Wir sind immer noch die Gleichen

Vor einer Woche wurde die Milchschnute ein Jahr alt. Mein Dasein als Mama jährte sich zum ersten Mal. Und am Abend vor ihrem Geburtstag brachte ich mein Baby zum letzten Mal ins Bett. Ich erzählte ihr die Geschichte ihrer Geburt, strich ihr durchs Haar und verdrückte ein paar Tränchen, denn ich realisierte, dass ich am nächsten Morgen ein Kleinkind in meinem Bettchen liegen haben sollte.

„Mit Kindern vergehen die Jahre wie im Flug. Doch Augenblicke werden zu Ewigkeiten.“ Jochen Mariss

Es ist verrückt, ich kann es immer noch nicht fassen. Ein Jahr. Seit einem Jahr gibt es uns nun im Dreier-Pack.
Ganz viel wir, hauptsächlich du und am Anfang ganz wenig ich.
Aber das wird besser. Manchmal geht es mir nicht schnell genug. Dann laufe ich auf dem Zahnfleisch und wünsche mir für einen kurzen Augenblick meine alten Freiheiten zurück.

Und dann blicke ich dich an und realisiere wie groß du geworden bist.
Vor einem Jahr warst du noch so zart, dass dein Geburtsarmband noch um dein Handgelenk passte. Jetzt schaffst du es gerade mal drei deiner Fingerchen durch die Öffnung zu schieben.
Du passtest in deiner ganzen Länge auf meinen Oberkörper wenn du auf mir schliefst. Heute, nach einem Jahr nimmst du in unserem Bett so viel Platz ein, dass wir kaum wissen, wohin mit uns.
Wir trugen dich im Tragetuch oder im Babysafe, wann immer wir das Haus verließen. Und nun möchtest du am liebsten nur noch selber laufen.
In der Babybadewanne lagst du auf meinem Arm, damit du mir nicht untergehst. Wir lagen gemeinsam in der Badewanne und zogen dich freudestrahlend durchs Wasser. Gestern saßt du zum ersten Mal allein darin, spieltest vergnügt und fandest es sichtbar toll, den ganzen Platz für dich allein zu haben.
Vor einem Jahr schliefst du knapp 20 Stunden am Tag. Heute bist du so aktiv, dass wir kaum hinterher kommen. Du beschäftigst dich so seelenfriedlich mit dir allein und entdeckst jeden Tag neue Dinge die dich begeistern. Du siehst mich an, wenn ich alltägliche Dinge tue und du staunst. Jedes aufblasen eines Luftballons lässt mich für dich wie ein Zauberer erscheinen.

DieGleichen

Im letzten September schliefst du immer wieder nuckelnd an meiner Brust ein, mit einem zufriedenen, engelsgleichen Lächeln im Gesicht. Als wenn du der glücklichste kleine Mensch der Welt wärst. Heute hast du bereits fünf kleine Zähnchen und wirst wütend, wenn ich versuche dir den Reis auf dem Löffel zu servieren, anstatt dich selbst danach greifen zu lassen.

Aber das Lächeln ist das Gleiche, wie vor einem Jahr. Du legst nun deinen Kopf auf meine Brust, schmiegst dich an mich; schlummerst friedlich ein. Und dein Lächeln verrät es.
Eigentlich hat sich nichts geändert bei uns beiden, obwohl doch so vieles anders ist. Tief in uns drinnen sind wir immer noch die gleichen. Wir sind nur größer geworden, haben ein paar Fältchen mehr bekommen.
Aber das was wir beide für einander fühlen bringt immer noch dieselben Gefühle in uns hoch. Wir sind zufrieden damit, dass wir einander haben. Du fühlst dich sicher und ich mich gebraucht. Die Freiheiten von damals interessieren mich nicht mehr. Wir lieben uns.

Und dann habe ich auch keine Angst mehr davor, dass du in ein paar Wochen allein laufen werden kannst.
Dass du lernen wirst, wie man schwimmt, Fahrrad fährt oder sogar Auto.
Dass du in ein paar Jahren so groß bist, dass ich dich nicht mehr tragen kann.
Ich deine Kleidung nicht mehr für dich heraussuchen darf, weil du das alleine kannst.
Dass du dich nicht mehr zu mir umdrehst, wenn ich dich vor der Schule absetze.
Und du die Gesellschaft deiner Freunde, meiner vorziehst. Mich nur brauchst, wenn ich dich auffangen soll.
Wenn ich all meine Freiheiten von damals wieder habe und es so lange her ist, dass ich sie genießen konnte, dass ich damit gar nichts mehr anzufangen weiß.
Wenn ich sie gar nicht mehr will und mir die Zeit zurück wünsche, in der du so klein und zerbrechlich warst.

Ich habe vor diesen Momenten keine Angst mehr, denn ich weiß, sollte ich nur einmal wieder die Gelegenheit bekommen, dir beim schlafen zu zuschauen, dann werde ich sehen, wir sind immer noch die Gleichen.

DieGleichen2

Für die Liebe meines Lebens, zu ihrem ersten Geburtstag. Ich bin so froh deine Mama zu sein.

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Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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