Der Familienhund – Wie bereite ich den Hund auf das Baby vor?

Welpe als Familienhund

Im November 2013 zog bei uns ein kleines Labradormädchen ein: Leela. Da war an Familienplanung noch gar nicht zu denken.

Im Februar 2014 erfuhren wir dann von meiner Schwangerschaft – der Zeitpunkt hätte nicht perfekter sein können, befand sich der Leela-Launebär doch gerade mitten in der Flegelphase. Was zur Folge hatte, dass sie ständig Grenzen austesten musste und zuvor Erlerntes demenzartig vergaß.

Häufig ernteten wir mitleidige Blicke, die von meinem Babybauch zu dem leinenunführigen Hund wechselten, gepaart mit der ständigen Frage danach, ob die jetzige Situation so von uns geplant gewesn wäre. Natürlich hatte ich geplant mit Morgenübelkeit den Hund auszuführen, bzw. mich von ihr durch die Gegend zerren zu lassen!!!

Wir besuchten von Anfang an die Hundeschule, aber eine Besserung zeigte sich nicht. Wir waren verzweifelt und standen unter Druck: wenn das Baby da ist, kann das so nicht weiter gehen. Wir setzten uns eine Deadline und Ziele und zogen die mögliche Konsequenz in Betracht, dass wir für Leela ein neues Zuhause finden mussten.

Letztendlich haben nur zwei Dinge geholfen: Konsequenz und Geduld. Mittlerweile ist Leela total ausgeglichen, hört zu 90% auf das was gesagt wird und macht uns sehr viel Freude. Alles was sie benötigt hatte, war etwas Zeit.

 

Nichtsdestotrotz wird unser Zusammenleben bald auf den Kopf gestellt, sodass ich mich bereits vor einigen Monaten darauf vorbereitet habe, wie wir aus dem Leela-Launebär einen Familienhund machen können, sodass sie fit fürs Baby ist und wir wissen, worauf wir achten müssen.

Familienhund Schema

Die Situation richtig einschätzen

Ob der Hund dazu geeignet ist, ein Familienhund zu werden, hängt weniger von der Rasse, als von seinem Charakter ab. Natürlich haben einige Rassen bereits den Ruf, dass sie sich eher eignen (z.B. Retriever oder Hütehunde) als andere Hunderassen (wie z.B. Terrier oder Wachhunde), allerdings sind die rassetypischen Verhaltensweisen weniger ausschlaggebend, als die tatsächliche Erziehung des Hundes und sein individuelles Wesen.

Ist der Nachwuchs also unterwegs, sollte man sich zu aller erst so objektiv wie möglich fragen, ob das Wesen des Hundes und vor allen Dingen die eigene Hundeführerkompetenz wirklich dazu geschaffen sind den Hund und die Familie harmonisch Zusammenleben zu lassen.

Ich selbst bin wirklich nicht dafür, den Hund abzugeben, wenn er problematisches Verhalten zeigt und würde immer erst sehr viel Arbeit in die Erziehung stecken, bevor ich meinen Vierbeiner in andere Hände gibt. Allerdings habe ich als Mutter zu aller erst meinem Kind gegenüber eine Verantwortung. Sollte ich selbst den Eindruck haben, dass ein Zusammenleben mit Kind und Hund nicht nur schwierig, sondern vielleicht sogar gefährlich werden könnte, so tue ich weder mir selbst noch dem Hund einen Gefallen, so ein Zusammenleben unter Druck zu erzwingen.

Welpenerziehung

Gesundheit und Hygiene

Wer sich ein Haustier hält, der weiß, dass diese auch jede Menge Arbeit machen. Spaziergänge im Regen verursachen mehr Schmutzwäsche und die Teppiche vom Fellbefall zu befreien, grenzt an Hochleistungssport.

Ist das Baby erst einmal da, sollte man noch etwas mehr auf die Hygiene im Haushalt achten als zuvor: regelmäßiges Händewaschen und staubsaugen sollten hierbei ganz oben stehen. Denn wer will schon sein Baby wickeln, wenn der Hund gerade noch die eigene Hand abgeleckt hat, nachdem er sich selbst gereinigt hat?! Oder das Baby auf den mit Tierhaar bedeckten Teppich setzen, während das Kind gerade in der Phase ist, ständig alles in den Mund zu schieben?!
Natürlich muss die Wohnung nicht steril sein, und glaubt mir, das bekommt man mit einem Hund eh nicht hin, und die Kinder entwickeln sicherlich auch mehr Abwehrmechanismen, wenn die Wohnung nicht in Desinfektionsmittel getränkt wird. Dennoch sollte man als Hundebesitzer und Elternteil immer mit gutem Gewissen sagen können, dass die Anwesenheit des Hundes keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit des Babys hat.

Weiter sollte man in der Schwangerschaft wichtige Tierarztbesuche vor der Geburt ableisten, denn später wäre dies immer ein zusätzlicher Stressfaktor, der auch den Hund verunsichern kann. Der Hund sollte also geimpft, entwurmt und von Flöhen und anderen Parasiten befreit sein.

Außerdem sollten alle Familienmitglieder gegen Tetanus geimpft sein. Bei dem Baby passiert das in der 9. Lebenswoche gemeinsam mit der 6-Fach-Impfung.

Ein flexibler Tagesablauf

Struktur im Tagesablauf ist sowohl für Kinder, als auch für Hunde enorm wichtig – in der ersten Zeit mit dem Baby jedoch nahezu utopisch. Deshalb ist es wichtig, den Hund bereits in der Schwangerschaft darauf vorzubereiten, dass Spaziergänge oder die Fütterung nicht immer zur selben Zeit stattfinden können.

Gerade in der Anfangszeit wird der Hund häufig zurückstecken müssen. Will das Baby gerade gefüttert oder gewickelt werden, während der Hund eigentlich Gassi müsste, wird der Hund sich noch gedulden müssen. Indem man die Tagesstruktur bereits in der Schwangerschaft flexibel gestaltet, lernt der Hund Geduld und kann sich im Vorfeld schon auf die neue Situation einstellen.

Ist der Hund daran gewöhnt regelmäßig mit Hundesport ausgepowert zu werden, sollte er auch hier langsam daran gewöhnt werden, sich auch mit Indoorbeschäftigungen wie z.B. Such- oder Denkspielchen zufrieden zu geben. Nicht immer hat man mit einem Baby die Möglichkeit ausgedehnte Spaziergänge zu unternehmen oder kontinuierlich Hundesport zu betreiben.

Ich bin aber dennoch der Meinung man sollte den Hund nicht komplett aufs Abstellgleis stellen. Gerade wenn man zu zweit ist, sollte sich einer von beiden auch immer dem Hund verpflichtet fühlen und auch dem Hund die Chance geben, qualitativ hochwertige Zeit mit Herrchen oder Frauchen verbringen zu können.

Familienhund Schlafplatz

 

Ruhe- und Tabuzonen einrichten

Man sollte sich bereits vor der Geburt überlegen, ob es im Haus Zonen geben soll, die der Hund nicht mehr betreten darf, wenn das Baby erst einmal da ist. Durfte der Hund zuvor auf dem Sofa oder im Bett liegen und soll es nicht mehr, wenn das Baby da ist? Darf der Hund das Kinderzimmer nicht betreten oder hat er auf der Babydecke nichts zu suchen? Dann sollte man den Vierbeiner schon sehr viel eher an diese Grenzen gewöhnen, um vermeintlichen Frust oder Eifersucht gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Man sollte jedoch auch nicht unterschätzen, welchen Einfluss das Geschrei des Babys auf die Stressbeständigkeit des Hundes haben kann. Wichtig ist dass der Hund immer eine Gelegenheit hat, sich zurück zu ziehen. Indem der Hund mehrere Liegeplätze hat, kann er dem Babygeschrei aus dem Weg gehen und ist somit auch ausgeglichener.
Mit fortschreitendem Alter des Kindes, sollte auch dem Baby direkt beigebracht werden, dass diese Ruhezonen respektiert werden müssen.

Erziehung hat oberste Priorität

Ein Hund kann noch so kinderfreundlichen sein, ist er schlecht erzogen, kann man sich nicht auf ihn verlassen und somit wird er im Umgang mit Kindern unberechenbar.

Jeder der einen Hund hält, weiß dass es für ein stressfreies Zusammenleben überaus wichtig ist, dass der Hund über den Grundgehorsam verfügt und man in der Lage ist, mit seinem Hund zu kommunizieren.

Bereits in der Schwangerschaft sollte das Anspringen absolut vermieden werden, da es gerade bei großen Hunden zur Sturzgefahr kommen kann. Hat man das Baby später auf dem Arm, kann das Anspringen für das Baby lebensgefährlich werden.

Ist man später mit Kind und Hund gemeinsam unterwegs, sollte die Fellnase auf jeden Fall zuverlässig an der Leine laufen können, besonders wenn man nicht immer mit dem Partner unterwegs sein kann. Trägt man das Kind im Tragetuch oder schiebt es im Kinderwagen, während man in einer Hand die Leine des Hundes hält, kann ein abruptes Ziehen an der Leine den Kinderwagen umstoßen oder man selbst stürzt gemeinsam mit dem Kind. Es versteht sich natürlich von selbst, dass die Leine nicht am Kinderwagen befestigt werden sollte.

Benötigt man noch Unterstützung in der Hundeerziehung ist es immer ratsam, Hilfe bei einem Hundetrainer zu suchen und regelmäßig mit dem Hund zu trainieren.

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Die Rudelstellung sollte klar sein

Wer sich mit der Hundeerziehung auseinandersetzt, der weiß wie wichtig es ist, dass der Hund seine Stellung im Zusammenleben versteht und auch akzeptiert. Alles andere führt zu Problemverhalten und Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Der Vierbeiner sollte unbedingt seine Grenzen kennen und seine Menschen sollten sie mit unabdingbarer Konsequenz setzen. Gerade wenn das Baby neu in die Familie einzieht, ist es wichtiger als jemals zuvor, dass der Hund ein “Nein” akzeptieren kann.

Kann das Kind erstmal krabbeln, kann es leicht einmal passieren, dass das Hundespiel- oder Knabberzeug für das Baby interessant wird, an der Rute oder dem Fell gezogen wird oder das Baby sich auf den Hund stützt.
Der Hund sollte sich also zu jeder Zeit das Futter oder Spielzeug wegnehmen lassen können und es mit Fassung tragen. Auch gegen kindliches Gezerre kann der Hund robust gemacht werden, in dem er schon vorher mit Leckerchen und Lob belohnt wird, wenn er ein Ziehen am Ohr aushält oder ruhig liegen bleibt, legt man den Kopf auf ihn. Übt man das in der Schwangerschaft regelmäßig, gewöhnt der Hund sich gut daran und der Umgang mit dem Baby wird berechenbarer.

Zudem steht das Baby im Rudel immer noch über dem Hund, auch wenn die Fellpfote schon eher da war. Dominanzverhalten gegenüber dem Kind, Eifersucht und aufdringliches Verhalten müssen sofort und strikt unterbunden werden.
Positives Verhalten, wie Ausgeglichenheit und Robustheit hingegen sollen immer prompt belohnt werden. Legt sich der Hund also beim Stillen dem Frauchen ruhig zu Füßen, statt sie mit der Nase fordernd anzustupsen, soll dieses Verhalten direkt belohnt werden.

Es ist also wichtig schon im Vorfeld dieses Verhalten zu fördern und dem Hund zu zeigen, dass er nicht immer die erste Geige spielt.

Alleinbleiben

Hunde sind Rudeltiere und von Natur aus steigt ihr Stresslevel, wenn sie allein gelassen werden. Dennoch können sie sich mit ein bisschen Training ganz gut daran gewöhnen, für einige Zeit allein zu bleiben.

Ist der Hund bis jetzt noch nicht daran gewöhnt allein zu bleiben, ist es wichtig, dass es während der Schwangerschaft trainiert wird. Mit einem Baby wird es immer mal wieder die Situation geben, dass der Hund allein bleiben muss, beispielsweise wenn das Kind zum Arzt muss.

Gewöhnung an den Umgang mit Kindern

Hatte der Hund bis dato nur wenig oder gar keinen Kontakt mit Kindern, kann ich nur empfehlen den Hund an den Umgang mit Kindern langsam zu gewöhnen. Wann immer die Nachbarskinder in der Nähe sind und den Hund streicheln wollen, lasse ich es zu. Ich erkläre den Kindern wie sie auf den Hund angemessen zu gehen, ihre Hand beschnuppern lassen und Leela muss lernen geduldig sitzen zu bleiben und die Kinder nicht stürmisch zu begrüßen.

Wenn es ein Baby in der Familie oder im Bekanntenkreis gibt, kann man auch hier schon einmal austesten, wie der Hund auf das Babygeschrei, den Duft und die geteilte Aufmerksamkeit reagiert. Auch Spaziergänge mit Kinderwagen können so eingeübt werden.

An diesen Kontakt sollte der Hund langsam herangeführt werden, er muss die Möglichkeit haben, sich zurück zu ziehen und merken, dass diese Situation völlig normal ist. Deswegen ist es wichtig, dass man dabei selbst ganz ruhig und gelassen ist und keinen großen Hehl daraus macht, denn nur so kann es für den Hund eine Selbstverständlichkeit werden.

Wenn diese Situationen in der Öffentlichkeit und der fremden Wohnung gut gelingen, kann man dies im eigenen Zuhause, dem Revier des Hundes, einüben. So merkt der Hund, dass ein Baby Zuhause völlig harmlos ist.
Ist der Hund ruhig und ausgeglichen, trotz hohem Geräuschpegel oder auf und abFamilienhund gehen mit Baby auf dem Arm, ist man dem Ziel ein großes Stück näher.

 

Tipps für die Anfangszeit mit Baby und Hund

Den Hund nicht vergessen

Auch wenn die erste Zeit alle Konzentration auf dem Baby liegt, sollte man darüber hinaus den Hund und seine Bedürfnisse nicht außer Acht lassen. Er braucht trotzdem Aufmerksamkeit und Zuwendung, sonst wird er frustriert und kann sich nur schwer mit der neuen Situation abfinden. Er sollte so selbstverständlich wie möglich in den Alltag mit Kind integriert werden, nur so wird es zur Normalität.

Positives Verhalten weiterhin stärken

Auch wenn der Hund sich relativ zügig an den Familienzuwachs gewöhnt, sollte er für erwünschtes Verhalten immer wieder belohnt werden, um die positiven Erfahrungen überwiegen zu lassen.

Hund und Kind NIE unbeaufsichtigt lassen

Du kannst deinen Hund schon jahrelang kennen und deine Hand für ihn ins Feuer legen: es ist und bleibt ein Tier und somit immer ein Stück unberechenbar. Sie haben Instinkte und können sich nicht verbal bemerkbar machen.
Vielleicht war es dem Hund jahrelang egal, wenn das Kind ihm ins Fell griff, aber genau heute hat er an dieser Stelle Schmerzen und kann sie nur äußern, indem er nach dem Kind schnappt. Solche Unfälle müssen nicht immer nur mit sogenannten Kampfhunden passieren, sondern können auch ganz normale Missverständnisse zwischen Mensch und Tier sein, die keiner vorhersehen konnte. Und eine zweite Gelegenheit gibt es hierbei oft nicht. Deswegen lieber einmal zu vorsichtig sein, als einmal zu nachlässig!

Zeit und Geduld sind der Schlüssel

Veränderungen benötigen immer viel Eingewöhnungszeit. Wenn das Baby erst einmal eingezogen ist, beginnt ein neues Kapitel im Zusammenleben. Und so wie sich Eltern und Kind aneinander gewöhnen und kennenlernen müssen, muss auch der Hund die Chance bekommen, sich mit der neuen Situation anfreunden zu können.
Und klappen einige Dinge nicht so, wie man sie haben möchte, darf man nicht die Nerven verlieren oder die Flinte frühzeitig ins Korn werfen. Manchmal braucht es einfach nur ein bisschen Zeit bis sich alles einpendelt. Und gerade weil sowohl Hund als auch Kind  gewollt waren, sollte man dieser Situation die nötige Geduld entgegenbringen.

Bei uns hat es sich jedenfalls gelohnt!

Wir haben mittlerweile ein sehr gutes Gefühl, was unser künftiges Zusammenleben angeht. Leela reagiert ruhig auf andere Babys und kann sich auch bei Lärm gut entspannen. Ich kann ihr mit der Hand in die Schnauze gehen oder ihr an den Ohren ziehen und sie zeigt sich völlig unbeeindruckt. Sie hört zum größten Teil auf das was wir ihr sagen (nun ja, auch ein Hund kann mal einen schlechten Tag haben) und auch die Leinenführigkeit hat sich enorm verbessert.

Es wird sicherlich am Anfang nicht einfach, aber einfach kann ja auch Jeder :wink:
Wichtig ist, wir haben ein gutes Gefühl bei der Sache und haben uns auf die kommende Situation gut vorbereitet.

Sollte alles so gut harmonieren, wie wir es uns ausmalen, freue ich mich schon darauf, dass unsere Tochter von Geburt an einen besten Freund an ihrer Seite hat. Ein Freund der sie bei ihrer Entwicklung treu begleitet und von ihr zum Dank dafür, den einen oder anderen aufgeweichten Kinderkeks in die Schnauze gedrückt bekommt.

Ich bin gespannt und freue mich darauf das alles hier festhalten zu können.

Nachtrag
Free range

Kind und Hund sind mittlerweile ein Herz und eine Seele

 

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Kategorie Normen & Werte, Schwangerschaft, Vorsorge
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Hi, mein Name ist Sarah, ich bin 30 Jahre alt und lebe als Sozialpädagogin mit meiner Tochter, unserem Labrador und meinem Partner in Heerlen/Niederlande. Ich habe Mamagogik 2014 ins Leben gerufen, weil ich es liebe zu schreiben, meine Gedanken mit anderen zu teilen und mich auszutauschen. In meiner Arbeit ist es mir wichtig die Stärken der Menschen zu sehen und ihnen auf gleicher Augenhöhe Respekt für ihre Situation aufzubringen.

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