchen Fällen etwas zu erzwingen. „Nun hab dich nicht so! Komm mal her!“ oder „Gib sie mir mal, sonst gewöhnt sie sich doch nie dran!“ oder sie versuchen sie ohne viele Worte einfach anzufassen oder sogar hochzuheben.

Und nun stellt euch mal vor, ihr werdet einfach so von einer fremden Person angefasst oder ein Mensch, der euch ungeheuer ist, nimmt euch einfach in den Arm. Wie fändet ihr das?
Und dann gehen wir mal einen Schritt weiter und stellt euch vor, dass eure beste Freundin oder euer bester Freund, der von dieser Abneigung weiß, genau diesen Menschen auf euch ansetzt. Dass eure Vertrauensperson euch in die Lage bringt, dass ihr nicht nein sagen könnt oder es einfach nicht gehört wird. 
Ihr werdet mir wohl zustimmen, dass das Vertrauen in die Freundin oder den Freund damit wohl ziemlich angeknackst wäre, wenn nicht sogar zerstört.

Wenn wir die Augen verschließen

Achten wir die Grenzen der Kinder nicht, zerstören wir ihr Bauchgefühl. Wir reden ihnen damit ein, dass das Gefühl, das sie in dem Moment verspüren, nicht richtig ist. Dass sie sich anders fühlen sollen. Wir zerstören ihr Selbstwertgefühl, ihre Integrität und das Selbstvertrauen.

Wenn unser Kind also mal Opfer vom sexuellen Missbrauch wird, als Mädchen ständig an die falschen Männer gerät, als Junge andere Mädchen ausnutzt oder sogar belästigt, dann können wir uns der Verantwortung nicht entziehen. Wir haben ihre Grenzen nicht gewahrt, warum sollen sie dann die Grenzen anderer akzeptieren? Wir wollten, dass sie ihr Unwohlsein in der Nähe und Distanz zu Anderen abschaffen und tun, was erwartet wird. Woher sollen sie dann wissen, dass sie nicht mit jedem Jungen schlafen müssen, damit er sie gern hat?
Und das alles um einen erwachsenen Menschen nicht zu verletzen. Um an die Erwartungen der Familie, der Gesellschaft und auch vielleicht ein bisschen unseren eigenen Erwartungen zu entsprechen.

Der Schutzraum

Also bitte, nehmt es mir und meinem Kind nicht krumm, wenn wir auf eure Annäherungsversuche nicht so reagieren, wie ihr es euch wünscht. Wenn sie sich wegdreht, ihr trotzdem näher kommt und ich einen Schritt zurück gehe. Um zwischen euch Raum zu schaffen. Den Raum, der es euch vielleicht eines Tages doch ermöglicht, mit ihr das Band aufzubauen, das ihr euch bereits in der Schwangerschaft ausgemalt habt.

Aber vor allem ein Raum, in dem sie frei und sie selbst sein darf.

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Kategorie Allgemein, Elternschaft, Elternschaft
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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