Die Bedeutung von Gras unter den Füßen

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Vor einigen Wochen konnten wir die ersten sommerlichen Tage in diesem Jahr genießen. Unsere Gesichter der Sonne entgegen strecken und uns Luftschlösser in den blauen Himmel denken. Es ist ein besonderer Sommer, denn es ist ihr Erster.
Ein Sommer, der Beginn einer neuen Freundschaft sein soll – die Freundschaft zwischen zwei Parteien, die nicht besser zueinander gehören könnten, kommt das Eine doch aus dem Anderen. Eine Freundschaft zwischen einem Kind und der Natur.

„Es ist die Freiheit der Bäume nach der wir uns sehnen“
Fürst Pückler-Muskau

Denke ich an meine Kindheit, so spielt sie häufig im Sommer. Die Tage, an denen es besonders lang gedauert hat bis die Laternen angingen. Umgeben von Wiese, Blumen, Sandkästen, Kletterbäumen und jeder Menge Eis. In diesen Sommern wurden Freundschaften geschlossen und Herzen gebrochen. Die Luft war klar und es roch nach Freiheit, Phantasie und jeder Menge Spass.

Ich hatte das Glück in einer kinderreichen Gegend groß zu werden, ohne eigenen Garten, allerdings mit einer riesigen Grünfläche hinter dem Haus, die der Eingang zu einem Waldstück war. Hier beobachteten wir Insekten, hoben Äste an, um zu sehen was sich darunter befand. Wir spielten verstecken und kannten jede Lichtung, jedes Geäst und jede Mulde. Und doch waren wir Stadtkinder, tief im Ruhrgebiet, zwischen Zechen, Gewerbegebieten und verrußten Häuserfronten. Die Umgebung in der wir aufwuchsen, die Natur und die damit verbundene Freiheit, das war wie eine Käseglocke. Eine Welt in der wir wachsen konnten, Erfahrungen sammeln und die Leichtigkeit der Kindheit genießen konnten.

Als wir älter wurden, genossen wir die Vorzüge der Stadt. Einkaufen wann immer man wollte, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wann und wohin man auch immer wollte. Und als es meine Eltern vor einigen Jahren aufs Land verschlug, stand für mich fest: das ist nichts für mich. Fernab von der Zivilisation und schnellem Internet. Ich brauchte die Stadt, den Trubel und alles davon in greifbarer Nähe. Und wenn wir eine Auszeit vom Stadtleben brauchten, gingen wir in Parks, Stadtwälder oder fuhren meine Eltern besuchen.

Jetzt ist die Milchschnute da und ich frage mich, ob dieser Trubel wirklich wichtig ist. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Häuser neben Häusern, Bürgersteige und die einzigen Rasenflächen in der Nähe umgeben die Bäume der nahegelegenen Allee. Wälder und Felder, Koppeln und Gewässer sind fußläufig zu erreichen, jedoch immer mit einem Ausflug verbunden. Für die Milchschnute keine Chance ihre Abenteuer selbst zu gestalten.

Und je öfter die Tage voll Sonnenschein sind, desto gefrusteter werde ich. Ich möchte Planschbecken aufstellen, meine Tochter nur in Windeln und barfuß durch das Gras laufen lassen. Möchte dem Hund die Möglichkeit geben im Schatten zu dösen, während das Baby durch den Sonnenschein wackelt. Ich möchte Vögel zwitschern hören und nicht das Dröhnen der Autos von der Hauptstraße.

Die Prioritäten haben sich geändert. Ich habe die Verantwortung für eine unbeschwerte Kindheit. Erinnerungen zu schaffen und Sinneseindrücke zu fördern.
Wir haben uns geändert. Ich möchte Grün um mich haben, das Familienleben in vollen Zügen genießen können.

Denn das Gras unter den Füßen, der Sonnenschein im Gesicht und das luftige Windchen, dass durch das T-Shirt weht, das ist die Auszeit die ich uns wünsche. Trubel gibt es genug, aber das Kennenlernen der Natur, ihren Geschmack und Geruch noch Jahre später zu kennen, wenn man im Winter die Augen schließt und sich auf den Sommer freut, das kann man nur unter seiner Käseglocke.

Haben sich eure Wohnvorstellungen mit dem Leben mit Kindern auch geändert? Wie schafft ihr die Käseglocke für eure Kinder? Ich würde mich freuen davon zu lesen.

 

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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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