Vereinbarkeit von Beruf, Familie und…MIR!

Es ist 21:35 Uhr am Freitag Abend. Mit getrockneten Tränen atme ich einmal tief ein und aus und lege den Stift beiseite. Ich beschaue meine To-Do-Liste und sehe, dass ich, wie vermutet einige Baustellen zur Zeit habe. Aber es ist zu schaffen, irgendwie…

Elternzeit adé

Die größte Veränderung wird wohl am 01. September eintreten, denn ich werde wieder arbeiten gehen müssen. Und das, obwohl ich zwei Jahre Elternzeit geplant hatte. Jetzt reicht das Geld nicht mehr, der Master von Herrn Schatz zeigt uns den dicken Mittelfinger. Er muss jedenfalls noch ein Semester dran hängen und somit wird unsere Planung über den Haufen geworfen, dabei hätte es so gut geklappt.

Für mich ist es wirklich schwer die Milchschnute mit einem Jahr schon abzugeben, denn eigentlich hatte ich immer darauf bestanden, dass ich das vor ihrem zweiten Geburtstag nicht für angemessen halte. Sie ist noch so jung, kann sich kaum äußern.

Aber jetzt muss ich Geld verdienen, meine Familie ernähren, damit wir Rechnungen bezahlen können.

Jobwechsel oder zurück in den alten Job

Vor meiner Schwangerschaft habe ich in einer Wohngruppe für traumatisierte Kinder und Jugendliche gearbeitet. Im 24-Std.-Schichtdienst arbeitete ich viel und musste immer flexibel sein, weil wir Dienste tauschen mussten oder Kollegen krank wurden. Ich musste Überstunden machen, weil ich nach dem Dienst noch zu Schulterminen musste, ein Kind zum Arzt fahren oder ich meine Kollegin nach der Ablöse nicht allein lassen konnte, weil eines der Kinder wieder „austickte“. Als ich schwanger wurde, waren die Kinder sehr traurig und fragten direkt, wann ich wieder käme.

Heute muss ich sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ich diesen Job mit dem gleichen Elan, der gleichen Fürsorge und Einsatz machen soll.
Jede Überstunde hält mich von meinem Kind fern und die Tagesmutter wird sicher nicht so flexibel sein, wie es mein Dienstplan erfordert. Wahrscheinlich würden entweder meine Kollegen oder mein Kind zu kurz kommen, weil ich zu einer Partei nicht nein sagen kann.
Hinzu kommt mein Gewissen: Wie kann ich mich um andere Kinder kümmern, wenn ich meine Tochter widerwillig, weil noch zu früh, von jemand Anderem betreuen lassen muss?

Ein neuer Job muss also her. Ein Job, der mir genug Geld einbringt, damit ich nicht Vollzeit arbeiten gehen muss. Einer, bei dem ich mir sicher sein kann, dass ich die Milchschnute rechtzeitig von der Tagesmutter abholen kann.
Ob dieser Job mir Spaß macht, ist zweitrangig. Er muss Geld einbringen und mich Mutter sein lassen. Da in meiner Branche Home-Office-Stellen so gut wie gar nicht vorkommen, tendiere ich also zu einem Bürojob, bei dem ich auf den Uhranschlag genau meinen Stift fallen lassen kann. Utopisch?

Ich habe mich vor drei Wochen bei einigen Stellen beworben, bei denen ich in einer Schule als Schulsozialpädagogin arbeiten würde, beim Jugendamt einen Büro-Job hätte, oder die Öffnungszeiten einer Kinder und Jugendpsychologie Praxis geniessen könnte. Jedoch habe ich bis heute noch keine Rückmeldung erhalten.
Nennt mich verwöhnt, aber als ich mich vor zwei Jahren auf die Stelle hier beworben habe, habe ich mich auf insgesamt vier Stellen beworben und auf jede Bewerbung Einladungen zum Kennenlern-Gespräch erhalten.
Das Einzige was sich in meinem Lebenslauf von damals zu heute unterscheidet: Mutter einer Tochter (September 2014). Ich glaube nämlich kaum, dass ich schlechtere Karten durch meinen letzten Job, in der „Königsklasse der Jugendhilfe“, bekommen haben soll.

Wird mir das Mutter-Dasein also wirklich zum Verhängnis? Haben die Arbeitgeber nun Angst, dass ich nach einem Jahr das zweite Baby nachlege? Mal ganz ehrlich, nach dem was man so liest und hört scheinen diese Gedanken ja nun wirklich nicht ganz abwegig zu sein.

So oder so, ich brauche einen Job und zwar dringlich!

Eine Tagesmutter muss her

Als meine Nachbarin mich vier Wochen nach der Entbindung fragte, ob ich bereits einen KiTa-Platz beantragt hätte, schmunzelte ich in mich hinein und verriet ihr, dass ich noch etwas Zeit hätte, schließlich würde ich zwei Jahre zu Hause bleiben.
Als Mitte April feststand, dass ich wieder arbeiten gehen muss, begannen wir uns mit dem Thema Betreuung auseinander zu setzen. 
Da ich um die vielen Missstände in den U3-Betreuungen der Kitas weiß, beschlossen wir auf das Modell der Tagesmutter zurück zugreifen. Da die Milchschnute noch so mini sein wird, möchten wir eine Bezugsperson und einen kleinen Rahmen für sie.

Die Suche nach einer Tagesmutter gestaltet sich allerdings etwas schwieriger als gedacht.
Hier gibt es ein Portal von der Stadt in der sich Tagesmütter eintragen können, die noch freie Plätze haben. Nennt mich panisch oder schwarz-malend, aber wenn in einer Beschreibung schon steht: „… Während die Kinder sich im Haushalt befinden, wird in der Wohnung nicht geraucht.“ oder der Mann der Tagesmutter mit den Tageskindern und seiner Frau auf einem Bild zu sehen sind, der Mann sichtlich ca. 25 Jahre älter ist als seine Frau und „…selten in der Tagessituation anwesend..“ ist, dann habe ich da einfach kein vertrauenserweckendes Gefühl.
Dieses Portal half uns also nicht weiter.

Des Weiteren bekommt eine Familie hier einen Termin mit einer Tagesmutter, wenn zumindest einer der Eltern an einer Info-Veranstaltung der familiären Tagesbetreuung (eine Art Vermittlungsbüro) teilgenommen hat. Dieser Termin wurde mir für den 20. August zugewiesen. Dass dies zu spät sein würde, beeindruckte die Dame am Telefon leider gar nicht. Erst nach einem ernsten Telefonat mit dem zuständigen Herrn vom Jugendamt, der für die Betreuungsorganisation verantwortlich ist, bekam ich einen zeitnahen Termin.

Bei der Info-Veranstaltung erfuhr ich noch einmal alles, was ich mir bereits im Internet angelesen hatte.
Das war aber auch unwichtig, denn es ging eigentlich nur um den Zettel, der am Ende der Veranstaltung herum ging. Hier sollte ich uns für ein Gebiet eintragen, das in Frage kommt bei der Wahl einer Tagesmutter.
Da ich aber noch nicht weiß, wo oder wann ich arbeiten werde, musste ich das Gebiet auf den Radius der Uni beschränken und somit darf Herr Schatz nun das Kind zur Tagesmutter bringen – wenn wir dann Eine finden.
Auf diesem Zettel gab es dann Termine zur Auswahl die glücklicherweise sehr zeitnah stattfinden. Bei diesem Termin geht es dann darum, die Wünsche und Rahmenbedingungen mit der Mitarbeiterin der Vermittlung zu klären. Daraufhin sollen wir dann verschiedene Tagesmütter vorgeschlagen bekommen, die wir dann aufgrund von Eckdaten vor auswählen sollen. Danach ruft uns unsere Erste-Wahl-Tagesmutter zurück und wir machen einen Termin zum kennenlernen.
Und das alles so flott es geht, denn im August beginnt bereits die Eingewöhnung.

Wohnen in den Niederlanden

Dass wir den Vertrag mit der Tagesmutter jedoch so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen müssen, weil wir nach unserem Umzug kein Anrecht mehr haben werden, erhöht den Zeitdruck.

Ja, weil ich nicht genug Baustellen habe, ziehen wir um. Ich möchte das aber auch gar nicht negativ belasten, denn es ist die einzige Baustelle auf die ich mich wirklich freue.

Wir haben ein kleines Häuschen zur Miete in Heerlen gefunden. Das ist ein Städtchen 20 Auto-Minuten entfernt von hier – in den Niederlanden.
Klar, dass wir dann kein Anrecht mehr auf einen Betreuungsplatz haben, auch wenn ich in Deutschland arbeiten werde. Da ich aber hier weiterhin arbeiten gehen werde, erklärte mir ein netter Mitarbeiter vom Jugendamt, werden wir den Platz behalten dürfen, wenn wir ihn vor unserer Ummeldung in die Niederlande bekommen haben.
Die Zeit drängt also.
Die Milchschnute könnte sicherlich auch in Heerlen betreut werden. Leider würden wir dort für die Betreuung sehr viel mehr bezahlen müssen als hier und da wir eh mit sehr wenig Geld auskommen werden müssen, kann ich dieses Mal auf soziale Gerechtigkeit leider keine Rücksicht nehmen.

Zurück zum Umzug. Ich habe ja bereits hier geschrieben, dass wir einen Garten benötigen. Ich brauche ihn für Hund und Kind und für mein Seelenheil wirklich sehr. Und dank der niederländischen Regelungen und dem horrenden Mietspiegel hier, werden wir sogar knapp 200€ monatlich weniger bezahlen, als wir es jetzt tun.

Da in den Niederlanden allerdings chronischer Wohnungsmangel besteht, hatten wir leider keine Gelegenheit etwas zu suchen, das erst in ein paar Monaten frei wird. Dort wird ein Objekt frei und sofort vermietet.
Zum Glück haben wir vor einigen Tagen direkt Nachmieter für unsere schöne Wohnung finden können. Somit können wir nun Mitte Juli umziehen und müssen keinen Cent an Miete doppelt zahlen.

Und wo bleibe ich?

Dass wir so schnell ein passendes Haus in einer familienfreundlichen Umgebung gefunden haben ist wirklich toll. Allerdings heißt es auf der anderen Seite, dass wir in nicht ganz vier Wochen renovieren, packen und umziehen müssen. Nebenbei muss ich einen Job finden und eine Tagesmutter für die Milchschnute finden, die, nebenbei gesagt, seit über zwei Wochen bereits krank ist.

Und da kommen wir nun wieder an den Anfang dieser Spirale – der Grund warum ich hier vor zwei Stunden noch Rotz und Wasser geheult habe: Ich sehe im Moment nur noch einen großen Berg an Enttäuschungen, Kompromisse, einen Haufen Arbeit und Verpflichtungen.
Der Druck wächst jeden Tag mehr und wenn das kranke Kind dann auch noch tagelang so sehr klettet, dass ich Luft zum atmen brauche, dann merke ich mal wieder: Sarah, das wird hier gerade alles so ein bisschen zu viel!

Und wieder einmal merke ich: Ich muss lernen mir Freiräume zu schaffen. Ich muss meine Belastung äußern, auch wenn ich glaube, dass ich damit die Menschen um mich herum ebenfalls belaste. Ich muss meine Kontrollsucht, die aus Verunsicherung hervorgeht, beiseite stellen und Aufgaben klar und deutlich delegieren.
Ich muss mir selbst eine Pause gönnen, was für mich tun und das egal, ob sich die Wäsche stapelt, sich die Post auf dem Schreibtisch türmt oder die Milchschnute zahnt und nur nach Mama verlangt! Denn ansonsten sieht es wohl spätestens zum Jahreswechsel so aus, dass ich mir nur noch ausgebrannt die Decke über den Kopf ziehen werde.

Aber so wie ich mich kenne, gibt es nun die große Einsicht und in ein paar Tagen heisst es wieder: „Ach, das klappt schon!“.

Die Ordnung im Chaos

Wenn euch nach dem Lesen auch so schwindelig im Kopf ist wie mir, dann fasse ich das Ganze hier jetzt noch einmal zusammen:

In den nächsten 10 Wochen werden wir renovieren und umziehen. Wir werden eine Tagesmutter für die Milchschnute finden, bei der wir ein gutes Gefühl haben werden, wenn wir sie, früher als gedacht, in Betreuung geben müssen. Ich werde einen Job finden müssen, der unsere Familie über Wasser hält und sich mit unserem Leben gut vereinbaren lässt.
Bis dahin werde ich lernen müssen, mir Freiräume zu schaffen, damit ich nicht in ein paar Monaten total von der Rolle sein werde.

Kurzum: Vereinbarkeit von Beruf, Familie und MIR – Tschakka, wir schaffen das!

Habt ihr vielleicht Tipps für mich, um die kommenden Wochen zu überstehen? Was macht ihr, wenn ihr so viele Baustellen gleichzeitig habt? Ich bin für jeden Tipp dankbar!

Bildrechte Teaser-Image: The Pixelman/ Feature-Image: cegoh pixabay.com

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Kategorie Elternschaft, Familienpolitik
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.