Warum weinst du?

Heute habe ich einen sehr interessanten Gastbeitrag für euch. Tanja ist 35 Jahre jung, Biologisch Technische Assistentin in Elternzeit und Mutter von zwei bezaubernden Kindern. Sie berichtet von ihren ersten Monaten als Zweifach-Mama und davon, wie das Schreikind, dass eigentlich gar keines war (mindestens an drei Tagen in der Woche, über drei Stunden am Stück, über drei Wochen lang) das Familienleben auf den Kopf stellte.

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Man kennt die guten Freunde, Nachbarn, oder sogar Familienmitglieder, die einem in der zweiten Schwangerschaft, wissend lächelnd erzählen, dass es beim zweiten Kind gaaanz anders sein wird als beim Ersten, oder? Nun, als ich den dicken Mann noch in mir trug, hab ich alle Menschen die so etwas zu mir gesagt haben nett angelächelt und ihnen wohlwollend zugenickt. Insgeheim hab ich mir aber immer gedacht » Ja ja, erzählt ihr mal, ich weiß, dass mein zweites Kind genauso chillig sein wird wie mein Erstes. Schließlich bin ich Mrs. Freeze und eine obercool lässige und vor allem geerdete Schwangere…«

Was soll ich sagen? Der dicke Mann hat mich eines Besseren belehrt!

Startschwierigkeiten

Ich hätte schon 2 Minuten nach seiner Geburt wissen müssen, dass dieser kleine wütende Mensch, unser erstes Jahr zu viert, gnadenlos bestimmen würde.
Nachdem wir also gute 15 Stunden geackert und geschuftet haben und ich dieses gewünschte neue Menschlein in den Armen halten durfte, hatte er nichts anderes zu tun, als sich die Lunge aus dem Leib zu schreien.
Gut, man mag der Meinung sein, dass man nach so einer anstrengenden Geburt durchaus das Recht hat seinem Ärger Luft zu machen. Ob nun wegen dem hellen Licht, der Kälte und der neuen vielen Geräusche. Allerdings merkte ich sofort, da steckt mehr dahinter. Ein diffuses Gefühl von Angst und Unsicherheit schlich sich in mein sonst so cooles und sicheres Ich. Was für einen Grund gäbe es sonst, trotz ganz viel Mama und Papa Wärme, Liebe und Stimme, so zu schreien?!

Im Krankenhaus

Die erste gemeinsame Nacht in unserem Zimmer gestaltete sich durchaus schwierig. Trotz seines exklusiven Schlafplatzes auf meiner Brust und dem unverhüllten Zugang zu seiner Nahrungsquelle, schrie dieses kleine Wesen unentwegt. Er ließ sich erst nach unendlich lang scheinenden Minuten zum Tee, äh zur Milch bitten. In dieser ersten Nacht, zog das erste Mal ein Gedanke durch mein Bewusstsein, der mich in den nächsten Monaten ständig begleiten sollte: Warum weinst Du?

In seinen ersten 4 Lebenstagen, zeichnete sich ziemlich schnell ab, dass dieser kleine Mensch nicht viel Schlaf braucht. Nachts mit Glück mal 2 Stunden und Tags vielleicht ein paar Mal ein halbe Stunde. In einer Nacht schlief er 6 Stunden am Stück; dafür dann aber am nächsten Tag keine einzige Stunde.
Der dicke Mann schrie nicht unbedingt ständig, oder häufig. Wenn er jedoch schrie, dann aber mit einer Intensität die mich wirklich an Schlimmes denken ließ. Und immer wieder kam mir in den Sinn: Warum weinst Du?

Am dritten Tag unseres Krankenhaus-Aufenthaltes bat ich die Schwester den Kleinen mit ins Kinderzimmer zu nehmen. So konnte ich duschen und das wollte ich sehr gerne ein bisschen genießen. Also nach der Stillmahlzeit geklingelt und den feinen Herren abholen lassen.
Die Dusche tat mir gut, sie belebte mich und ließ mich Kraft schöpfen. Ich war allerdings noch nicht wirklich angezogen, als ich ein lautes Kreischen über den Flur rollen hörte. Im nächsten Augenblick, stand auch schon die Schwester mit dem Babybett in meinem Zimmer. Darin ein völlig aufgelöstes Bündel. Entschuldigend, aber auch ein bisschen anklagend sagte sie zu mir, dass der dicke Mann nicht mehr im Kinderzimmer bleiben konnte, da er alle Babys dort zusammen geschrien hätte. Ich nahm also dieses brüllende, kleine Etwas auf den Arm und setzte mich mit ihm in mein Bett. Wieder zog dieser eine Gedanke durch meinen Kopf: Warum weinst Du?

Von Grund auf verschieden

Die ersten drei Monate unseres Zusammenlebens bestanden in groben Zügen aus stillen, stillen und zur Abwechslung aus – genau – stillen!
Viele werden jetzt denken, ja ist doch normal. Für mich war es das auf keinen Fall!
Meine Tochter war damals ein Baby, das Schnuller, Brust, Flasche und den Mix aus Pre- und Muttermilch ohne irgendwelche Komplikationen vertrug. Auch ein Wechsel zwischen den einzelnen Pre-Nahrungen machte sie ohne mit der Wimper zu zucken mit. Sie schlief auch oft einfach so ein. Mitten am Tag. Überall und bei jedem Lärmpegel! Sie hat mich aus ihrer Wippe beim Putzen und Duschen beobachtet. Hat mit mir fröhlich auf einer Decke liegend ein Buch „gelesen“ und war auch ansonsten ein absolutes Anfänger Baby.

Der dicke Mann hingegen nahm und nimmt bis heute keinen Schnuller, selbst aus den USA Importierte und supi dupi Tolle nicht. Aus einer Flasche trinkt er nicht, egal mit welchen Saugern – billig, günstig, teuer – keine Chance! Er schlief tagsüber wenig bis gar nicht und wenn, dann musste es ruhig sein, denn jedes Geräusch weckte ihn! In einer Wippe liegen? No way! Neben mir liegen ohne meine Brust im Mund? Nein! Überhaupt irgendwo liegen? Vergiss es!

Ich war vollkommen überfordert und meine Große kam viel zu kurz. Ich hab oft Abends mit meinem Mann gesprochen und ihn gebeten am nächsten Tag besonders viel mit ihr zusammen zu sein. Ich hatte einfach Angst, dass sie ihren kleinen Bruder nicht lieb hätte, wenn sie nun etwas weniger im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stünde.

Urlaub zur Entspannung?!

Auch unser Familienurlaub auf Fehmarn, war rückblickend betrachtet, ziemlich blöd gewählt. Der dicke Mann fuhr nämlich auch nicht gerne Rückwärts im Auto.
Also, habe ich nicht nur der ganzen Insel meine Brüste zeigen müssen (bei 25°C unter einem Tuch stillen ist das bescheuertste was ich je ausprobiert hab). Ich hab ebenso den ganzen Urlaub damit verbracht den dicken Mann zwischen Tragehilfe, Tuch und Wagen hin und her zu packen. Nein, ich musste auch jedes Mal wenn wir länger als 10 Minuten irgendwohin gefahren sind, dieses herzzerreißende Schreien ertragen!

Die Rückfahrt war die Hölle! Schlecht geplant und unheimlich stressig. Wenn meine Angst, genau in diesem Moment einen schlimmen Unfall zu bauen, nicht so groß gewesen wäre, dann hätte ich den dicken Mann am liebsten die ganze Fahrt über gestillt.

Das Familienleben leidet

Unser Alltag war häufig von totaler Verzweiflung und völliger Überforderung geprägt. Die Aufgabe, einen sehr sehr bedürfnisorientierten Säugling, ein I-Dötzchen, einen im Schichtdienst arbeitenden Ehemann und einen 4 Personen Haushalt zu führen, schien mir unüberwindbar!

Die Zeit heilt alle Wunden

Ich hab sehr lange gebraucht um diese Situation als gegeben zu Akzeptieren und irgendwie damit klar zu kommen! Mit meinem zweiten Kind, hat der Spruch: „ in etwas hineinwachsen“ eine neue Bedeutung bekommen UND mir gezeigt, dass es wirklich sein kann, an und in einer Situation zu wachsen.
Auch jetzt, wo der dicke Mann schon ein Jahr alt ist, haben wir immer noch Tage, an denen irgendwie nichts zu klappen scheint! Aber sie sind selten geworden.
Ich habe gelernt. Wir haben gelernt.

Kennt ihr diese Situation, von der Tanja berichtet? Was hat bei euch eine Veränderung gebracht?

Im Übrigen würde ich euch gern häufiger die Möglichkeit geben, Gastartikel zu schreiben. Wenn ihr also auch etwas zu erzählen habt, schreibt mir: mamagogik@gmail.com

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Kategorie Elternschaft, Entwicklung
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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