Das Wochenbett – eine weitere Perversion von Mutter Natur?

Acht Wochen sind so gut wie vorbei. Da bin ich mal eben durchs Wochenbett geflogen. Es war eine Zeit voller Erste-Male, Gefühlschaos und neuem Alltag. Und weil bei mir die Still-Demenz einsetzt und ich diese Zeit weder meinem Zukunfts-Ich, noch euch vorenthalten möchte, gibt es hier nun ein kleines Resumee:

Vorher noch ein kleiner Tipp an die männlichen Leser des Blogs: Jetzt kommt jede Menge Weiber-Kram! Entweder Augen zu und durch (was das Lesen natürlich etwas einschränken könnte) oder seht es als eine Art Weiterbildung im Leistungskurs Frau. Aber ich habe Erbarmen und lasse Bildmaterial zur Unterstreichung weg :wink:

Wöchnerinnenstation

Wochenbett im Krankenbett

Da war man gerade noch hochschwanger und hat soeben ein kleines Würmchen geboren, da wird man direkt in die nächste Schublade gepackt: die Wöchnerinnen-Schublade.

In der Schwangerschaft habe ich mir über das Wochenbett keine großen Gedanken gemacht. Ich dachte ich würde wie ein Zombie vor Schlafentzug nur im Schlafanzug umherirren, würde durch permanentes Kuscheln an der Mutter-Kind-Beziehung arbeiten und durch das Stillen eine Menge Pfunde verlieren. That’s it.

Dass zum Wochenbett noch soviel mehr gehören sollte, konnte ich nicht ahnen.

Der Wochenfluss z.B. war mir ein Begriff, dass ich allerdings in den ersten Tagen soviel Blut verlieren würde, als hätte ich alle 60 Minuten eine Blutkonserve nötig, um nicht aus den Schlappen zu kippen, war mir nicht bewusst. Hinzukommend der Gebrauch von super dicken Monatsbinden, die mich daran erinnern sollten, warum ich ganz schnell zu Beginn meiner Regelblutung auf Tampons zurück gegriffen hatte. Diese ständige Matsche im Schritt – ekelhaft! Da war das Nachspülen mit einem Messbecher voll Wasser nach jedem Toilettengang eine echte Wohltat.
Nach 4 Wochen floss es zum Glück fast gar nicht mehr. Dieser Punkt ist also relativ schnell überwunden.

Richtig fies war die Naht des Dammrisses in den ersten Tagen. An den ersten zwei Tagen lag ich sehr viel und konnte kaum sitzen. Es fühlte sich an wie ein blauer Fleck am Steißbein und ich musste von einer Backe auf die Nächste wechseln, um es einigermaßen erträglich zu machen. Später wurde ich zwar etwas mobiler, überschätzte mich allerdings bei einem Gang durchs Krankenhaus ziemlich und hatte danach zwei Tage wieder üblere Schmerzen. Es drückte ständig nach unten und war sehr unangenehm.
Nach 12 Tagen wurde es nochmal schlimmer, sodass ich Angst hatte, dass sich etwas entzündet hatte. Die Nachsorge-Hebamme wusste allerdings Rat und löste die Fäden ein wenig, sodass das Zwicken endlich ein Ende hatte und ich nicht mehr sitzen musste, als hätte ich Hämorriden.
Auch der Toilettengang war eine Qual. Zuerst traute ich mich gar nicht, weil ich Angst hatte, dass die Naht wieder aufgehen würde. Als ich mich trauen musste, tat es einfach nur unheimlich weh und das etwa drei Wochen lang.
Eigentlich fühlt man sich die ganze Zeit nur matschig, unsauber und malträtiert unten rum. Der Gedanke an Sex in der ersten Zeit kommt gar nicht erst auf.

Wochenbett Impressionen

Und was ist das überhaupt für ein Mist (um nicht Scheiß zu sagen) mit diesem Stillen? Beim ersten Anlegen im Kreisssaal war es total knuffig, als die Milchschnute so ein bisschen rumlutschte und ich dachte noch: was erzählen die denn eigentlich alle da? Von wegen, die erste Zeit tut es weh und man braucht Durchhaltevermögen. Das war doch total süß und ein total schöner Moment. Ich genoß die Intimität.
Und dann?
Dann setzten am zweiten Tag die Schmerzen ein. Und Schmerzen als Bezeichnung war noch untertrieben. Das Kind hatte scheinbar ein Messer im Mund versteckt, dass es mir beim Anlegen in die Brust rammte und es genüßlich langsam umdrehte. Auch der Milcheinschuss fühlte sich wie eine weitere Perversion an Masochismus an, ausgedacht von der lieben Mutter Natur. Es ist keine Untertreibung wenn ich sage: das Anlegen und das Weiterführen des Stillens in den ersten zehn Tagen war meine erste Selbstlosigkeit als Mutter. Jedes Mal wenn die Kleine vor Hunger weinte, wischte ich mir die Tränen aus den Augen, weil es so sehr schmerzte. Ich krallte mich ins Kissen, kniff die Augen zu und wartete darauf, dass der Schmerz weniger wurde. Irgendwann wurde es dann schleichend besser. Und die Stillhütchen wurden meine treuesten Begleiter. Die Cremes und Salben waren allerdings eher semi-hilfreich. Kühlpads waren ab und an mal ganz hilfreich.
Und jetzt? Jetzt gibt es selten mal ein auf-die-Lippen-beißen. Außer der kleine Milchpiranha nimmt den Kopf weg ohne loszulassen. Oder wenn ich in kurzer Zeit häufig anlegen muss, aber da kommen dann einfach die Brusthütchen wieder zum Einsatz. Jedenfalls kann ich unsere gemeinsamen Still-Momente nun wirklich genießen und es gibt keinen schöneren Moment, als wenn sie mich mit ihren großen Kuller-Augen saugend anblickt. Hach.

Zurück zum Krankenhaus. Den Aufenthalt auf der Wöchnerinnen-Station hatte ich mir zuerst so ausgesucht. Ich wollte mir den Gang zur U2 ersparen und erhoffte mir Erholung und gute Unterstützung in der Pflege und beim Stillen der kleinen Milchschnute.

Als ich nach 3 Tagen jedoch nicht entlassen werden konnte, weil die kleine Maus eine Gelbsucht entwickelt hatte, kam so langsam der Missmut auf und ich wollte heim. Das lag wohl auch daran, dass der frisch gebackene Papi sein Lager aus Kostengründen nach 3 Tagen Familienzimmer abbrechen musste und wieder Zuhause übernachtete. Ab diesem Moment wollte ich nur noch mein Baby schnappen und nach Hause. Aber das sollte nicht sein. Ein endloses Auf und Ab stellte sich ein, da sich der Hämoglobin-Wert der Kleinen stundenweise änderte und wir zwischen Entlassung und Phototherapie tänzelten. Die Milchschnute war in der Zeit so schläfrig, dass ich sie ständig zum Stillen wecken musste und auch während sie trank immer wieder aktivieren musste.
Als sich dann noch eine schlimme Augenentzündung bei meinem Baby zeigte, war ich fertig mit den Nerven. Ohne es wirklich zu merken setzte der Babyblues bei mir ein. Ich heulte wenn ich mein Kind ansah, das mich gelblich und müde durch ein gesundes und ein total verkrustet und verklebtes Auge ansah; ich heulte wenn sie heulte; ich heulte als ich ihr einsam auf meinem Krankenzimmer zur Beruhigung Lieder vorsang und ich heulte, wenn Herr Schatz oder meine Mutter abends wieder das Krankenhaus ohne uns verließen. Es war grausam. Ich fühlte mich einfach elendig, hilflos und ausgelaugt. Und Herr Schatz hatte Angst, dass sich diese Heultage zu einer Wochenbettdepression ausweiten könnten. Aber nach drei Tagen war wieder alles vorbei. Denn als ich nach fünf Tagen Krankenhaus (die sich wie drei Wochen anfühlten) nach Hause durfte, ging es mir direkt wieder besser.

Das Wochenbett im eigenen Bett

Natürlich wollten in den ersten Tagen alle Freunde und Verwandte das Baby begutachten. Und weil ich mich ja in der Schwangerschaft wegen der Bettruhe und auch im Krankenhaus so isoliert gefühlt habe, ließ ich alle kommen. Und obwohl ich vorher noch gelesen habe, dass man es langsam angehen lassen soll, musste ich es erst am eigenen Leib erfahren, wie es ist dammrissig Freunde und Verwandte zu bespaßen, den Lärm zu ertragen und dabei zu bemerken, dass ich doch lieber mit der Milchschnute im Bett kuscheln würde. Da wurden die Stillzeiten ein reiner Segen der Erholung.

Wochenbett Zuhause

Und als dann so ziemlich jeder die Milchschnute einmal gesehen, geschuckelt und gedrückt hatte und zudem das neue Semester für Herrn Schatz startete, hatte ich ein Wiedersehen mit einer altbekannten Freundin: die Isolation. Seit einigen Wochen bin ich den Großteil des Tages mit Kind und Hund allein. Ich versuche über liegengebliebene Hausarbeit hinweg zu sehen und uns so zu beschäftigen, wie es die Laune und die Bedürfnisse des Kindes es zu lassen. Mittlerweile war ich in Möbelhäusern, in der Stadt zum shoppen, einkaufen im Supermarkt und natürlich spazieren mit Hund und Baby. Aber alles allein. Ich spreche zwar mit Kind und Hund, damit ich zwischendurch nicht vergesse, wie meine eigene Stimme klingt, aber mir fehlt tagsüber doch mal ein Gesprächspartner der meine Monologe unterbricht. Und weil die Bekannten hier in Aachen tagsüber alle arbeiten sind, muss ich nach anderen Mamis Ausschau halten. Es wird also Zeit für den ersten Babykurs auch wenn die für mich immer so eine Vorstellung von einem aufgeregten Haufen Helicopter-Müttern vermitteln, die sich vor ihrem Kind zum Affen machen und nur ein Thema kennen: Mutter-sein.
Aber wenn ich nicht bald unter Leute komme, dann wird Herr Schatz eines Tages von der Uni kommen und mich zusammen gekauert, mit Spinnenweben benetzt und unverständlich murmelnd in einer Ecke unserer Wohnung vorfinden. Das will ich ihm nicht antun.

Also dann: ab zum Babykurs…(oder Rückbildung. Da soll doch glaub ich auch ein Auffangbecken für Mütter sein- logisch wär’s!)

P.S.: Wenn ihr euch fragt, warum ich euch hier mal wieder meine Privat- und Intimsphäre vor die Füße kotze?
Ich musste mich mit dem Mist auch befassen, ihr habt wenigstens die Wahl :wink: Und vielleicht kann ich der einen oder anderen Schwangeren unter euch direkt mal den Zahn ziehen, dass das Wochenbett nur fluffig und relaxed ist.

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Kategorie Nachsorge, Schwangerschaft
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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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