Was ist mit meinem Baby los? Über Entwicklungsschübe, KISS-Syndrom und Clusterfeeding

Da schreibe ich vor ein paar Tagen noch über mein Anfänger-Baby und von einen über den anderen Tag: Zack – Wer hat mein Baby geklaut und gegen diese nimmersatte Raupe ersetzt, die nur noch quengelig ist und sich keinen Moment ablegen lässt?

Seit ein paar Tagen erkenne ich die Milchschnute gar nicht mehr. War sie doch vorher so leicht zufrieden zu stellen, quengelt sie jetzt nur noch rum. Sie schläft nur noch an der Brust ein und dann auch allerhöchstens für 2 Stunden. Dann aber auch sehr unruhig. Ist sie wach, möchte sie entweder getragen werden oder direkt wieder an die Brust. Getragen? Bitte nur über die Schulter blickend, sodass man in der Weltgeschichte umherschauen kann. Es macht mir zwar Spaß ihr dabei zu zu schauen wie sie die Welt entdeckt, aber wenn wir sie dann doch mal in ihrer Position verändern, gibt es gleich Gemecker.

Tragetuch? War bis vor ein paar Tagen total hip. Jetzt bitte nur noch, wenn in der Wickel-Kreuztrage das Köpfchen von der Mama gestützt wird, sodass die Milchschnute die Mama anschauen kann oder in der Weltgeschichte umher schauen kann. Das Köpfchen auf der Brust, eingeschlagen ins Tuch? Nicht mit uns. Somit ist das Tragetuch zur Zeit auch nur bedingt eine Hilfe, denn wenn ich mit einer Hand das Köpfchen Stützen muss, hab ich auch nur eine Hand frei. Und habt ihr euch mal mit einer Hand ein Brot geschmiert? Naja, Brot und Küche sehen hinterher sehr kreativ aus…

Was ist denn hier los?

Der Mensch neigt ja dazu Probleme zu erfassen und lösen zu wollen. Und da meine Beobachtungsgabe mir zeigt, dass hier irgendetwas anders läuft als noch vor ein paar Tagen, möchte ich der Sache natürlich auf den Grund gehen. Schließlich möchte ich ja gern wissen, ob es meinem Baby gut geht, ob es was ernsthaftes ist oder ob ich irgendetwas falsch mache? Ich versuche also Erklärungen für das Verhalten zu finden und mache mich auf die Suche nach Antworten. Andere Mamis und das Internet sind hierbei echt hilfreich. Aber auf mein Bauchgefühl zu hören erscheint mir auch als wichtig.

Die nimmersatte Milchschnute

Vor ein paar Tagen hatten wir zwar noch keinen bestimmten Rhythmus, wenn es ums Stillen geht, allerdings hat sie tagsüber etwa alle 3 bis 4 Stunden trinken wollen und trank dabei ziemlich zügig und schlief danach wieder ein.
Jetzt hat sie nach ca. 30 bis 90 Minuten wieder Hunger und fordert die Milchbar lautstark ein, als hätte sie ewig nichts mehr getrunken. Dann trinkt sie 5-10 Minuten zügig und danach wird genuckelt und eingeschlafen.
Mein Bauchgefühl sagt: entweder wird sie neuerdings nicht richtig satt oder sie braucht im Moment einfach mehr Mamamilch als sonst.

Ich schlafe – bitte nicht bewegen!

“Sie schläft den Schlaf der Gerechten!”

antwortete ich meistens, wenn sich die Leute in meiner Umgebung wunderten, warum die Milchschnute sich durch keine Geräuschkulisse gestört fühlte. Selbst das Bellen vom Leela-Launebär ließ sie kalt.
Nun schläft sie ein und wehe ich bewege mich einen Zentimeter. Schon ist sie wieder wach und nörgelig. Ihr Schlaf ist unruhig geworden und ich nehme mal an, dadurch auch nicht sehr erholsam. Außerdem überstreckt sie sich häufiger als zuvor, sodass sie wie ein umgekehrtes C auf der Seite liegt.
Mein Bauchgefühl sagt mir hierbei: vielleicht verarbeitet sie im Schlaf etwas und ist deswegen so unruhig und vielleicht braucht sie meine Nähe gerade besonders und sie hat bei jeder meiner Bewegungen Angst, ich könnte sie verlassen.

Lass mich nicht los!

Was die Milchschnute noch bis vor kurzem zu einem Anfänger-Baby machte, war der Umstand, dass sie abgelegt werden konnte und kurze Zeit später einschlief und dort auch einige Stunden schlafen konnte. Im Newborn-Einsatz des Hochstuhls, im Kindersitz, auf dem Sofa oder im Nestchen des Stillkissens. Das war prima, so konnte ich kochen, putzen, am Laptop sitzen oder mit ihr Autofahren.

Seit ein paar Tagen möchte sie nur auf der Schulter umhergetragen werden. Alles andere scheint langweilig zu sein, denn auf der Schulter lässt es sich prima durch die Gegend schauen und die Welt entdecken. Insgesamt ist sie sehr viel mehr auf Nähe aus, als zuvor.
Mein Bauchgefühl sagt: Toll dass sie so neugierig ist und alles inspizieren möchte. Und: Wenn sie Nähe braucht, bekommt sie sie auch! Aber auch: Mist, ich kriege Zuhause nichts mehr geschafft!
Deswegen ab ins Tragetuch, damit ich beide Hände frei habe. Jedoch möchte die Milchschnute dabei partout nicht ihren Kopf auf meine Brust legen, sondern mich anschauen können. Ich fühle mich ja sehr geschmeichelt wenn sie mich so anhimmelt, aber das Köpfchen will ja gestützt werden. Ist der Milchschnute jedoch egal, sie braucht Bewegungsfreiheit!
Mein Bauchgefühl sagt: Sie ist noch zu jung um den Kopf selbst zu halten, auch wenn sie es schon allein schafft. Gibt es eine Trage-Methode, bei der der neugeborene Tragling mehr Kopffreiheit hat?

Selbstdiagnose oder doch nur Hoffnungsschimmer?

Wir frischgebackenen Mamis wollen alles richtig machen, obgleich wir noch so unsicher sind. Was mir den Druck in solchen Situationen nimmt, sind Erklärungen, plausible Erklärungen. Wenn ich weiß, warum mein baby sich so verhält, wie es sich verhält, dann kann ich entweder nach Lösungen suchen, die helfen, dass es besser wird, oder aber einfach nur nachvollziehen und aushalten, wenn es eben nicht anders geht.
Ich möchte einfach aus dieser unsicheren Hilflosigkeit heraus und das ist meist für mich Grund zum Anlass, um zu forschen, was wir tun können.

Bei all den Erklärungen,die mir die letzten Tage begegneten, handelt es sich um wertvolle Erfahrungen und Tipps von anderen Mamis und ausgiebiger Recherche im Internet und Büchern.

Der Osteopath und das KISS-Syndrom

Bei der U3 vor zwei Wochen berichteten wir der Kinderärztin von den anhaltenden Bauchschmerzen nach jeder Mahlzeit und fragten, was wir neben Windsalbe, Kümmelzäpfchen, Wärmeflasche, Fliegergriff und Bauchmassage denn noch probieren könnten, denn wir wussten so langsam aber sicher nicht mehr weiter. Hätte die Ärztin gesagt, dass die genannten Methoden die einzigen seien, und wir es einfach aussitzen müssen, wäre es auch OK gewesen.
Die Ärztin erklärte jedoch, dass ihre Patienten gute Erfahrungen mit Behandlungen von Osteopathen gemacht hatten und schrieb uns  eine Überweisung und nannte uns einen ansässigen Spezialisten hier in Aachen.

Als ich einen Termin in der Praxis machen wollte, erklärte mir die Sprechstundenhilfe, dass Säuglinge glücklicherweise bevorzugt behandelt werden würden, da ansonsten eine Wartezeit von bis zu 6 Wochen bestünde. Ein paar Tage später hatten wir dann unseren Termin.

kiss-syndrom

Bei der Anamnese fragte er einiges ab, schaute sich das Kind an und erklärte, dass er eine Stauchung des Bewegungs-apparates bemerken würde. Er fragte, ob die Geburt sehr schnell oder kompliziert verlaufen wäre. Ich erzählte ihm von meiner 4 stündigen Marathon-Geburt und er erklärte, dass das KISS-Syndrom in solchen Fällen ziemlich häufig vorkäme. Durch die sehr kurzen Wehenpausen hätte der Körper von meiner Milchschnute nicht genügend Zeit gehabt, wieder zu entspannen, bevor die nächste Wehe ihren Körper wieder gegen die Geburtsöffnung gedrückt hätte. Dadurch sei es zu Stauchungen in der Wirbelsäule gekommen, was zu Schiefstellungen, Überstreckungen und Schwierigkeiten im Verdauungstrakt führen kann. Somit hat das Kind, in den Augen der Osteopathie Bauchschmerzen, weil der Bauchraum für den Verdauungstrakt durch die Stauchung zu wenig Platz hat. Die Milchschnute überstreckt sich, um ihren Bauch zu dehnen und ihrem Magen und Darm mehr Platz zu verschaffen. Die Schieflage des Köpfchens zeigt an, dass eine große Stauchung im Nackenwirbel-Bereich besteht.
Für mich klang das alles sehr plausibel und ich war erleichtert, als er sagte, dass sich diese Stauchung durch ein paar gezielte Handgriffe lösen ließe, allerdings würden die Symptome erst einige Wochen brauchen, bis sie verschwinden, da sich die Stauchung nur nach und nach löst.

Wir fühlten uns gut aufgehoben und beruhigt. Drei Wochen später sollten wir noch einmal zur Kontrolle kommen.

Es ist jetzt eine Woche her und ich habe mir über das KISS-Syndrom einiges angelesen und ich bin froh, dass wir den Gang zum Osteopathen, dank unserer Kinderärztin, so schnell gefunden haben. Allerdings können wir leider noch keine eindeutigen Besserungen beobachten aber wir werden die zwei Wochen noch abwarten und weiter sehen. Es gibt auch einige Kritiken, die ich bezüglich des KISS-Syndroms gelesen habe. So meinen die Schulmediziner und Krankenkassen eben, dass es dieses Syndrom eine Modediagnose wäre und es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gäbe. Hier gibt es dazu einen netten Artikel, in dem Pro und Kontra erklärt werden.
Ich bin jedenfalls froh, dass unsere Krankenkasse 80% dieser Behandlung übernimmt und wir uns somit unser eigenes Bild machen können. Auch wenn bei mir nicht alles Alternativ sein muss (obwohl ich Sozialpädagogin bin *Klischeemodus ein*), bin ich doch froh, wenn man die Möglichkeit hat, alle Seiten der Medaille zu beschauen und sich einen eigenen Eindruck machen zu können. Hier kann man sagen: Viel hilft viel!

Ich werde euch auf jeden Fall weiter auf dem Laufenden halten, ob die Behandlung etwas gebracht hat.

Entwicklungssprünge bei Mutter und Kind

Das KISS-Syndom kann also eine Erklärung für die Bauchschmerzen und das Unwohl fühlen sein, allerdings soll die Fehlstellung der Wirbel ja bereits seit der Geburt bestehen und erklärt somit jedoch nicht, warum die Milchschnute sich plötzlich so anders verhält.
Egal mit welcher Mama ich bis jetzt darüber gesprochen habe, sie kamen beinahe alle samt irgendwann auf das Thema: Entwicklungsschübe.

Als Pädagogin weiß ich natürlich, dass Kinder fortlaufend eine Entwicklung durchlaufen, bis sie ein großer Mensch werden. Ich muss jedoch gestehen, dass diese Kenntnisse jedoch erst mit dem Kindergartenalter beginnen. Über Babys und ihre Entwicklung weiß ich bis jetzt leider noch nicht so viel. Jetzt mal die orale, anale und phallische Freud-Phase ausgeschlossen.

Die Theorie der Entwicklungsschübe wurde von Dr. Frans X. Plooij und seiner Frau Dr. Hetty van de Rijt aufgestellt und ist unter vielen Eltern durch “Oje, ich wachse!” bekannt geworden.
Hier gibt es außerdem noch eine interessante Homepage zu dem Thema.

Laut dieser Theorie machen Babys in der 4.-5.Lebenswoche (Treffer!) einen Entwicklungssprung durch, bei dem ihre Wahrnehmung, besonders das Sehvermögen verbessert wird. Das erklärt jedenfalls, warum die Milchschnute so interessiert umher schaut und am liebsten über der Schulter durch die Wohnung getragen werden möchte und auch im Tragetuch mehr daran interessiert ist zu sehen.

Dieser Entwicklungsschub soll für die Babys besonders schwierig sein, weil sie sich soeben an die Welt außerhalb des Bauches gewöhnt haben, und sich plötzlich wieder alles verändert. Dadurch sollen sie mehr Sicherheit brauchen, die sie sich durch viel Körperkontakt und häufiges trinken einfordert. Das kann ich eins zu eins übernehmen und unterschreiben.

Für mich passt diese Theorie so gut, dass ich mir nun das Buch bestellt habe. Diese Entwicklungssprünge sind für mich sehr plausibel und ich kann dadurch besser verstehen, dass die Milchschnute im Moment etwas anstrengender ist, weil sie eine schwierige Zeit durch macht. Und auch wenn meine Brust durch das häufige Anlegen mittlerweile etwas in Mitleidenschaft gezogen wurde, werde ich meinem Baby gern das geben, was es braucht: mich! Und ich werde sie nach herzenslust verwöhnen.

Clusterfeeding

Das bringt mich direkt zu dem nächsten unbekannten Thema von dem ich zuvor noch nie etwas gehört habe: Clusterfeeding. Ich gebe zu, ich habe das Stillbuch von Hannah Lohtrop hier im Regal als Leihgabe stehen, aber bis jetzt noch nicht hinein geschaut. Ich dachte mir: Was soll da schon großartig drin stehen? Entweder das Baby und ich werden ein Team und das Stillen funktioniert gut, oder aber eben nicht.

Nun ja, da wusste ich auch noch nicht, dass dieses Buch scheinbar eine Mami-Bibel ist und es offenbar zum guten Ton gehört, dieses Buch gelesen zu haben :wink:

Jedenfalls berichteten mir einige Mamis aus meiner Umgebung von dem sogenannten Clusterfeeding. Bei diesem Dauerstillen will das Baby bereits kurz nach der letzten Mahlzeit bereits wieder angelegt werden. Nach einigen Schlücken schläft das Baby jedoch wieder ein, und möchte direkt nach einem kurzen Schlaf wieder gefüttert werden. Für uns Mütter ist dieses Verhalten natürlich sehr anstrengend und zum Teil auch schmerzhaft. Warum das Baby dieses Trinkverhalten zeigt ist nicht eindeutig geklärt. Hier gibt es einen interessanten Text, in dem einige plausible Gründe beschrieben werden. Beispielsweise, dass das Saugen an der Brust so anstrengend für das Baby ist, dass es bereits wieder einschläft, bevor es wirklich satt ist.

Das Clusterfeeding ist für mich eine Methode, die scheinbar zu den Bedürfnissen der Milchschnute gehört. Für mich ist es wichtig, dass sie bekommt, was sie wirklich benötigt. Mir fällt es einfach leichter über meine Grenzen der Belastbarkeit gehe, wenn ich mich ein wenig schlau mache und ich logische Erklärungen habe, warum es gerade so ist wie es ist.

Ich merke jedenfalls dass nicht nur die Milchschnute noch einiges lernen und erfahren muss, sondern auch ich mich natürlich noch an allen Ecken und Kanten weiterentwickeln muss. Aber mit Papas Unterstützung werden wir das Kind schon schaukeln :wink:

 

 

 

Bildquellen ohne Wasserzeichen: pixabay.com

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Kategorie Entwicklung, Kinder
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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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