Der Tag an dem ich mein Kind verkaufte

… dieser Satz schwirrt mir seit Tagen durch den Kopf. Es ist ein Gefühl, das sich in mir breit macht, das mich schlechter schlafen lässt, mich tagsüber bedrückt und nachdenklich werden lässt. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist was für’n Arsch!

Ernüchterung

Als ich vor knapp einem Jahr Mutter wurde, habe ich gewusst, dass sich mein Leben komplett ändern würde. Der Tagesablauf sollte anders werden, viele Dinge würden Organisationstalent benötigen und ich würde nicht mehr so flexibel sein.
 Dass sich jedoch auch meine Weltanschauung so drastisch verändern würde und meine Gefühlswelt derart auf dem Kopf stehen würde, hatte ich in dem Maße nicht geahnt.

Bevor ich Mutter wurde ging ich arbeiten. An manchen Tagen viele, viele Stunden. Ich blieb länger, wenn man mich brauchte, oder ich sprang für meine Kollegen ein, wenn sie krank wurden. Das gab mir das Gefühl gebraucht zu werden und gab mir die Bestätigung, dass ich gut war in dem, was ich tat. Zuhause vermisste mich niemand und ich war nur für mich selbst verantwortlich.

Als die Milchschnute dann zur Welt kam sah das selbstverständlich alles anders aus. Aus meiner Arbeit mit Kindern in der Jugendhilfe wusste ich, dass ich zumindest die ersten zwei Jahre Zuhause bleiben wollte. Der Kontakt zu den bindungsgestörten Kindern machte mir damals schon verständlich, dass ich die Beziehung zu meiner Tochter intensiv stärken wollte, bevor ich sie stundenweise abgeben wollte.
Ab diesem Zeitpunkt brauchte ich die Arbeit nicht mehr, um mich selbst zu verwirklich. Ich hole mir die Bestätigung über das Lachen meines Kindes. Wenn ich sie oder sie mich zum lachen bringt, dass weiß ich, ich tue hier etwas verdammt Wunderbares!

Ein Verrat an mich und meine Überzeugungen

Vor ein paar Wochen hab ich hier bereits erzählt, dass jetzt alles ganz anders aussieht. Ich muss wieder arbeiten gehen und die Milchschnute muss zu einer Tagesmutter.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer, blickt mich vorwurfsvoll an und zeigt mit dem Finger auf mich!

Nun kann man natürlich sagen: „Du musst akzeptieren, dass du es nicht ändern kannst!“ oder „Manchmal kommen Dinge eben anders, als man sie erwartet hätte.“ aber es ist einfach verdammt schwer mein schlechtes Gewissen abzustellen und mich damit abzufinden, dass ich aus Zwang meine Überzeugung verraten muss. Dass ich akzeptieren muss, dass mir die finanzielle Seite ein Stück Freiheit nimmt. Die Freiheit für mein Kind da zu sein, wann immer es mich braucht.

Die Qual der Wahl

Damit wir die Situation besser annehmen können, musste und muss ich im Vorfeld einige Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die wohl durchdacht sind aber das Bauchgefühl nicht ausblenden. Denn nicht immer lassen sich Herz und Verstand gut miteinander vereinbaren. 
Ich hatte bei meinem Arbeitgeber angekündigt, dass ich die Elternzeit eher beenden muss und er hatte sogar einen Job für mich. Gleichzeitig habe ich mich aber auch auf andere Stellen beworben – Teilzeit versteht sich.

Jobauswahl – Herz gegen Verstand

Im Vorfeld stand für mich fest, dass ich nicht mehr in der Art arbeiten kann, in der ich es vor der Schwangerschaft tat. Ich arbeitete im Schichtdienst im 24-Stunden-Zyklen. Das ist eindeutig ein Bereich der für ledige Sozialpädagogen und Erzieher gemacht ist, aber nichts für eine junge Mama, so ist meine Meinung. Ausserdem ist die Arbeit im Schichtdienst wenig vorhersehbar. Oft musste ich länger bleiben, oder einspringen.
Als Mutter bin also schwer tragbar für so ein Team, denn entweder bin ich nicht flexibel genug und lasse die Kollegen im Stich, oder ich wäre gezwungen meine Tochter ständig warten zu lassen.
Um mich in diese Zwickmühle gar nicht erst zu begeben, habe ich das lukrativste Jobangebot nach reiflicher Überlegung abgesagt.
Ich hätte zweimal pro Woche, an zwei aufeinander folgenden Tagen Nachtschichten im Kinderheim machen sollen – von 18 Uhr bis 9 Uhr am nächsten Morgen. Dazu ein bis zweimal im Monat einen 24-Stunden-Dienst am Wochenende. Dafür hätte ich im Monat knapp 1400€ bekommen.
Das wäre super. Die Milchschnute müsste nur zweimal in der Woche vormittags zur Tagesmutter und ich wäre nur die Nacht weg.
Wäre da nicht das Wissen um die unvorhersehbaren Situationen, die das arbeiten in einer Wohngruppe so mit sich bringt: randalierende oder kranke Kinder in der Nacht – Mama ist am nächsten Tag völlig übermüdet und leicht reizbar, was für die Beziehung zur Milchschnute nicht förderlich wäre.
Denken musste ich auch an die Überstunden, weil die Ablöse nicht kommt und Mama länger bleiben muss – keine Sicherheit für die Milchschnute dass Mama wirklich dann kommt, wann es geplant war.
Dazu die Geschichten der Kinder, ihre Erlebnisse, die mich damals schon die eine oder andere Nacht haben wach liegen lassen. Eine zusätzliche Belastung, die der Milchschnute gegenüber nicht fair wäre.

Auch wenn es wegen der finanziellen Seite sehr schwer war diesen Job gehen zu lassen, so glaube ich, war es langfristig der beste Weg.
Ich möchte unter keinen Umständen, dass die Milchschnute, ich selbst oder unsere Beziehung zueinander unter meinen Job leiden. Wäre das der Fall, hätte ich wirklich das Gefühl, mich und meine Tochter verkauft zu haben.

Ein Job mit festen Zeiten musste also her, der mich gerade genug fordert, um mir Spaß zu machen, mich aber nur so sehr einbindet, dass ich ohne schlechtes Gewissen auch mal einen Tag fehlen kann, wenn die Milchschnute beispielsweise krank ist.

VereinbarungJesperJuul

Ich glaube, so einen Job nun glücklicherweise gefunden zu haben.
Ich werde als Schulsozialarbeiterin an einer Grundschule arbeiten. An drei Tagen in der Woche, nur ab und an mal einen abendlichen Termin, der im Vorfeld kommuniziert werden kann. Allerdings verdiene ich hier knapp 400€ weniger, als bei dem ersten Jobangebot. Das ist eine Menge Geld, wenn man Alleinverdiener ist.

Vom Arbeitsamt wurde mir übrigens empfohlen ein Jahr lang mit noch weniger Geld auszukommen – Grundsicherung von 780€, damit ich nächstes Jahr, wenn meine Elternzeit eigentlich beendet wäre, meinen Vollzeitjob, der ja für mich reserviert ist, notfalls einzuklagen.
Dass ich in dem jetzigen Teilzeitjob fast 300€ mehr verdiene, fand die Dame nicht überzeugend. Mit 780€ ließe sich doch gut auskommen, sagte die junge Frau. Wahrscheinlich so jung, dass sie noch bei den Eltern wohnt und keine Ahnung hat, was das Leben, besonders mit Kind, denn so kostet. So viel zur Vereinbarkeit!

Wie wir uns arrangieren

Für mich steht nun allerdings fest, dass Vereinbarkeit in unserer Familie nur funktionieren kann, wenn wir uns alle wohl fühlen und da spielt das Geld nur eine untergeordnete Rolle.
Das bedeutet zwar, dass wir nun ein Jahr den Gürtel etwas enger schnallen müssen, aber gemessen an den dadurch vermeidbaren Stress, nehmen wir diesen Umstand in Kauf.

Wir werden ein Jahr lang weniger Geld als jetzt zur Verfügung haben, aber wir kommen über die Runden. Und auch wenn es mir schwer fällt Hilfe anzunehmen, weiss ich, dass unsere Eltern uns immer unterstützen werden, wenn wir sie lassen.

Ich habe 4 Tage an denen ich nur für die Milchschnute da sein kann, an denen wir den Alltag leben und schöne Dinge unternehmen können. An denen sie sich auf mich verlassen kann, ich so ausgeglichen bin, wie es mir möglich ist und wir trotzdem so viel Geld haben, um mal ein Eis zusammen essen zu gehen.
Ich stelle mir vor, dass wir auf diese Weise das Leben genießen können, ohne dass uns die Entbehrungen zu hart treffen.

Auf der anderen Seite bin ich froh darüber, nicht in der Lage zu sein, Vollzeit arbeiten zu müssen. Von daher ist es vielleicht für viele Leute “jammern auf hohem Niveau”. Aber ich sage laut: wenn ich könnte, würde ich lieber noch ein paar Jahre Zuhause bleiben. Das wäre mein Modell, aber ich respektiere auch die, die ein anderes Modell für sich wählen, oder wählen müssen.

Ich spreche allen Müttern, und auch Vätern, meinen tiefen Respekt aus, die zum Wohle ihrer Familie einen großen Teil des Familienlebens aufgeben müssen, obwohl sie es nicht wollen. Und ich wünsche ihnen, dass sie ihren Frieden damit finden können.

Wir werden in der kommenden Zeit sehen, wohin uns die Situation trägt und ob es richtig war, auf mein Bauchgefühl zu hören oder ob uns in kürzester Zeit die Finanzen um die Ohren fliegen werden.

Wie habt ihr das denn nach eurer Elternzeit mit euch, eurem Kind, dem Geldbeutel und dem Gewissen vereinbart? Habt ihr ein paar tröstende Worte für mich?

 

 

Teaser und Bild im Text: Rechte liegen bei PublicDomainPictures (gefunden auf Pixabay.com)

Ähnliche Beiträge

Kategorie Betreuung, Elternschaft, Familienpolitik
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

Kommentar verfassen