5 Tipps wie Kinder Toleranz lernen (mit Buchempfehlungen)

In der vergangenen Woche, am 27.01.2015, jährte sich der Holocaust-Gedenktag zum 70. Mal. An diesem Tag wurde vor 70 Jahren das erste Konzentrationslager von der roten Armee befreit. Die Opferzahlen dieses sadistischen Völkermordes wird heute auf ca. 6 Millionen Menschen geschätzt. Eine systematische Ausrottung, die so grauenvoll und unfassbar ist, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Und wenn ich heute den Fernseher einschalte, dann sehe ich tausende PEGIDA-Demonstranten, die sich zusammenrotten. Sie geben ähnliche Parolen von sich, wie all die ferngesteuerten Menschen aus der NS-Zeit vor 80 Jahren. Und dann frage ich mich, warum wir wieder an einen Punkt gelangen konnten, an dem Intoleranz gegenüber Fremden thematisiert werden muss?

Ich gehöre glücklicherweise zu der Generation, die nie das Leid und die Traumatisierungen eines Krieges miterleben musste. Eine Generation, die durch die Erzählungen der Ur-/Großeltern zwar erahnen kann, wie schlimm solche Erlebnisse sind, aber den nötigen Abstand dazu haben. Ein Abstand, der scheinbar viele Vorzeichen übersehen lässt.

Aber weiter gehöre ich ebenfalls zu der Generation, die die künftige Generation aufwachsen lässt. Die mit ihrer Erziehung die Zukunft mit gestalten kann. Die ihre Kinder zu Mitgefühl, Toleranz und Respekt vor Menschen erziehen kann. Damit aus Fremden Freunde werden können.

Multi-Kulti – Zusammen aneinander vorbei leben

Heute leben wir in einer barrierefreien Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander leben. Wir essen italienisches Essen, tanzen zu englischer Musik, schauen französische Filme, tragen unsere Kinder in indischen Tüchern, lassen uns die Haare im türkischen Salon stylen, gehen abends in eine Sushi-Bar und verbringen unseren Urlaub gern in Spanien, wo uns afrikanische Zöpfe geflochten werden. Und dennoch gibt es immer wieder Menschen, die andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder dem Aussehen beurteilen.

Werte und Normen

In der Erziehung unseres Kindes möchten wir Werte und Normen vermitteln, die uns wichtig sind. Es sind gesellschaftliche Regeln, welche für die Kinder im Zusammenleben mit anderen Menschen enorm wichtig sind.
Kinder, die über keine oder nur wenige soziale Fähigkeiten verfügen, werden immer wieder mit anderen Menschen anecken, als Erwachsene Probleme in der Arbeitswelt haben und im schlimmsten Fall sogar Konflikte mit dem Gesetz haben.

Wir haben als Eltern also die wichtige Aufgabe, unserem Kind die Werte und Normen der Gesellschaft, und die der eigenen Familie, zu vermitteln.

Die kindliche Entwicklung als Basis

Bis zum dritten Lebensjahr nehmen Kinder Unterschiede zwischen Menschen zwar wahr, stehen dem allerdings völlig wertfrei gegenüber. Sie beurteilen Menschen nicht nach dem Aussehen, sondern danach, wie sie sich den Kindern gegenüber verhalten.
Nach dieser Phase beginnen die Kinder sich in Gruppen einzuteilen. Jungs spielen lieber mit anderen Jungs und Mädchen lieber mit ihresgleichen. Sie beginnen sich selbst über Merkmale von anderen zu definieren und interessieren sich dafür, was sie von anderen unterscheidet. So stellen sie beispielsweise fest, das Mädchen gerne Röcke tragen und Jungs einen Penis haben. Diese Phase gehört zu der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und ist somit sowohl wichtig, als auch völlig normal.

Um andere Menschen auszugrenzen oder zu diskriminieren benötigen die Kinder die Fähigkeit, sich bewusst für dieses Handeln zu entscheiden.
Im Alter von fünf Jahren schließen Kinder beispielsweise feste Freundschaften und möchten diesen Freund am liebsten mit niemandem teilen. Aus einer Trennungsangst heraus, sind sie nun im Stande dazu andere auszugrenzen, damit sich niemand zwischen ihre Freundschaft stellt.

Zu dieser Zeit bildet sich ebenfalls ein Bewusstsein dafür, wen Kinder aus dem Bauch heraus sympathisch finden und wen sie lieber meiden. In dieser Phase ist es besonders wichtig, den Kindern die Möglichkeit einzuräumen, ihre eigenen (dem Alter entsprechenden) Entscheidungen zu treffen. So kann sich ihre Fähigkeit zur Meinungsbildung entwickeln und sie bekommen nach und nach einen Bezug dazu, welche Vorlieben und Abneigungen sie persönlich haben.

Wie kann ich mein Kind zu Toleranz gegenüber Fremden erziehen?

1. Eltern als Vorbild

Kinder lernen vorrangig durch Nachahmen. Wenn ich also möchte, dass mein Kind dem „Anderssein“ mit Neugierde, statt mit Voreingenommenheit gegenüber tritt, dann müssen wir unserem Kind dafür ein Vorbild sein.
Denn ob wir als Eltern vorurteilsfrei und tolerant gegenüber Anderen sind, spürt unser Kind durch das Handeln, die Emotionen, das Gesagte und der Körpersprache seiner Bezugsperson und es wird diese Reaktionen unbewusst übernehmen.

„Geh nie mit Fremden mit!“ oder „Lass dich nicht von Fremden ansprechen!“. Das sind Aufträge, die wir unserem Kind mit auf den Weg geben, weil wir es beschützen wollen. Dass wir ihm damit aber ein negatives Bild von allem was fremd und anders ist, mitgeben, ist uns wohl im seltensten Fall bewusst. Wir sind misstrauisch und haben das Gefühl, dass alles was wir nicht kennen, eine Gefahr birgt.

Als Eltern ist es also sehr wichtig uns selbst einmal zu fragen, wie aufgeschlossen wir sind. Stehe ich im Kindergarten nur mit deutschen Müttern aus der oberen Mittelschicht zusammen? Gibt es in dem eigenen Umfeld Bekannte oder Freunde mit einem Handicap und wie gehe ich damit um? Habe ich Schwierigkeiten damit, fremde Leute kennen zu lernen? Wie fühle und reagiere ich, wenn ich plötzlich von fremden Menschen angesprochen werde?

Nur wenn wir uns von unseren eigenen Vorurteilen und Unsicherheiten frei machen können, können wir unseren Kindern ein gutes Vorbild sein.

2. Dem Kind ein starkes Selbstbewusstsein auf den Weg geben

Damit sich unser Kind eine eigene Meinung über andere Menschen, Religionen oder Kulturen bilden kann, muss es nicht nur mindestens das Vorschulalter erreichen. Es benötigt außerdem ein starkes Selbstbild, um sich überhaupt eine Entscheidung zu zutrauen.

Wenn Kinder in einer Gruppe andere Kinder ausgrenzen, dann gibt es unter den ausgrenzenden zwei verschiede Typen:
Typ 1 grenzt ein anderes Kind aus, weil es sich selbst dadurch besser fühlt. Andere herabzusetzen bedeutet für dieses Kind, sich selbst aufzuwerten.
Typ 2 ist der sogenannte Mitläufer. Dieses Kind fühlt sich in der Gruppe stark, findet es wichtig dazu zugehören und hat entweder gar keine eigene Meinung oder traut sich nicht, eine abweichende Meinung gegenüber der Gruppe zu vertreten.

Wahrscheinlich werden beide Typen von Kindern Zuhause unterdrückt oder in ihren Bedürfnissen nicht ernstgenommen. Oder sie bekommen in der Familie mit, wie beispielsweise die Mutter den Vater unterdrückt oder umgekehrt.

Wie man sein Kind selbstbewusst erzieht ist ein Thema das einen eigenen Artikel verdient.
Das Kind stets ernst zu nehmen, in seinen Bedürfnissen und Emotionen, ist jedoch ein sehr wichtiger Bestandteil. Es in Entscheidungen miteinzubeziehen und zu zeigen, dass die kindliche Meinung auch wertvoll ist, gehört ebenfalls dazu. Nur ein Kind, das weiß, was ihm gut tut und sich abgrenzen kann, kann „Nein!“ zu Vorurteilen sagen.

3. Empathie ist der Schlüssel zur Menschlichkeit

Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln gehört zu den sozialen Kompetenzen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt haben sollte. Durch Empathie lernt man, sich in die Perspektive des Anderen hinein fühlen zu können. Und geht es jemandem schlecht oder man bemerkt, dass er Probleme hat, ist man im besten Fall engagiert genug, um demjenigen Unterstützung zukommen zu lassen.

Empathie sollte jedoch nicht mit Mitleid verwechselt werden, denn Mitleid ist passiv. Man bedauert die Situation des Anderen, aber wirkt nicht aktiv mit, um dem Menschen tatkräftig Beiseite zu stehen.

Auch hier lernen Kinder am besten von den eigenen Eltern und aus ihrem Umfeld. Wenn wir unserem Kind mit Mitgefühl begegnen, dann lernt es, dass Einfühlungsvermögen etwas Gutes ist. Also trösten wir unser Kind, wenn es fällt und kleben ein Pflaster auf die verwundete Stelle.
Wenn es sauer ist, akzeptieren wir seine Wut und bieten eine Alternative, wie es die Wut am besten ablassen kann, ohne sich selbst oder Andere zu verletzen.
Wir vergeben unserem Kind, wenn es etwas Schlimmes getan hat und erklären, was das mit uns macht.
Und wenn unser Kind ein anderes Kind haut, tritt oder sonst irgendwie gemein ist, zeigen wir Verständnis für seine Wut, aber zeigen ihm auch auf, welche Konsequenzen sein Verhalten für das andere Kind hat.

„Du hast dich verletzt? Das tut bestimmt weh. Komm lass uns ein Pflaster aufkleben, dann geht es dir sicher gleich besser.“

„Du findest es gemein, dass du jetzt keine Schokolade bekommst. Wenn du das Spielzeug wirfst, geht es kaputt. Komm lass uns die Wut ins Kissen brüllen, das ist besser!“

„Du darfst nicht auf die Straße laufen, ich habe dann Angst um dich. Zum Glück ist dir nichts passiert!“

„Wenn du den Peter haust, weint er, weil es ihm weh tut. Möchtest du, dass der Peter dich haut? Wie würdest du das finden?“

Es geht also darum, über Gefühle zu reden. Unserem Kind die eigenen oder die Gefühle Anderer zu erklären (möglichst knapp und verständlich), damit es dafür ein Gespür entwickeln kann.

4. Offenheit gegenüber anderen Kulturen fördern

Hier kann man sehr aktiv werden. Es geht darum, dem Kind die verschiedenen Kulturen und Religionen näher zu bringen. Kontakt zu Menschen aufzubauen, die anders sind.

  • Kocht Zuhause internationale Gerichte und nehmt die Situation zum Anlass, um über das Land und die Gewohnheiten zu sprechen.
  • Geht Auswärts in einem internationalen Restaurant essen und lasst euch von den Kellnern etwas über die Gerichte oder die Kultur erzählen.
  • Fahrt in den Urlaub und schaut euch auch fernab des Tourismus etwas im Land um. Lernt vor dem Urlaub ein wenig von der Sprache, um einfache Gespräche mit den Landsleuten führen zu können.
  • Besucht die Gotteshäuser verschiedener Religionen. Viele haben regelmäßig einen „Tag der offenen Tür“. Hier gibt es Führungen, Feste und auch Vorträge, die ihr mit eurem Kind besuchen könnt.
  • Geht in Museen oder andere Ausstellungen, die über die verschiedensten Kulturen informieren. Für Kinder gibt es meistens etwas zum Mitmachen und auch für die Erwachsenen kann es interessant sein. Besprecht eure Eindrücke miteinander. Schaut nach Unterschieden und nach Gemeinsamkeiten.
  • Besucht zusammen Feste von örtlichen sozialen Einrichtungen, wie z.B. Diakonie, DRK, Caritas usw. Vielleicht gibt es ja in der Nachbarschaft Wohnheime für Menschen mit Handicaps, Seniorenheime oder Kinderheime. Hier kommen die verschiedensten Menschen zusammen. Es gibt immer etwas zu entdecken und häufig werden Hüpfburgen aufgebaut oder Tombolas veranstaltet, die das Ganze noch spaßiger machen und euer Kind lernt offen mit vielen verschiedenen Menschen umzugehen.
  • Ladet doch beispielsweise einmal die türkische Familie von Nebenan in euren Garten zu einem gemeinsamen Grill-Nachmittag ein. Jeder kann etwas zu Essen mitbringen und ihr könnt euch näher kennenlernen. Traut euch, mehr als nein sagen können sie nicht.

Das sind nur einige Beispiele, die ganz simpel sind, aber sehr effektiv sein können, um euch und euren Kindern die Augen und die Herzen für verschiedene Kulturen zu öffnen.

5. Neugierde spielerisch wecken

Kinder haben die wunderbare Eigenschaft, dass sie allem Neuen und Andersartigen ganz aufgeweckt und neugierig entgegentreten. Hier können wir Erwachsenen wirklich noch eine Menge lernen.
Wir müssen diese Eigenschaft unterstützen und sollten sie nicht abtrainieren. Wenn unser Kind etwas eigenartiges an einem anderen Menschen entdeckt, darf das Kind ruhig nachfragen. Wir haben den Auftrag, unserem Kind zu zeigen, wie man respektvoll mit den Menschen umgeht. Wir sollten ihm nicht sofort über den Mund fahren, wenn es beispielsweise mit dem Finger auf Andere zeigt. Anders sein ist kein Tabu, es ist etwas Besonderes.

Anhand von Spielen und Büchern kann man dieses Thema mit Kindern sehr gut aufgreifen. Es gibt viele schöne Bücher über das Anderssein und wie man damit umgeht. Damit das Kind jedoch das Thema verknüpfen kann, sind wir Eltern gefragt: Besprecht mit eurem Kind das Thema des Buches und knüpft es an Situationen, die euer Kind nachvollziehen kann oder ihm selbst begegnet sind.

Hier sind ein paar Buchtipps mit denen ihr die Themen Toleranz, andere Kulturen und Religionen, Anderssein und ausgeschlossen werden, mit eurem Kind besprechen könnt:

kinderbuecherToleranz

Von links nach rechts:
1. Afrika, wie ist es da? Geschichten zum Vor- und selber lesen, von Hermann Schulz, Agatha Ngonyani, Birte Müller, Carlsen Verlag, ca. 17 €, Alter: ab 3 Jahren
2. Papa, was ist ein Fremder? Gespräche mit meiner Tochter, von Tahar Ben Jelloun, rohwolt Verlag, ca. 8€, Alter: ab 10 Jahre
3. Gustav und das Terror-Trio: Mobbing, Opfer, Ausgrenzung, Toleranz, Freundschaft, von Lina Ebhardt, Papierfresserchens MTM Verlag, ca. 10€, Alter: ab 10 Jahre
4. Wieso? Weshalb? Warum? 23: Religionen der Welt, von Angela Weinhold, Ravensburger Buchverlag, ca. 13€, Alter: ab 4 Jahre
5. Kinder aus aller Welt: In Zusammenarbeit mit unicef, von Anabel Kindersley, Loewe Verlag, ca. , Alter: ab 6 Jahre
6. Wieso? Weshalb? Warum? Sonderband: Kinder dieser Welt, von Angela Weinhold, Ravensburger Buchverlag, ca. 17€, Alter: ab 4 Jahre
7. Svea ist besonders – Ein Autismusbuch für Kinder im Kindergarten-, Vorschul- und Grundschulalter, von Dorina Lutz, Papierfresserchens MTM Verlag, ca. 17€, Alter: ab 4 Jahre
8. Du bist einmalig, von Max Lucado, SCM Hänssler Verlag, ca. 13€, Alter: ab 4 Jahre
9. Das Vier-Farben-Land, von Gina Ruck-Pauquèt, Velber Verlag, ca. 15€, Alter: ab 3 Jahre
10. Irgendwie Anders, von Kathryn Cave, Oetinger Verlag, ca. 12€, Alter: ab 4 Jahre

Unterstützt euer Kind darin, Kontakt zu anderen Kindern aufzubauen, die anders sind als euer Kind!

Alle Menschen sind verschieden; aber gleichwertig!

Wie bringt ihr euren Kindern Toleranz bei? Wie aufgeschlossen geht ihr mit Fremden oder Menschen, die anders sind als ihr, um?
Seht ihr dieses Thema vielleicht aus einem völlig anderen Blickwinkel? Dann lasst es mich wissen. Ich finde, bei diesem Thema kann nicht genug diskutiert und besprochen werden.

Habt ihr noch weitere Tipps zur Toleranz-Erziehung, kennt ihr noch Filme, Bücher etc.? Dann her damit, ich will alles sehen 😉

Gut zu wissen:

Hier noch ein paar nützliche Links zu dem Thema

Am 3. Oktober eines jeden Jahres findet der bundesweite „Tag der offenen Moschee“(http://www.tagderoffenenmoschee.de) statt.

Hier gibt es eine Liste von buddhistischen Tempeln in Deutschland die man besichtigen kann.

Wenn ihr mal eine Synagoge besuchen möchtet, gibt es hiereine Liste, auf der ihr die Nächstgelegene suchen könnt.

Das hier ist eine tolle Seite über die verschiedenen Religionen, extra für Kinder. Hier gibt es Spiele, Tipps, Umfragen und Quizze über alle Religionen.

Auf dieser Homepage gibt es eine Liste mit deutschen Kindermuseen. Hier gibt es immer mal wieder Ausstellungen zu diesem Thema

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Kategorie Bücher, Eltern, Elternschaft, Elternschaft, Kinder, Normen & Werte
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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