Die brotlose Kunst der sozialen Berufe

Pascal ist 8 Jahre alt und wiegt 24 kg. Er ist vom Körperbau eher zart, aber in ihm brodelt es. Wenn er seine Energie freisetzt, habe ich Probleme ihn zu halten. Er ist stark und wendig und auch wenn er vor Frust und Verzweiflung um sich tritt, seine Augen zeigen wie verletzt er ist. 
Und wenn ich ihn halte, ihm die Sicherheit und den Körperkontakt gebe, den er eigentlich gerade einfordern möchte, es verbal aber einfach nicht kann, dann ist er so zerbrechlich.
Er fühlt sich gefangen und möchte mich zurück stoßen, aber eigentlich ist es seine Geschichte die ihn gefangen hält. Es sind die Traumatisierungen, die er zurück stoßen möchte, aber sie werden immer ein Teil von ihm bleiben.
Ich bin für ihn da und obwohl er nicht mein Kind ist. Es ist meine Aufgabe ihm zu zeigen, dass es auch ein anderes Leben gibt. Ein Leben ohne gewalttätigen Vater, der die Familie mit einer Waffe bedroht. Ein Leben ohne eine Mutter, die sich und ihre Kinder aus dieser Hölle nicht befreien kann. Ein Leben ohne Zeuge sein zu müssen, wie der Vater die Mutter vergewaltigt, während man im selben Zimmer gefangen gehalten wird.
Die Flashbacks die er hat zwingen ihn zu Impulsdurchbrüchen. Er denkt nicht mehr. Er reagiert nur noch. Er schlägt um sich, trifft andere Kinder, Erzieher und auch sich selbst. Im nächsten Moment ziehe ich ihn vom Fenster weg, aus dem er sich stürzen möchte. Fluchtverhalten ist sein Instinkt. Wir sitzen auf dem Boden und er schreit um sein Leben. Ich halte ihn, meine Beine um Seine geschlungen. Meine Arme umschließen seinen kleinen, bebenden Oberkörper. Er fühlt sich wieder ohnmächtig und ich mich ein weiteres Mal hilflos.

Dass Helfer sekundär traumatisiert werden können, indem sie sich um Opfer von Katastrophen oder Straftaten kümmern, ist in der Traumaforschung längst bekannt, wurde aber lange nicht thematisiert.

Das Miterleben und Mitfühlen von Flashbacks und die Spirale aus Hilflosigkeit und Ohnmacht führen nicht selten dazu, das Erlebte auf der Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Es fällt schwer sich abzugrenzen, die Gedanken und die Empathie abzustellen. Zu tief sitzt der Schock darüber, was Menschen im Stande sind sich gegenseitig anzutun. Fehlende Selbstfürsorge und der fehlende Abstand führen zu einem Burnout der Mitarbeiter. Die Anzeichen werden häufig übersehen, verschleppt, bis es zur Depression kommt.

„Sekundärer traumatischer Stress ist ein Risiko, das wir eingehen, wenn wir uns empathisch mit einem (…) Kind befassen“. B. Perry

Berufung und die Konsequenzen

Seitdem ich denken kann habe ich mich für andere Menschen interessiert. Ich fand es schon immer unheimlich spannend die Geschichten von anderen Menschen zu hören, auf mich wirken zu lassen und vielleicht sogar etwas daraus zu lernen. Ich habe gern zugehört und das Vertrauen meiner Mitmenschen nie missbraucht. Viele Geschichten haben mich traurig gemacht, aber ich wollte da sein und zeigen, dass es irgendwann wieder besser wird.

In der Oberstufe stand mein Berufswunsch dann fest: ich wollte Sozialpädagogin werden. Ich wollte mein Empathievermögen dafür einsetzen andere Menschen die Wertschätzung entgegen zu bringen, die sie verdient haben. Menschen mit psychischen Erkrankungen, alten Menschen, Menschen mit Handicap und kleinen Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben.

„Sozialpädagogik? Das ist doch brotlose Kunst!“

„Oh, Kaffeetrinken und alles zerreden – das wäre nichts für mich!“

„Wenn du Geld verdienen möchtest, musst du etwas anderes studieren!“

Das waren nur einige Aussagen, die ich mir anhören durfte. Mich kümmerte es aber nicht was andere dachten. Ich selbst hätte mir ja auch nie vorstellen können im Büro nur Akten zu wälzen oder meinen Arbeitstag in einem Labor zu verbringen.
Ich muss jedoch dazu sagen, dass dies auch wohl der Vorteil der Frauen ist. Ich hatte vor einmal zu heiraten. Mein Gehalt würde zwar in die Haushaltskasse eingerechnet werden, in der Elternzeit müsste ich mit meinem Lohn aber keine Familie ernähren müssen, so wie es meine männlichen Kollegen tun müssen. Da wird es schon schwieriger nur mit einem Gehalt nach dem Elterngeld auszukommen. 
Meinem Bruder z.B. fiel die Entscheidung einen sozialen Beruf zu ergreifen schon schwerer. Ein ‘Ja’ zu einem sozialen Beruf, bedeutete auch gleichzeitig ein ‘Nein’ zu vielen Statussymbolen, die nur ein Manager- oder Ingenieursgehalt einbringen könnte.

Ich glaube kein anderer Beruf, ausser vielleicht der von Künstlern, spiegelt mehr die Berufung zu einer Sache wieder, als das Arbeiten im sozialen Sektor. Der Umgang mit Menschen, in jeder ihrer Lebenslagen, erfordert Feingefühl, Kommunikationsvermögen, Geduld und starke Nerven. Niemand überlegt sich: ach, pflege ich mal alte Menschen – was soll ich sonst tun? Die Grundvoraussetzungen musst du mitbringen. Wie der Künstler ein Talent haben muss, so müssen Pfleger, Pädagogen und Therapeuten Empathie mitbringen. Denn keiner merkt so schnell dass hier jemand fehl am Platze ist, wie die Menschen mit denen man dann beruflich in Kontakt steht.

Industrialisierung – Kein Platz für soziale Gedanken oder Kreativität

Dass mein Freund nach seinem Bachelor (Elektrotechnik) als Einstiegsgehalt Netto das doppelte von dem verdient, was ich verdient habe (Sozialpädagogik), liegt nicht allein daran, dass er ein Mann ist und ich eine Frau.
Es zeigt meines Erachtens nach sehr gut, dass unser Bildungssystem immer noch sehr stark auf die Industrialisierung und den Kapitalismus ausgelegt ist. Das Bauen von Maschinen bringt dem Staat mehr Einnahmen, als das Heranziehen und Pflegen seiner Steuerzahler. 
Was wiederum sehr kurzsichtig gedacht ist. Denn je besser die Kinder auf das Berufsleben als Erwachsene vorbereitet werden, Kriminelle wieder gesellschaftsfähig sind, Arbeitslose wieder eingegliedert und Kranke wieder gesund und einsatzfähig sind, desto schneller und besser können diese Menschen wieder Geld einbringen, anstatt mit ihrer Pflege und Betreuung nur Geld zu kosten.

Gehaltsreport-Absolventen-2014-Studienrichtung

Dieser Ausschnitt einer Grafik stammt von Karrierebibel.de (Link siehe unter Lesenswert)

 

Schluss mit alten Bildern

Der Streik der Erzieher/innen und Pädagogen zeigt, dass sich das Blatt gewendet hat. War der Lohn einer Krankenschwester am Anfang des letzten Jahrhunderts noch das tapfere Lächeln eines langsam genesenden Patienten, lechzt das Pflegepersonal jetzt nach Abbau ihrer Überstunden aufgrund des nicht aufgehenden Personalschlüssels.
Das Bild der Pädagogen wurde über Jahrzehnte hinweg von den Cordhosen-tragenden Lehrern und Sozialarbeitern mit laisser-fairen Erziehungsmethoden geprägt, die in ihrer Freizeit bei Demonstrationen in den 70er Jahren ihr Gutmenschtum zum Einsatz für den Weltfrieden auslebten. Heute wird von uns jedoch viel mehr verlangt. Wir gehen auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen ein, achten darauf dass die Rechte eines jeden respektiert werden, Daten geschützt, Vorkommnisse analysiert und dokumentiert werden, sowie zukünftige, ähnliche Dramen von vornherein abgewendet werden. Die Grenzen bei denen ein Lehrer nur einen Bildungsauftrag, Kranken- und Altenheimpersonal nur einen pflegenden und Erzieher nur einen pädagogischen Auftrag haben, sind lange Geschichte. Wir sollen bitte am besten alle zugleich eine therapeutische Haltung einnehmen, Baustellen bearbeiten, die nicht in unser Metier fallen, um Kosten zu senken.
Und das bitte mit dem Mindestmaß an Besetzung, flexibel das Privatleben an den Job anpassen und dabei bitte noch recht freundlich lächeln. Der Lohn für uns ist der Beitrag an einer schönen Kindheit eines uns fremden Kindes, dem Erfolg im Leben eines Schülers, oder das Erreichen der nächsten Stufe der Entstehung eines Alkoholsucht-Erkrankten. Weil wir Gutmenschen sind und Mutter Theresa unser Vorbild.

“Wenn man sich selbst zu einem niedrigen Preis verkauft, wird niemand anderes diesen Preis erhöhen.” Wilson

Zugegebener Maßen machen wir es dem Staat mit unserer Haltung aber auch ziemlich einfach. Die Überstunden machen wir zum Wohle der Kinder, genauso wie wir die Erkältung lieber verschleppen als das Team mit der Arbeit allein zu lassen. Wer ein sozialer Mensch ist, denkt immer auch an die Menschen in seiner Umgebung. Mit einem Helfersyndrom sogar eher an andere als an sich. Selbst schuld könnte man da sagen. Aber ich finde, wenn wir alle ein bisschen sozialer wären, gäbe es da auch Menschen, die zuerst an uns und nicht an sich oder die Staatseinnahmen denken würde. Es ist also nicht unser Fehler, dass wir uns psychisch und körperlich kaputt schuften, sondern euer Fehler unsere Arbeit nicht wertzuschätzen.

„Wenn ich an dich denke, und du an mich – dann ist an uns beide gedacht.“
Gegenseitige Rücksichtnahme sollte das Motto in einer Gesellschaft sein, denn nur so kann Gesellschaft auf lange Sicht funktionieren.

‚Gehört-werden‘ als Anfang zur Aufwertung

Der Ober-Bürgermeister von Lüneburg und Präsident des Städtetags in Niedersachsen Ullrich Mägde hat in einem ziemlich anmaßenden Interview, Anfang April dieses Jahres, jedoch ganz richtig festgestellt, dass jeder gern mehr Geld verdienen würde. Das liegt in der Natur des Menschen, stimmt.

Ich MUSS jedoch nicht mehr Geld verdienen. Was ich jedoch haben muss ist regelmäßig Freizeit, um mich von der Arbeit zu erholen. Ich brauche Unterstützung bei der Arbeit, wenn die Hälfte des Teams wegen zu hoher Belastungen erkrankt ist. Ich brauche bessere Rahmenbedingungen, die meine Arbeit und meine Ideen tragen und nicht einen finanziellen Riegel vorschieben. Die uns mit den Konsequenzen alleine lassen, weil einfach kein Geld da ist. Nicht insgesamt kein Geld, nein, nicht DAFÜR!
Ich habe zwar genauso vier Jahre lang studiert wie all die BWL’er, Maschinenbauer oder Architekten, aber das heißt ja noch lange nicht, dass wir genauso viel Geld verdienen müssen. Wir tragen schließlich nicht so viel Verantwortung, wie jemand der eine Firma leitet, Produktionsmaschinen baut oder Gebäude errichtet. Wir gehen nur mit einer Gruppe von Kindern schwimmen die gerade erst das Seepferdchen-Abzeichen machen konnten, holen Kinder aus gewaltätigen Familien, rufen den Notarzt wenn ein Mädchen aus dem Heim sich mal wieder die Pulsadern aufgeschnitten hat, trennen sich schlagende Jungs oder beruhigen einen schizophrenen Jungen Mann, der in jedem das Böse sieht.

Der Krankenpfleger widerrum, der mit seinem Gehalt seine eigene Familie nicht ernähren kann, während die Frau gerade in Elternzeit ist, der sollte mehr Geld verdienen.

Die Erzieherin, die alleinerziehend ist und ihr Baby bereits im ersten Lebensjahr fremdbetreuen lassen muss, während sie sich um fremde Kinder kümmert und genau weiss, dass eine Fremdbetreuung unter 1,5 Jahren nicht förderlich für das Bindungsverhaltens ihres eigenen Kindes ist, die sollte mehr Geld verdienen.

Wir brauchen kein Schulterklopfen von der Gesellschaft für unsere Leistungen. Und uns genügt auch ein Lächeln nicht mehr und ein ‘Gut gemacht’.

So lange die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit nicht stimmen, werden wir nicht gesehen. So lange wir zur Risikogruppe der Burnout-Erkrankungen gehören, wird auf unsere Bedürfnisse nicht eingegangen.
Und so lange wir unseren Unmut nicht äußern dürfen, wir nicht für uns sorgen dürfen, so lange seid ihr Schuld daran, dass wir ausgebrannt sind.

Ich verstehe Mütter die von dem Streik der Erzieher/innen genervt sind, Angst um ihren Job haben und die es schrecklich unfair finden dafür ihren Jahresurlaub opfern müssen. Mich haben die ständigen Überstunden auch genervt. Die Geschichten der Familien haben mich nicht schlafen lassen. Ich habe mich anspucken und treten lassen müssen, habe Morddrohungen erhalten und an den Grenzen meiner körperlichen und seelischen Verfassung gearbeitet.

So ist das wenn man sich um seine Mitmenschen kümmert. Da bringt man Opfer. Wann bringt ihr welche für uns?

Lesenswert:

Sekundäre Traumatisierung

Einstiegsgehälter 2014

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Kategorie Beruf
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

1 Kommentare

  1. Ich bin begeistert und angetan von den klaren Worten!
    Als ich nach der „Sozialen Kunst“ googelte bin ich darauf gestoßen.

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