Unverblümt – ein Geburtsbericht

Liebe Milchschnute,
solltest du diesen Artikel jemals lesen, möchte ich dir gern sagen:
SPARE IMMER FLEIßIG FÜR MEIN MUTTERTAGS-GESCHENK!

Noch so ein Mutterschaftskodex?

Als ich jünger war, hab ich meine Mutter oft gefragt, wie das mit der Geburt so ist.
Wie sehr tut es weh in den Wehen zu liegen?
Wie sehr schmerzt es, wenn das Köpfchen DA durchtritt?
Und nie bekam ich eine zufrieden stellende Antwort, sondern hörte Vergleiche wie:
“Das ist wie Regelschmerzen nur 10-Fach schlimmer!”
oder so Aussagen wie:
“Das haben schon Millionen vor dir geschafft, das schaffst du auch, wenn es soweit ist!”
Also so wirklich konnte ich es mir nicht vorstellen.
Ich hätte gern etwas gehört wie:
“Es schmerzt genauso sehr wie ein Beinbruch!”
Dann hätte ich mir mal einen Beinbruch zugelegt, geguckt ob ich es aushalte und dann hätte ich mich entschieden, ob ich eine Geburt will oder nicht.

Dass es aber scheinbar eine Verschwörung der Mütter gegenüber den kinderlosen und ahnungslosen Frauen gibt, habe ich vor knapp 3 Jahren herausgefunden.

Die erste meiner Freundinnen hatte gerade ein Kind bekommen.
Als ich sie besuchte, stellte ich ihr ängstlich die obligatorische Frage:
“Tat es sehr weh?”
Meine liebe Freundin und ehemalige WG-Mitbewohnerin lächelte Verhalten, ohne mich anzuschauen und schwieg.
Ich drängte nach der Antwort und bekam zu hören:
“Sarah, wenn ich dir jetzt sagen würde wie weh es tat, dann würdest du keine Kinder bekommen wollen!”
Zack! Ich stellte mir vor, wie man direkt nach der Geburt einen amtlichen Zettel unterschreiben musste, in dem man sich dazu verpflichtete, mit Kinderlosen nie über das, was soeben im Kreißsaal geschehen ist offen reden zu dürfen.
Zum Erhalt der Menschheit natürlich und dass uns die Steuerzahler niemals ausgehen werden.

Jede Geburt bedeutet Schmerz und Blut für das neue Leben. Die Kraft der Liebe vereint die Gegensätze und läßt Neues entstehen – Unbekannt

 

Was hat sich das Leben denn dabei gedacht, daß die größte Freude im größten Schmerz wird gebracht – Silke Kühn

Diese Zitate sind die einzigen die ich gefunden habe, die die Geburt ansatzweise realistisch sehen und nicht nur als ein Wunder Gottes bezeichnen. Es soll ja sogar Frauen geben, die die Geburt als Orgasmus-ähnlich und so berauschend wie einen Drogen-Trip empfunden haben sollen. WTF?!

Jedenfalls hat es mich verunsichert, dass der Großteil der Mamas in einem flüsternden Ton über die Schmerzen reden, aber im Nebensatz lauthals betonen, dass das Baby in deinen Armen alle Schmerzen vergessen lässt und jede Wehe es wert sei.

Deswegen möchte ich den Kodex über Bord werfen und in meinem Geburtsbericht mal Tacheles reden. Ich hoffe nur, ich werde nicht bereits nach so kurzer Zeit des Mami-Seins schon wieder aus der Gilde geworfen…

“Hör auf zu wischen und komm!”

Am Abend des 4. Septembers wurde ich wieder einmal, wie in den letzten Monaten so häufig, von Wehentätigkeiten heimgesucht. Sie waren schon stark, aber schienen mir unregelmäßig und beeindruckten mich nicht sonderlich. Ich schaute also weiter mit Herrn Schatz fern und der Vorsorgetermin vom Mittag, bei dem die Frauenärztin sagte, dass der Gebärmutterhals bereits sehr verkürzt wäre und der Muttermund schon leicht geöffnet, kam mir abends irgendwie nicht mehr in den Sinn. Schließlich schickte die Ärztin mich mit den Worten heim: “Es kann jederzeit losgehen. Es kann aber auch noch mehrere Wochen dauern!” und ich versteifte mich verdrängungsmäßig auf Letzteres.

Wir gingen also gegen 23 Uhr schlafen und um kurz vor zwei, mitten in der Nacht, war ich plötzlich hellwach. In dem Bruchteil einer Sekunde zwischen Schlaf und Wachsein merkte ich nämlich wie mein Bauch an Spannung verlor, so als hätte jemand einen Luftballon oder vielmehr eine Wasserbombe in mir zum Platzen gebracht. Ich lag also einige Sekunden mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit im Bett und horchte in mich hinein. Dann war ich mir sicher: “Schatz, wach auf! Mir ist die Fruchtblase geplatzt. Es geht los!” Herr Schatz war noch leicht schlaftrunken und redete sich gerade ein, dass es ein falscher Alarm sei, weil er so gern weiter geschlafen hätte.
Ich stand auf, guckte auf den Teil meines Bettes und stellte fest, dass noch alles trocken war. Wirklich ein falscher Alarm? Ich hatte den Gedanken noch nicht ausgedacht, da liefen mir Sturzbäche voll Wasser die Beine hinunter und spätestens jetzt war Herr Schatz dann auch wach.
Während ich versuchte das Wasser zur Toilette zu manövrieren, hörte ich, wie der Milchschnuten-Papi ziemlich aufgescheucht nach einem Wischer suchte. Und als ich mich anzog, wischte der Fast-Papi den Boden und ich raunzte: “Hör auf zu wischen und komm! Nimm die Tasche und den Hund, wir müssen los!” Natürlich konnten wir den Hund mitten in der Nacht nirgendwo unterbringen, also musste er mit und im Auto bleiben – das arme Tier.
Ich rief im Kreißsaal an und musste auf die Frage, in welchen Abständen die Wehen kämen, antworten dass ich noch keine hätte. Komisch, das fiel mir da erstmal auf. Daher empfahl die Hebamme uns, dass wir uns langsam auf den Weg machen könnten, bloß keine Hast.
Als wir zur Tür hinaus wollten, merkte ich, dass Herr Schatz den Hund und die Tasche in der einen Hand und den Kindersitz in der anderen Hand hielt. “Schatz, den brauchen wir jetzt noch nicht!” Warum war ich eigentlich so ruhig und strukturiert? Ein paar Wochen zuvor hatte ich noch halbe Panikanfälle, wenn ich im Kopf genau diese Situation durchspielte.
Während wir zum Auto gingen, rief ich unsere Eltern an, die natürlich völlig schlaftrunken waren und nur ein “Okay” ins Telefon nuschelten und für sie der Startschuss war, los zu fahren. Dass sowohl meine Mutter als auch die Schwiegermutter noch einmal kurz eingeschlafen sind, werde ich der Milchschnute mit Genuss aufs Butterbrot schmieren, sobald sie alt genug ist und es versteht, vorwurfsvoll zu gucken :wink:

Auf der Fahrt ins Krankenhaus setzten dann die ersten Wehen ein, die schon unangenehmer waren, als die Übungswehen in den Monaten zuvor. Herr Schatz schaffte es mich hervorragend abzulenken und mich sogar zum Lachen zu bringen.

“Lassen sie mich raten: Sie wollen zum Kreißsaal?!”

Am Krankenhaus angekommen gab es dann noch eine kurze Diskussion über den Parkplatz. Ich fand es unsinnig auf dem Storchenparkplatz zu parken, wenn er nach kurzer Zeit wieder frei gemacht werden musste. Ich wollte nicht, dass Herr Schatz mich da oben im Kreißsaal alleine lassen musste. Also watschelte ich schon mal langsam zur Pforte, während der Papi-to-be den Wagen parkte.

Die Frau an der Pforte war ebenfalls darauf bedacht mich zum Lachen zu bringen, begrüßte sie mich doch mit den Worten: “Lassen sie mich raten, auch wenn es schwer fällt… Sie wollen zum Kreißsaal?!” Wir unterhielten uns noch kurz über das Baby in mir, das nun raus wollte und sie entgegnete, dass sie auch eine Charlotte zuhause hätte. Die sei nun allerdings schon 19 und im Moment gar nicht mehr so süß, sondern gerade ein bisschen blöd. Pubertät halt.

Schlafen?!

Am Kreißsaal angekommen, wurden wir, nach einer netten Begrüßung, direkt ins CTG-Zimmer gelotst. Bei der Vorsorge war das CTG immer eine Art gezwungene Auszeit in der ich mich entspannen konnte. Davon war jetzt nichts mehr übrig. Die Wehen waren mittlerweile so stark, dass ich kaum still liegen bleiben konnte. Ich wollte einfach nicht mehr liegen, doch ich musste – 40 Minuten lang. Der Wehenschreiber zeigte einen Ausschlag von 50 an. Zum Vergleich, als ich ein paar Wochen zuvor im Krankenhaus war und mit Übungswehen am CTG lag, die wie ziemlich dolle Menstruationsbeschwerden schmerzten, war der Schreiber nie über 20. Ich war so angespannt, dass mir übel wurde und ich zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Herr Schatz saß neben mir und streichelte mir den Kopf.

Kurz vor Ende des CTGs merkte ich plötzlich, dass ich dann mal zur Toilette müsste und äußerte das. Herr Schatz, der während des Geburtsvorbereitungskurses gut aufgepasst hatte, wies darauf hin, dass dies vielleicht schon der Druck des Kindes nach unten sein könnte, sogenannte Senkwehen. Mir war das egal, ich wollte nur noch von dieser blöden Maschine abgestöpselt werden und zum Klo. Die Hebamme kam und fragte, ob die Schmerzen schon so schlimm seien, schaute auf das CTG und tastete meinen Bauch ab. Endlich durfte ich zum Klo, es kam nichts, und ich zog mir das Hemdchen an, welches ich für den Geburtsvorgang eingepackt hatte.
Die Hebamme kam wieder und sagte, ich könne es mir aussuchen, ob ich bereits in den Kreißsaal wolle, oder auf die Wöchnerinnenstation, um noch etwas zu schlafen. Hahahaha. Schlafen? Ich versicherte ihr, dass das Baby bald käme und sie versicherte mir, dass es noch einige Stunden dauern könnte, besonders weil es die erste Geburt sei. Ich drängte darauf, dass sie mal nachguckte wie weit der Muttermund geöffnet sei. Es war ca. 03:20 Uhr und er lag bei 3 cm. Somit ging es direkt in den Kreißsaal.

Die Schmerzen und die drei Buchstaben

Dort wurden wir, nachdem mir ein Zugang gelegt wurde, erstmal allein gelassen. Wir sollten uns hinlegen und noch ein wenig ausruhen. Zu dem Zeitpunkt waren meine Schmerzen bereits so stark, dass an Ruhe garnicht zu denken war. Herr Schatz machte Musik an, ber ich konnte mich nicht darauf konzentrieren. Sie plänkerte im Hintergrund und ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. So sehr, dass ich den Großteil der Zeit mit geschlossenen Augen versuchte alles um mich herum auszublenden.
In den Wehenpausen, ca. 2 Minuten lang, die mir jedenfalls nur wie einige Sekunden vorkamen, schaffte ich es in den Tiefschlaf zu fallen, was Herr Schatz sehr beeindruckend fand.
Während der Wehen versuchte ich die Atemübungen zu machen, was aber wirklich schwer fiel, da die Schmerzen mich so hilflos machten, dass ich verzweifelt nach einer Position suchte, die weniger schmerzvoll war – vergebens. Ich sprang auf, dachte ich müsste stehen, legte meine Arme um den Hals von Herrn Schatz und merkte, dass es im Stehen noch schlimmer war, also legte ich mich wieder aufs Bett. Dort wälzte ich mich ruckartig nach Links und nach Rechts.
An den Pezziball, den Gebärhocker oder die Badewanne vergeudete ich gar keinen Gedanken mehr, vielmehr wurde ich richtig sauer, weil man uns, besonders mich, in dieser Situation allein ließ. Herr Schatz war zwar seit dem Geburtsvorbereitungskurs selbst eine halbausgebildete Hebamme, aber irgendwie konnte ich ihn nicht ernst nehmen, da er mich immer wieder liebevoll ermahnte die Schmerzen WEGZUATMEN! Als ich es nicht mehr aushielt, rief ich nach einer Hebamme, der ich, als sie rein kam, am liebsten eine geklebt hätte, dafür dass man uns so allein ließ. Aber ich hatte mich im Griff und jammerte nach einem Schmerzmittel. Wir einigten uns vorerst auf ein krampflösendes Zäpfchen, was natürlich gar nichts brachte.
In mir tobte ein verbitterter Kampf – PDA oder keine PDA? Ich hatte Angst vor der Nadel, aber die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Warum sollte ich mich quälen? Aber wenn ich mich erst einmal dafür entschied und dann die Nadel kam, konnte ich auch keinen Rückzieher machen. Die nächste Wehe trieb mir dann drei Buchstaben auf die Zunge und auf dem Höhepunkt der Wehe presste ich sie durch meine Lippen: “PDA! Ich will ‘ne PDA!”

Es geht los

Die Hebamme kam herein und brachte direkt noch zwei weitere Kolleginnen mit. Ich merkte, es wurde ernst. Scheinbar hatte ich ein Zauberwort benutzt, welches mir nun die gewünschte Aufmerksamkeit lieferte. Die Hebamme erklärte mir, dass sie vor der PDA erst nocheinmal den Muttermund abtasten müssten. Leidend schaute ich sie an und wimmerte: “Aber ich will nicht, dass mir da jetzt jemand unten dran herum fummelt!” Rückblickend, bei einer Geburt natürlich ein utopischer Wunsch.
Die Hebamme tastete vorsichtig und schaute erstaunt zu ihren Kolleginen und sagte: “Er ist offen, es geht los!” Innerlich triumphierte  ich, da man mich nun endlich ernst nehmen musste. Auf die PDA musste ich nun verzichten.
Die ältere Hebamme bat mich nun aufzustehen und zum Kreißbett hinüber zu gehen und dort vorne übergebeugt ein wenig stehen zu bleiben, damit das Baby nach unten rutschen könne. Aufstehen? Ich dachte sie wollte mich ver**schen. Ich jammerte: “Ich will doch nur in Ruhe schlafen. Ich bin so müde!” und zitterte weiter vor lauter Anstrengung. Mit der Hilfe von Herrn Schatz stand ich dann auf und ging um das Bett herum. Ich beugte mich auf das Stillkissen, das vor mir auf dem Kreißbett lag und atmete. Die Konzentration auf das dämliche Atmen zu halten, war die schwierigsten Aufgabe. Die und den Anderen nicht an die Gurgel zu springen, die mir immer wieder sagten, ich solle Atmen. In meinem Kopf stellte ich mir vor, wie ich einfach die Luft anhielt, bis ich blau wurde, nur aus Trotz. “Wer hat sich den Scheiß eigentlich ausgedacht?!” fluchte ich und die Hebammen lachten. Plötzlich merkte ich den Druck nach unten und ich bettelte wieder darum, zum Klo zu dürfen, was mir nun natürlich verwehrt wurde, da es sich um Senkwehen handelte.

Wie lange noch?

Ich sollte mich aufs Bett legen und die Hebamme schaute noch einmal nach, ob man das Köpfchen schon fühlte. Sie grinste mich an und sagte: “Der Kopf liegt toll, jetzt dauert es nicht mehr lang!” Ich war erleichtert und fragte in einem Ton, den ich von Kindern während einer langen Autofahrt her kannte: “Wie lange noch?” Haha, heute kann ich darüber lachen. Ich hätte in dem Moment gern gehört: “Frau Lojewski, 5 Minuten noch, dann ist es geschafft!” aber die Hebamme sagte, sie könne keine genaue Zeitangabe machen. Vielmehr verlangte sie nun von mir, dass ich mich in den Vierfüßlerstand begeben sollte. Turnübungen?! Mein Blick muss mörderisch ausgesehen haben, zumindest erzählte Herr Schatz es hinterher.

Kopf gegen Körper

Missmutig und grummelig versuchte ich mich in einer Wehenpause umzuhieven und während ich da so kniete, setzte der Pressdrang ein. Die Hebamme untersagte mir das Pressen und meinte, das Baby sei noch nicht so weit und ich solle bei der nächsten Wehe denn Druck wie eine Lokomotive durch die Lippen pressen. Ich sollte mich wieder hinlegen, auf die Seite und mein Bein in die Hand nehmen. Ich dachte ich falle aus allen Wolken. Ich zitterte schon stundenlang und hatte kaum Kraft und jetzt sollte ich auch noch mein eigenes Bein halten? Wo zum Teufel waren die Beinstützen, die am Bett befestigt sind, um die Beine ablegen zu können?! Ich hatte zu diesem Zeitpunkt vergessen, dass man dies in der Seitenlage machen musste, um den Rücken zu krümmen und das Becken in die richtige Position zu bringen. Da hätte man mich ja nochmal dran erinnern können, als ich jammerte, dass ich keine Kraft hätte, um mein Bein zu heben. Plötzlich hörte ich wie eine der Hebammen Herrn Schatz darauf aufmerksam machte, dass er Blutverschmiert sei – ich hatte mir im Vierfüßlerstand wohl den Zugang aus meiner Hand gezogen und ein filmreifes Blutmassaker veranstaltet. Pah, auch das war mir egal. Ich war vielmehr wieder damit beschäftigt gegen den Pressdrang anzukämpfen, aber beim letzten Ausatmen hielt ich wieder die Luft an und presste. Dieser Drang ist einfach so stark, so etwas hab ich noch nie erlebt. Der Kopf sagt, hör auf, aber der Körper macht was er will. Bis die Hebamme auf die Herztöne des Kindes verwies und mir eindringlich sagte, dass ich nicht weiter pressen dürfe, weil es für das Kind gefährlich werden könnte. Zack, da war ich wieder voll da und die Angst, dass ich meinem Baby schaden könnte, ließ mich wieder einigermaßen in der Realität ankommen.

“Es passt da nicht durch!”

Nach kurzer Zeit erklärte mir die Hebamme dann, dass ich bei der nächsten Wehe pressen dürfe. Ich war erleichtert und als es los ging, presste ich was das Zeug hielt. Ich entwickelte so ungeheure Kräfte, weil ich endlich fertig werden wollte. Leider ließ das nächste Tief nicht lange auf sich warten, denn ich merkte nach jeder Presswehe, wie das Köpfchen wieder ein Stück zurück rutschte. Ich jammerte: “Es passt da nicht durch!”“Doch, es passt dadurch. Es ist ganz normal, dass das Köpfchen wieder ein Stück zurück rutscht.” Für mich war das nicht normal, für mich war es deprimierend. Ich wollte doch nur fertig werden und endlich schlafen. Auch hier hatte ich wieder vergessen, dass wir über diesen Fakt bereits im GVK1 gesprochen hatten. Beim nächsten Pressen rief die Hebamme: “Ich sehe das Köpfchen. Und die Kleine hat ganz viele Haare!” Das freut mich so sehr, dass ich noch einmal alle Kräfte mobilisieren konnte. Bei der nächsten Wehe sollte ich nicht stark, sondern langsam, mit wenig Druck, ganz kontrolliert pressen. Ich spürte wie untenrum alles soweit dehnte, dass die Schmerzen in der Gebärmutter zweitrangig wurden. Dann merkte ich, wie aus dem Dehnen ein Reißen wurde und das Köpfchen war draußen. Ich merkte, dass Herr Schatz, der neben mir saß, aus der Position alles sehen konnte. Er freute sich und ich setzte ein letztes Mal an. Sie war da und sie lag auf meiner Brust. Der Papa und ich weinten. Ich war so froh, dass ich es geschafft hatte und die Milchschnute blickte mich mit großen, interessierten Augen an. Herr Schatz und ich küssten uns und begrüßten mit einem Kloß im Hals unsere Tochter.

Voll mit Adrenalin

Dann durfte Herr Schatz die Nabelschnur durchschneiden. Die Hebamme erklärte, dass die nächste Geburtsphase, nämlich die der Plazenta bevor stand. Ich hatte damals immer gedacht, dass diese Phase noch einmal genauso schmerzhaft sein müsste, wie die eigentlich Geburt. Es ging allerdings super schnell und es tat überhaupt nicht weh.
Während ich genäht wurde, lief die erste Untersuchung der Milchschnute, die der Papa begleitete. Auch das Nähen stellte ich mir zuvor sehr schmerzhaft vor, aber ich spürte die vier Nadelstiche der Betäubung kaum.
Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Ich war voll mit Adrenalin. Eine Hebamme erklärte, dass unsere Eltern nun vor Ort wären, ich bat sie jedoch noch etwas zu warten, bis ich fertig genäht war.

Blitzgeburt

Dann wurde die Milchschnute das erste Mal angelegt, während Herr Schatz zum Auto ging und sich um den Wauwau kümmerte. Die Hebamme erklärte mir, dass niemand gedacht hätte, dass ich nur 4 Stunden brauchen sollte, da dies für eine Erstgebärende wohl selten wäre. Deshalb hatten sie mich vorerst noch auf die Wöchnerinnenstation schicken wollen und auch im Kreißsaal noch in Ruhe gelassen. Sie dachten ich hätte noch ein paar Stunden zum Ausruhen. Sie nannten die Milchschnute “die flotte Lotte” und ich konnte endlich darüber schmunzeln.

Fazit

Eine Geburt tut scheiße weh! Es ist mit nichts zu vergleichen und ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich am liebsten aus meinem Körper geschlüpft wäre. Ich fühlte mich ausgeliefert und kann mir gut vorstellen, dass es Frauen gibt, die durch so eine Geburt auch traumatisiert werden können.
Irgendwie bin ich über mich hinaus gewachsen und das macht mich nachhaltig stolz. Ich habe etwas geschafft, von dem ich, währenddessen nicht geglaubt hätte, dass ich es schaffe.
Eine Geburt ist anstrengend, besonders körperlich. Ich war zwar anwesend, aber mein Körper und mein Kopf schafften es irgendwie vor meinen Augen einen Film ablaufen zu lassen. Ich war da, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht eine Schutzfunktion.

Ich kann mir kaum vorstellen, wie es für Frauen sein muss, die über so viele Stunden in den Wehen liegen. Allerdings habe ich erfahren, dass diese Frauen auch die Möglichkeit haben, die Schmerzen Schritt für Schritt zu erfahren und die Intensität hierbei wird langsam doller. Als es bei mir losging folgten die Wehen sehr schnell aufeinander und ich hatte kaum Zeit mich an den Schmerz “zu gewöhnen”. Durch die vielen Übungswehen zuvor, war meine Gebärmutter bereits so trainiert, dass alles sehr schnell ging. Happy me. Mir kam die Geburt jedoch nicht wie 4 Stunden vor. Vielmehr sagte mir mein Zeitgefühl gar nichts, ich konnte die Zeit absolut nicht einschätzen.

Würde ich es nochmal tun? Sicher. Ich weiß jetzt, dass die Qualen schlimm sind, aber zu bewältigen. Es ist ein paar Stunden richtig Scheiße, aber danach ist es einfach wunderbar und du hast ein neues Leben geschaffen, dass dein Eigenes bereichern wird.

Und plötzlich flüstere ich über die Schmerzen und betone im Nebensatz, dass es sich alles lohnt.

  1. Geburtsvorbereitungskurs

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Kategorie Geburt, Schwangerschaft
Autor

Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.