Brustnuckeln – abendliche Beruhigung wird zum Alptraum

Von Geburt an besitzt ein Baby einen Saugreflex. Dieser Instinkt ist überlebenswichtig für das Baby. Aber es nimmt darüber nicht nur die Nahrung auf, sondern stillt damit auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Die Brust dient dem Baby nicht nur als Nahrungsquelle sondern gerade in den ersten Monaten auch als Trostpflaster.

Die Natürlichkeit des Stillens

„Das Stillen ist ein intimer Moment zwischen Mutter und Baby. Es stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind.“

„Stillen ist der gesündeste Weg, sein Baby zu ernähren.“

„Mütterliche Zuwendung durch Stillen ist die natürlichste und wirkungsvollste Art, die Bedürfnisse eines Säuglings zu verstehen und zu befriedigen.“

„Wenn das Stillen mit Schmerzen verbunden ist, liegt das Kind nicht richtig an.“

Das sind nur einige Zitate die man findet, wenn man sich mit dem Thema ‘Stillen’ beschäftigt. Und diese Behauptungen beruhen auf Forschungsergebnissen, Umfragen und anderen Fakten. Sie sollen der Mutter die Natürlichkeit des Stillens aufzeigen. Die Mutter soll Vertrauen in sich, das Kind und die Instinkte haben.

Ich finde allerdings, dass diese Aussagen auch jede Menge Druck ausüben. Diese Meinungen erzeugen nicht selten ein Schwarz-Weiß-Denken in der Gesellschaft und, was noch viel schlimmer ist, in dem jungen Mutterherz, welches mit diesen Sprüchen konfrontiert wird. Sie suggerieren all zu oft, dass eine verantwortungsvolle Mutter alles daran setzen sollte, so lange und so oft zu Stillen, wie es nur möglich ist. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, soll frau nicht aufgeben. Für dieses Problem gibt es Stillberaterinnen und meistens eine Lösung. Aber auch die Selbstzweifel und das Gefühlschaos sind ganz natürlich, jedoch für viele Profis eher durch die Hormone als die eigenen Belange und Grenzen hervorgerufen.

Stillen ist das Natürlichste der Welt und jede Frau, die will, kann das!

Nur das Beste

Dass ich gerne stillen möchte, stand in meiner Schwangerschaft gar nicht zur Debatte. Schliesslich ist es das Beste für mein Baby und genau das ist es, was ich für mein Kind möchte. Ich war allerdings auch realistisch und räumte mir ein, dass es auch sein könne, dass es nicht klappt. Aber versuchen wollte ich es auf jeden Fall.

Die ersten Tage waren die Hölle. „Das gibt sich mit der Zeit.“ oder „Ihr habt euch noch nicht richtig eingespielt, das kommt noch, nur Geduld.“ waren einige Aussagen, die ich zu hören bekam. Also biss ich beim Anlegen auf die Zähne, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und krallte mich, wenn es gar nicht anders ging, fest an ein Kissen.
Immer wieder machten sich Selbstzweifel breit: Was machte ich nur falsch? Warum sah es bei anderen so einfach, so natürlich aus und nur bei uns war es so ein Krampf? Was, wenn ich die Milchschnute nicht richtig ernähren könnte? Ab wann war ich stark genug, mir einzugestehen, dass ich nicht mehr stark sein wollte? Wollte ich meinem Baby wirklich das Beste verwehren, nur weil es mich schmerzte? Nein, ich wollte nicht aufgeben und vertraute darauf, dass der Schmerz mit der Zeit nachlassen sollte.

FeatureBrustnuckeln

 

Nuckeln zur Beruhigung

Dass die Milchschnute ein Baby mit erhöhtem Nuckelbedürfnis war, merkten die Krankenschwestern schon auf der Wöchnerinnen-Station. Sie statteten mich mit Brusthütchen aus und die Milchschnute mit einem Schnuller. Und damit lief es wirklich besser. Es wurde erträglicher.
Und nach ein paar Wochen schmerzte es nicht mehr. Ich triumphierte, war stolz auf mich und meine Fähigkeiten als Mutter. Selbstlos bin ich in den Wochen zuvor über meine eigenen körperlichen und emotionalen Grenzen gegangen und nun konnte ich die Momente mit meiner Tochter ganz und gar genießen.
Die großen Augen die mich zufrieden studierten, während ihre Händchen meine Finger nestelnd umklammerten. Pure Liebe, Geborgenheit und Zweisamkeit.

Wir kümmerten uns um einen Schnuller, der die natürliche Form einer Brustwarze hatte und ganz fix wollte mein Baby auch keinen anderen Schnuller mehr und hatte keine Probleme mit einer Saugverwirrung.

Brustnuckeln und Selbstaufgabe

Einige Wochen vergingen und es kam Schub Nummer 3. Die Milchschnute wollte nur noch an die Brust. Klarer Fall von Clusterfeeding. Völlig normal – da muss Frau durch. Als der Schub vorbei war, wollte die Milchschnute den Schnuller nicht mehr. Sie spuckte ihn aus oder kaute auf ihm herum, aber zur Beruhigung? Keine Chance.

Und auch jetzt schläft sie nur an der Brust ein, oder nach viel Trara auf dem Arm, fordert beim Ablegen aber direkt wieder die Brust. Besonders abends trinkt sie nur kurz, nuckelt dafür aber immer ca. 60 Minuten seelenfriedlich vor sich hin. Und ich stoße wieder an meine Grenzen.

Nicht das Trinken schmerzt, sondern das lange Nuckeln zur Beruhigung. Es zieht, brennt und fühlt sich warm und wund an. Und so friedlich sie auch schlummert und dabei nuckelt, mit jedem Zug an meiner Brustwarze ist bei mir das Maß an Selbstaufgabe und Fremdbestimmung übertroffen.

Ich will das nicht mehr! Ich will nicht mehr der Schnuller für meine Tochter sein! Ich will mich nicht mehr jeden Abend diesen Schmerzen stellen müssen! Ich möchte Nein sagen! Es reicht!

Ich fordere meine Brust wieder ein, bin ganz bestimmend und klar dabei. Und dann fängt sie an zu suchen, zu jammern, zu weinen. Streicheln, sprechen, singen, schaukeln, Schnuller, Trinkflasche, Spieluhr, Finger, Kuscheltuch – nichts hilft. Sie will zurück an die Brust, reißt an meinem Shirt, greift nach ihrer Art von Geborgenheit.

Und dann liege ich da und weiß nicht was ich tun soll. Sie braucht mich. Ich bin ihr sicherer Hafen und was bin ich für eine Mutter, wenn ich ihr nicht das gebe, was sie braucht? Sie ist noch so klein und kann das alles nicht verstehen.

Also beiße ich wieder auf die Zähne und mit jedem Schmerz wächst die Wut und die Ohnmacht. Das Gefühl ganz hinten anzustehen. Nicht selbst bestimmen zu dürfen. Aber das Kind schläft irgendwann ein.

Habt ihr einen Rat für mich? Ich verzweifle gerade wirklich. Ich merke wie sich da etwas in mir aufstaut und ich will das nicht mehr. Mit dem Stillen habe ich wirklich kein Problem, mit dem Nuckeln aber schon. Kennt ihr das auch? Wenn ja, was habt ihr unternommen?

Über einen Austausch wäre ich wirklich dankbar.

 

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Kategorie Eltern, Elternschaft, Entwicklung
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

19 Kommentare

  1. Hallo!
    Habe gerade diesen Artikel gelesen und muss sagen, hier ist es genau so ! Gibt es denn irgendwelche „wundermittel“ 2as man tun kann? Oder müssen manche Frauen da einfach durch ? Ich weiß nicht wann sich das ändert und vor allem wie!?!?

  2. Hallo, ja es gibt eine Alternative….ruhiger Körperkontakt :-).
    Durch das Stillen wird Oxytocin ausgeschüttet, was hilft Stresshormone abzubauen, Reize besser zu verarbeiten, so auch besser schlafen zu können und natürlich die Bindung zu festigen. In manchen Situationen braucht das Baby da einfach mehr.
    Das Oxytocin wird auch im ruhigen Körperkontakt Bauch am Bauch oder in Wiegestellung ausgeschüttet. Mit Blickkontakt sogar noch mehr.
    Je nachdem wie der Start ins Leben war, kann es jedoch sein, dass dem Baby diese Positionen und die Nähe ohne stillen schwer fällt. Dieses kann z.B. durch eine anstrengende Geburt, Trennung nach der Geburt, Kaiserschnitt, stressige Zeiten danach, sensorische Empfindlichkeiten, die das Kind einfach mitbringt und so vielleicht feines Streicheln -was normalerweise schön ist- für dieses Kind unangenehm ist, ausgelöst werden.
    Dazu kommt, dass Weinen oftmals schlecht zugelassen werden kann. Damit meine ich nicht das Schreien lassen (was gar nicht geht!), sondern das Weinen lassen und zuhören im engen Körperkontakt mit den Eltern. Ohne Ablenkung, Stillen (natürlich nur, wenn man weiß, dass das Kind nicht hungrig ist) , etc.
    Weinen hilft auch beim regulieren und verarbeiten von Reizen und somit auch sehr wichtig. Eine Hebamme sagte einmal, man müsse sich vorstellen es gehe einem schlecht und der geliebte Mensch geht mit einem zum Fenster und sagt „guck mal das Vögelchen“ oder steckt einem eine Praline in den Mund, anstatt einem zuzuhören und einfach in den Arm zu nehmen und Halt zu geben.
    Aletha Solter hat ein super Buch geschrieben : „Warum Babys weinen“. Das kann ich wärmsten empfehlen.
    Alles Gute!

    • Hallo Kerstin, vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast Recht, das Kind weinen zu lassen, also die Gefühle zuzulassen und dabei ruhig zu bleiben fühlt sich manchmal zwar schwer an, ist aber sehr wichtig. Wenn ich mein Kind ablenke, zeige ich ihm, dass die Gefühle die es hat, nicht zugelassen werden sollen. Aber als Mutter ist es schwer dieses weinen auszuhalten, zumindest ging es mir anfänglich so, da ich das Bedürfnis hatte, mein Kind zu trösten. Und wenn es sich durch den einfachen Körperkontakt und beruhigendes Zureden nicht beruhigen ließ, ich aber wusste, dass das Stillen (Nuckeln) hilft, hab ich es zugelassen. Je nachdem wie dünnhäutig dann auch das Nervenkostüm war, habe ich das weinen noch weniger ausgehalten. An dieser Situation, das weiß ich jetzt, war ich selbst schuld.
      Ich habe einen Artikel geschrieben, wie wir die Situation gelöst haben. Er erscheint nächste Woche.
      Vielen Dank für deinen Tipp, ich bin sicher er wird einigen Lesern helfen.

      LG Sarah

      • Oh liebe Sarah,
        du bist in keiner Weise „schuld“ daran, sondern hast alles getan was du tun konntest und darüber hinaus.
        Genau, das mit dem aushalten und zulassen des Weinens ist total schwer und gerade wenn man eh schon auf dem Zahnfleisch läuft noch schwerer!
        Dazu kommt, dass im Unterbewusstsein abgespeichert ist, wie man selber mit dem Weinen aufgewachsen ist und meist wurde dieses nicht begleitet. Somit werden quasi auch die eigenen Erfahrungen unbewusst wieder „wach“.
        Das Buch von Aletha Solter hilft da sehr zu verstehen was dabei passiert und einen anderen Blick zu entwickeln.
        Ich bin gespannt auf deinen Artikel und schicke viele Grüße 🙂

        • Ach ja und was auch wichtig ist: Unterstützung! Was leider auch meist nicht vorhanden ist :-(. Denn wir sind eigentlich nicht dafür geschaffen alles alleine zu machen, sondern brauchen das „Rudel“ und somit Hilfe.
          Ich habe deinen Geburtsbericht gelesen, wo du beschreibst, dass du dich alleine gelassen gefühlt hast und dann noch die Untersuchungen und Verkabelungen. Dadurch wird weniger Oxytocin (und mehr Stresshormone) ausgeschüttet, was bewirkt, dass es noch schmerzhafter wird und die Stresshormone natürlich auch auf’s Kind übergehen. Daher umso beeindruckender, dass du trotz dieser Hindernisse die Geburt so wunderbar gemeistert hast!
          Eine Geburt benötigt Sicherheit, Vertrauen, gedämpftes Licht, etc. Ist nur ein kleiner Störfaktor dabei so funktioniert der natürliche Hormonablauf nicht mehr richtig und es wird unangenehm oder der Körper „verweigert“ sich das Kind loszulassen. Auf Hebammenwissen.info gibt’s viele tolle Artikel darüber.
          Das sind Faktoren, die auch noch mit reinspielen, das System durcheinanderbringen und die Mama keine Chance hat und meist bis ans Ende ihrer Kräfte geht.

        • Die Schuldfrage nehme ich nicht all zu kritisch, denn ich wusste es nicht anders.
          Du hast Recht, bei uns wurde weinen auch immer sofort gestillt, besonders schnell abgelenkt – wobei ich im heutigen Lebensabschnitt deswegen kein Problem habe, meine Gefühle zu zeigen oä. Aber man übernimmt diese Verhaltensweisen wirklich schnell und wendet sie unbewusst an. Gut, dass wir zu den sich reflektierenden Menschen zählen 😉 LG

      • Wo finde ich diesen Artikel, wie du’s geschafft hast? Am Handy ist der anscheinend gut versteckt 😉

        • Hab’s schon gefunden. Vergiss meinen vorherigen Kommentar. Ähnliche Tipps hab ich heut schon mal gelesen und ich werd’s mal probieren. 🙂 LG

          • Hallo Babsi, schön dass du fündig geworden bist. Ich hoffe dass es dir gelingt, dass dein Baby und du wieder gute Stillteampartner werden. Probier es aus, bei mir hat es funktioniert und bei einigen die es probiert haben, habe ich ebenfalls eine positive Rückmeldung bekommen. Ich wünsche dir viel Kraft und gutes Gelingen 😉

  3. Pingback: In 5 einfachen Schritten deinem Baby das Brustnuckeln abgewöhnen – Mamagogik

  4. Herzlichen Dank für die schnelle Antwort.
    Befinde mich gerade in der selben Phase…. Gott sei Dank habe ich keine Schmerzen wenn meine kleine nuckelt…ich möchte sie nur umgewöhnen…sie schläft zwar beim schaukeln(wiegen) nach langem weinen ein aber sobald ich sie ablege weint sie bis sie die brust zum nuckeln bekommt. Sie akzeptiert leider keinen schnuller.
    Brust ist der einzigste Ort wo sie ohne weinen einschläft. Nur deswegen möchte ich nicht abstillen. Denn ich stille gerne…Ich möchte nur dass sie die brust nicht mehr mit dem Schlaf verbindet und als Einschlafhilfe sieht und einschläft ohne das Dauernuckeln

    • Ich kann sehr gut verstehen, dass du das gern abgewöhnen möchtest. Abgestillt habe ich deswegen auch nicht, ich war danach einfach nur nicht mehr Stunden damit beschäftigt sie an der Brust zu haben. Denn sobald sie die Brust im Schlaf verloren hatte, wurde sie wach und hat geweint. Sie hat danach einen besseren Schlaf gehabt, weil sie gelernt hat, sich selbst zu beruhigen, bzw dass es gar nicht so schlimm ist, wenn sie in der Nacht wach wird. So konnte sie direkt wieder einschlafen. Lotte war damals 10 Monate alt. Du kannst es aber immer anwenden, hatte die Stillberaterin mir gesagt. Ich wünsche dir bzw euch alles Gute. Lg Sarah

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