Streitthema Erziehung

Wenn man von seiner Heimat weiter entfernt wohnt und seine Familie nur selten zu Gesicht bekommt, dann kann sich ab und an schon einmal ein wenig Sehnsucht nach seinen Liebsten einschleichen.

Aus diesem Grund habe ich mich vor einigen Wochen auch ausgesprochen auf die Weihnachtszeit gefreut, denn die haben wir im Kreise unserer Familie über mehrere Wochen verbracht.

Jetzt ist die Weihnachtszeit vorbei und und ich sehe mir gern die Fotos an, die in der Zeit entstanden sind. Aber irgendetwas hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen…

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Von gut gemeinten Ratschlägen und Kopfschütteln

Familie kann man sich bekanntlich ja nicht aussuchen und im Grunde liebt man sich, auch wenn man sich so manches mal tierisch auf den Zwirn geht. Was an den Familientagen allerdings wirklich nerven kann, sind gut gemeinten Ratschläge, Tipps und rhetorischen Fragen von Besserwissern aus der Familie.

„Also ich weiß ja nicht, aber wir haben die Kinder früher nicht die ganze Zeit durch die Gegend getragen – da hatten wir ja auch gar keine Zeit zu.“

„Die möchte aber wirklich viel an die Brust und ablegen lässt sie sich ja auch nicht!“

„Du musst das Köpfchen auch halten!“

„Die ist sicher müde, deswegen schreit sie so!“

„Früher war nicht alles nur schlecht.“

„Die hat euch ganz schön in der Hand. Sie weiß genau wie sie kriegt was sie will!“

„Oje, da zieht ihr euch aber ein ganz schön verwöhntes Luder heran!“

Das sind nur einige Beispiele. Und normalerweise macht es mir nichts aus, denn ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl und fühle mich dabei auch ziemlich sicher.

Wenn man allerdings tagelang mit diesen Kommentaren bombardiert wird, hat man irgendwann keine Lust mehr zu erklären und zu vermitteln und fragt sich nur noch:

„Warum könnt ihr so schlecht akzeptieren, dass wir es anders machen als ihr?“

Es ist noch nicht einmal so, dass ich mich rechtfertigen muss oder möchte. Ich war anfangs noch ziemlich bemüht zu erklären, warum ich dies und jenes so tue, wie ich es tue. Einfach um ein gegenseitiges Verständnis zu vermitteln. Allerdings schaltet die ältere Generation schon merkbar ab, wenn man mit wissenschaftlichen Theorien kommt oder erklärt, dass das Baby nunmal Bedürfnisse hat.

Zur damaligen Zeit war das Frauenbild ein anderes und die Mutterrolle ebenfalls.

Deswegen meine Erklärung für diesen Schlamassel:

Durch Generationsunterschiede entsteht ein anderes Verständnis für Erziehung.
Lasst uns also mal gemeinsam nach der Erziehung von damals und heute schauen.

Die Uroma

Wir sind wirklich froh, dass die Milchschnute noch drei Uromas hat. Alle drei sind Nachkriegskinder,erzogen von Müttern, die in der NS-Zeit aufwuchsen.

Meine Omas wuchsen also mit dem Rollenverständnis auf, dass Frauen für den Haushalt und die Kinder zuständig sind. Vereinzelt haben sie nebenbei auch schon gearbeitet, es war aber eher die Seltenheit.

Kinder bekam man, weil man sie eben bekam. Es wurde so gut wie nie verhütet und als gute Ehefrau hat man die Ehe mit seinem Mann vollzogen.
Waren die Kinder da, wurden sie versorgt. Reinlichkeit war wichtig und regelmäßige Fütterungszeiten ein Muss. Die Kinder sollten schnell selbstständig werden und wurden vornehmlich als kleine Tyrannen angesehen, mit denen man täglich in den Machtkampf gehen musste. Sie sollten abgehärtet werden, damit sie das Leben gut meistern. Schreien stärkte die Lungen und hielten die Babys sich nicht an die festen Schlafenszeiten, so durfte man sich als Mutter bloß nicht von ihnen manipulieren lassen, denn so hätte man den Kampf verloren.

Der Erziehungsstil war ein autoritärer – mit körperlicher Züchtigung sollten die Kinder abgehärtet und gesellschaftsfähig gemacht werden.

Gehorsamkeit, Pflichterfüllung und Disziplin wurden groß geschrieben.

Der Erziehungsratgeber von Johanna Haarer, der in der NS-Zeit geschrieben wurde und an deren Ideologie angelehnt war, prägte die Erziehungshaltung in dieser Zeit. Selbst wenn die Mutter ihn selbst nicht besaß, so teilte doch wenigstens der Kinderarzt diese Haltung. Ebenso diente der Ratgeber bis 1960 als Fachbuch in relevanten Berufen.

Die Oma

Die Generation meiner Mutter ist in den 60/70ern aufgewachsen. Hier entstand der erste Umbruch im Rollenverständnis der Frauen.

Die Frauen wurden unabhängiger, gingen arbeiten in einem Job, den sie sich ausgesucht hatten und bekamen Kinder, die sie sich wünschten. Sie kämpften für ein neues Frauenbild und zeigten, dass es klappen kann die Familie und den Beruf unter ein Dach zu bekommen.

Allerdings war der Betreuungsrahmen für Kinder noch nicht derselbe wie heute. Nach der Geburt konnten die Mütter nur Zuhause bleiben, wenn der Mann genügend Geld verdiente. U3-Plätze gab es noch nicht und so wurden die Kinder, wir, häufig von den Omas betreut.

Hier trafen zwei unterschiedliche Generationen aufeinander. Unsere Mütter glaubten daran, dass in Kindern etwas Wundervolles steckt. Die Erziehung sollte den Kindern dabei helfen ihre Persönlichkeit zu entwickeln und Selbstbewusstsein aufzubauen.

Sie mussten sich allerdings gut durchsetzen, denn ihre eigenen Mütter konfrontierten sie immer wieder mit den alten Erziehungsansichten, nämlich dass das Kind verwöhnt würde wenn man sich zu bedürfnisorientiert darum kümmerte.

Letztendlich erzogen unsere Eltern uns mit dem Gedanken, dass Kinder Liebe und Zuwendung brauchen, gefördert und gefordert werden sollten und unterstützten uns, wo immer sie konnten.
Der Haarer’sche Erziehungsratgeber wurde zu dieser Zeit übrigens immer noch verkauft. Mit einigen Anpassungen, jedoch mit dem gleichen Wortlaut. Die Gesamtauflage betrug bis 1987 1,2 Millionen.

Die Mutter

Die Mutter der Milchschnute, also ich, gehört zu der sogenannten Generation Y1. Wir Mittelschicht-Kinder wuchsen mit dem Verständnis der Gleichberechtigung auf. Wir haben das Gefühl, dass wir alles erreichen können, wenn wir an uns glauben. Weil unsere Eltern an uns geglaubt haben.

Uns ist die Freizeit mit der Familie wichtiger, als die Zeit, die wir auf der Arbeit verbringen, auch wenn wir unseren Job gern machen. Wir sind privilegiert, alles zu hinterfragen, uns ständig weiterzuentwickeln und uns unseren Lebensweg selbst auszusuchen. Das ist das, was unsere Eltern sich für uns gewünscht haben.

Unsere Kinder sind Wunschkinder und wir haben das Glück uns aussuchen zu dürfen, ob wir nach der Geburt wieder arbeiten gehen wollen oder eine Auszeit nehmen.

Wir erziehen unsere Kinder intuitiv, bedürfnisorientiert und setzen alles daran eine verlässliche Bezugsperson für unsere Kinder zu sein. Wir lassen die Kinder Kinder sein, so lange es eben geht. Weil wir selbst gern an unsere Kindheit zurück denken, was der Verdienst unserer Mütter und Großmütter ist.

Generationen und Unterschiede

Mein Friedensangebot

Ihr lieben Urgroßmütter, wir sind froh, dass ihr eure Urenkel noch erleben könnt. Betüddelt sie, solange es geht und sollten sie dadurch verwöhnt werden, müssen wir es eben ausbaden.

Und wenn wir es so sehr anders machen als ihr, dann ist es vielleicht genauso schwer zu verstehen, wie das Umgehen mit der modernen Technik und dafür haben wir Verständnis. Aber wir dürfen es so machen, wie ihr es vielleicht neben der ganzen “Gehirnwäsche” selbst tief in eurem Herzen gespürt habt, es aber wegen dem Bild nach Außen nicht tun konntet. Ihr habt in einer Zeit gelebt, in der vieles nicht so selbstverständlich war, wie es heute ist. Ihr wusstet es einfach nicht anders.

Und ihr lieben Mütter. Wir danken euch dafür, dass wir die Mütter sein können, die wir heute sind. Das ist euer Verdienst. 

Wir kuscheln gern mit unseren Kindern und wiegen sie fest an uns, weil wir uns selbst so wohl in euren Armen gefühlt haben. 
Uns ist die Bindung zu unserem Kind so wichtig, weil wir die Nähe und das Vertrauen von euch ebenso genossen haben. 
Ihr wart schon auf dem richtigen Weg, habt unseren geebnet, sodass wir das Selbstvertrauen haben, auf unseren Instinkt zu hören und uns frei machen können von dem “Kind als Tyrann”.

Jede Generation von Müttern hat wahrscheinlich ihr Bestes gegeben und immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Seid doch einfach stolz auf uns, wir sind es auch auf euch.

Wenn die Fronten verhärtet sind

Es gibt natürlich auch Familien, in denen bereits von Anfang an schwierige Verhältnisse herrschen. Vielleicht war die eigene Kindheit, mit der eigenen Mutter oder Oma sehr belastet. Oder die Ansichten gehen soweit auseinander, dass es ständig zu Streitereien kommt.
Doch was sollte man dann tun? Den Kontakt abbrechen? Gute Miene zum bösen Spiel?

Viele Konflikte können bereinigt werden, wenn man offen und ehrlich miteinander versucht zu reden. Dabei ist es wichtig, dass du dir vorher genau überlegst, was du an der Kritik denn so schlimm findest. Warum ärgert es dich, wenn deine (Schwieger-)Mutter, Tante, Vater oder ein anderes Familienmitglied ungefragt Ratschläge verteilt? Manchmal sind wir einfach selbst ein bisschen unsicher und fühlen uns deshalb schnell angegriffen. Oder hast du vielleicht das Gefühl, dass die eigene Familie kein Vertrauen in deine Fähigkeiten als Mutter setzt? Was empfindest du dabei? Und was würdest du dir stattdessen wünschen? Wenn du dir darüber im Klaren bist, kannst du es ansprechen. Beginne dann damit, von dir heraus zu sprechen anstatt Vorwürfe zu machen. Sag lieber: “Ich fühle mich unsicher, wenn …” anstelle von “Immer tust du dies oder jenes …!”. So nimmst du deinem Streitpartner schnell den Wind aus den Segeln und vielleicht war ihm ja auch gar nicht bewusst, dass es dir so geht, wenn er dir Ratschläge gibt.
Und wenn dich die ungefragten Tipps einfach nur nerven, atme einmal tief durch und entgegne dann mit Sätzen wie:

“Danke für den Tipp, …”
”… ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen.”
”… aber ich möchte meine eigenen Erfahrungen sammeln.”
”… wir haben da unsere eigene Meinung zu.”

Wenn alles nichts hilft

Wie bei allen Streitigkeiten, die Erwachsene betreffen, sollte man auch hier die Situation nicht auf dem Rücken der Kinder austragen. Der Streit sollte nicht vor den Kindern ausgefochten werden. Hier hilft ein kurzes: “Lass und später drüber reden.”
Sollte dies nicht möglich sein, hast du die Verantwortung für dein Kind. Begleite es aus der Situation heraus, verabschiedet euch oder bitte das Familienmitglied darum, zu gehen. Bleib dabei ruhig aber bestimmt und erkläre, dass es für euch hier heute kein Weiterkommen gibt.
Sollten die Konflikte jedoch weiter bestehen, bleibt es dir freigestellt, ob du den Kontakt mit dem Familienmitglied aufrecht erhalten möchtest. Entziehst du allerdings auch den Kontakt zu den Kindern, schadest du auf lange Sicht gesehen eher den Kindern, als deinem Gegenüber. Sie haben mit den Streitigkeiten nichts zu tun und brauchen zum Beispiel einen Opa oder eine Oma. Versuche den Kontakt so ablaufen zu lassen, dass du nicht dabei sein musst, indem ein Dritter vielleicht mit den Kindern das Familienmitglied besucht. Oder das Familienmitglied holt dein Kind bei dir Zuhause ab und sie unternehmen gemeinsam etwas. Vielleicht fällt es euch auch leichter gemeinsame Kontakte nur in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen.

Sollten auch diese Methoden nicht weiterhelfen, ist es vielleicht an der Zeit professionelle Hilfe anzufragen. In solchen Fällen kann ein Anruf beim Jugendamt immer sehr hilfreich sein. Erklärt die Lage und lasst euch Kontaktdaten von Institutionen geben, die in eurer Stadt für solche Probleme hilfreich sein können.

Ich habe hier einige Hilfestellen für euch heraus gesucht:

Letztendlich sollten wir alle ein wenig Verständnis für einander aufbringen und uns fragen, warum die Kritik nicht einfach so von uns abprallt. Unsere Unsicherheiten geben fremder Krikik eine Bedeutung.

Wie ist es denn bei euch? Kennt ihr diese Kritik aus der eigenen Familie auch? Mich würde interessieren, wie ihr damit umgeht.

Bis dann,

eure Sarah

  1. gesprochen wie das englische Wort why (/ˈwaɪ/)

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Kategorie Eltern, Elternschaft, Elternschaft, Familienleben, Kinder, Normen & Werte
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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