Pränatales Bonding – Wie stärke ich die Mutter-Kind-Beziehung in der Schwangerschaft?

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Es gibt Tage, da mache ich mir sehr viele Gedanken und Sorgen. Ich frage mich, ob das Baby gesund ist? Wie es wohl sein wird, wenn das Babylein da ist? Ob ich vielleicht vergessen werde, die Ohren regelmäßig sauber zu halten? Und wie ich in Stresssituationen reagieren werde?

Und dann gibt es da diese Abende, an denen ich mich schon gar nicht mehr darüber wundere, dass die kleine Turnerin mal wieder strampelt und ich merke, dass ich den ganzen Tag nicht darüber nachgedacht habe, dass ich schwanger bin.
Und dann frage ich mich, ob ich wirklich schon eine Bindung zu meinem Baby habe? Was ist eigentlich dieses ‘Mutterglück’? Darf ich traurig darüber sein, dass ich dieses Jahr unser heißgeliebtes Festival zum ‘Wohl des Babys’ verpassen werde?

Um meine Selbstzweifel und Sorgen ein bisschen zu relativieren, habe ich mich mal auf die Suche nach Antworten begeben:

Welchen Einfluss habe ich jetzt in der Schwangerschaft auf mein Baby?

Wenn ich so betrübt bin, habe ich immer ein schlechtes Gewissen meinem Baby gegenüber. Ich möchte nicht, dass sich meine Emotionen auf das Kind übertragen. Seit dem Tag der Schwangerschaft sind wir beide eng miteinander vernetzt. Deshalb interessiert mich: was bekommt die Kleine eigentlich mit?

Aus diversen Schwangerschaftsbüchern und den Aufklärungsgesprächen meiner Ärztin weiß ich, dass das Baby über die Nabelschnur nicht nur Nahrungsmittel und mögliche Schadstoffe aufnehmen kann, sondern auch Hormone übertragen werden.

Der Psychoanalytiker Dr. Ludwig Janus erklärt in seinem Buch, dass sich die psychische Verfassung der Mutter nachhaltig auf das ungeborene Kind auswirken kann. Steht die Mutter also unter Stress und schüttet ‘Adrenalin’ und ‘Cortisol’ aus, erhöht sich ihr Blutdruck und somit kurze Zeit später auch der Blutdruck des Kindes. In stressigen Situationen schwingt das Baby also mit.
Gleiches gilt für das Glückshormon ‘Endorphin’. Wenn die Mama also glücklich ist, überträgt sich dies auch auf ihr Kind. Bei Depressionen der Mutter hingegen, haben Wissenschaftler anhand von Ultraschalluntersuchungen festgestellt, dass die Kinder im Mutterleib unruhiger wurden.

Dr. Ludwig Janus kann werdende Mütter allerdings auch beruhigen, denn Untersuchungen zufolge sind kurzzeitige Verstimmungen, wie sie in der Schwangerschaft häufig durch den Wechsel des Hormonhaushaltes auftreten, für das Baby nicht einschneidend schlimm.
Laut des Psychoanalytikers werden die verschiedenen Nervenverbindungen (Synapsen) in den betreffenden Situationen gebildet und ausgeprägt. Die Endorphine der Mutter in glücklichen Situationen sorgen also dafür, dass die ersten Grundsteine für Zufriedenheit beim Kind gelegt werden. Ebenso legen die erlebten Angst- und Stresssituationen der schwangeren Mutter die Basis für die Hirnareale, die für Unruhe und Trauer beim Kind zuständig sind. Somit ist dieses ‘Wechselbad der Gefühle’ gut für die Entwicklung des Kindes.

Außerdem kann eine frühe glückliche Kindheit und eine sichere Bindung (Bonding) zu den Bezugspersonen (z.B. Eltern, Großeltern oder Pflegeeltern) die Erfahrungen, die das Baby im Mutterleib gemacht hat, wieder kurieren.

Was bedeutet (pränatales) Bonding eigentlich genau?

Seit meinem Studium läuft mir die Bindungstheorie immer mal wieder über den Weg. Besonders in der Traumapädagogik ist sie ein großes Thema, wenn es darum geht, den Kindern stärkende Faktoren an die Hand zu geben. Auf dem Blog von Herzmutter.de könnt ihr einen sehr interessanten Artikel über das Bonding nach der Schwangerschaft lesen. Da ich aber noch nicht so weit bin, wollte ich wissen, ob es Erkenntnisse über pränatales Bonding gibt und was das für mich und mein Baby bedeuten kann.

Rainhild Schäfers, Hebamme und Autorin, legt in ihrem Buch zugrunde, dass die Bindungsforschung in den 50er/60er Jahren bewiesen hat, dass Babys, wenn sie zur Welt kommen, bereits mit Bindungsmerkmalen ausgestattet sind. Beispielsweise beruhigt der Herzschlag, die Stimme und die Wärme der Mutter das Kind, direkt nach der Geburt. Das Kind ist also in der Lage, vorgeburtliche Erfahrungen mit einem ‘Wohlgefühl’ ab zu speichern und auch nach der Geburt danach zu suchen.

Ein weiteres Indiz für pränatales Bonding ist die empfundene elterliche Trauer, wenn ein Kind im Mutterleib verstirbt.
Im ersten Trimester nehmen die meisten Schwangeren ihr Ungeborenes noch nicht als reelles Individuum wahr. Sie können sich nur schwerlich ein Bild von ihrem Kind machen, unabhängig davon, ob die Schwangerschaft gewollt oder ungewollt ist. Andere Mütter berichten allerdings bereits ab der 8. SSW von einem Bindungsgefühl ihrem Baby gegenüber (Munz, 2011). Ein besonderer Faktor ist hierbei die erste Ultraschall-Untersuchung, bei der die Mutter bzw. die Eltern ein erstes Bild von ihrem Kind bekommen.

Ab der 20.SSW wird die Mutter-Kind-Beziehung weiter gefestigt, indem die Mutter die Kindsbewegungen spüren kann (Moré, 2006). Dies ist die erste Kontaktaufnahme zwischen Mutter und Kind, die außerhalb ihrer Phantasie stattfindet. Das Kind wird dadurch real. Es entstehen Wunschvorstellungen über das Geschlecht des Babys und die Wahl des Vornamens wird von den Eltern thematisiert (Brazelton, 1991).

Im weiteren Verlauf der Schwangerschaft nehmen die Eltern ihr Kind immer mehr als ein individuelles Wesen wahr, das eine bestimmte Persönlichkeit hat. Brazelton meint, dass die Mutter sich immer mehr auf die Persönlichkeit und die Gewohnheiten des Kindes verlassen kann. Beispielsweise merkt die Mutter, welchen Wach-Schlaf-Rhytmus das Kind hat und wie das Kind auf verschiedene Außenweltfaktoren reagiert (die Lage der Mutter, Musik etc.). Dies ist möglich, da das Kind schon ab der 25.SSW über ein vollkommen ausgereiftes Hörorgan verfügt und somit Geräusche außerhalb des Mutterleibs und auch die Stimme seiner Mutter wahrnehmen kann.

Bindung in der Schwangerschaft

Wie kann ich die Mutter-Kind-Bindung schon in der Schwangerschaft stärken?

Da ich nun weiß, dass es bereits in der Schwangerschaft eine Mutter-Kind-Beziehung gibt, möchte ich gern wissen, was ich tun kann, um dieses Band zu fördern. Aus meiner Recherche ergaben sich folgende Punkte:

  • Innere Zuwendung (Auseinandersetzen mit der Schwangerschaft; die neue Rolle annehmen)
  • sich auf Phantasien und Wunschvorstellungen über das Kind einlassen (Meditation)
  • Ultraschall-Untersuchungen wahrnehmen
  • an Geburtsvorbereitungskursen teilnehmen
  • Aktive Beschäftigung mit dem Baby (singen, Bauch streicheln, vorlesen, Musik vorspielen)
  • einen Dialog mit dem Kind führen
  • die therapeutische Methode der Bindungs-Analyse

Bei der inneren Zuwendung geht es darum, sich auf das Kind in seinem Bauch einzulassen. Dies ist bei einer gewünschten Schwangerschaft einfacher, als bei einer Ungewünschten. Es geht darum, sich mit der neuen Rolle als Mutter auseinander zu setzen, Verantwortungsbewusst mit der Schwangerschaft umzugehen (auf Alkohol und andere Schadstoffe zu verzichten, sich zu schonen und gesund zu leben) und dem Kind so innerlich seinen Zuspruch zu geben. Denn Untersuchungen ergaben, dass sich das Kind schon im Mutterleib erwünscht fühlen kann und ihm dadurch Sicherheit vermittelt werden kann (Janus,2000).

Phantasie- und Wunschvorstellungen passieren im Kopf der Eltern. Sie stellen sich ein Leben mit dem Kind vor und malen sich aus, wie es wohl aussehen könnte oder welche Persönlichkeit es haben könnte. Diese Bilder im Kopf sind ebenfalls wichtig für den inneren Zuspruch des Kindes und dienen als Auseinandersetzung mit dem neuen Leben nach der Schwangerschaft. Unterstützen kann man diese inneren Bilder, indem man sich ganz offensichtlich Zeit dafür nimmt. Die werdende Mutter sollte sich bewusst die Ruhe gönnen und ihren Gedanken und Bildern freien Lauf lassen. Dabei ist es wichtig alle Sorgen und Ängste bei Seite zu schieben und mit Zuversicht in das neue Leben zu blicken und es für sich in seiner Phantasie zu gestalten. Wer gern Yoga macht, kann die Meditation zur Hilfe nehmen. Auch Hebammen können eine Unterstützung dabei sein, indem sie Phantasie-Reisen an bieten (Schäfers, 2011).

Ultraschall-Untersuchungen während der Vorsorgetermine fördern die Bindung zwischen den Eltern und ihrem Kind nachweislich. Sie dienen nicht nur der Diagnostik, sondern schaffen ein Abbild des Kindes für die Eltern. Besonders beliebt sind hierbei die 3D oder sogar 4D Aufnahmen, das sogenannte Baby-Fernsehen, bei dem die Eltern sogar einen kurzen Videofilm mit nach Hause nehmen können. Es ist immer wieder schön, diese Bilder zu betrachten, auch wenn sie natürlich kein reales Bild des Kindes schaffen (die Kopfbehaarung wird z.B. nicht gezeigt), so haben die werdenden Eltern doch das Gefühl dem Kind ein wenig näher zu sein, wenn sie die Fotos oder das Video anschauen (Schäfers, 2011)

Die Geburtsvorbereitungskurse sind eine weitere Möglichkeit die pränatale Mutter-Kind-Beziehung zu festigen. Wahrnehmungsübungen und Phantasie-Reisen können den Müttern helfen, Kontakt zu ihrem Kind aufzubauen. Auch die Gespräche mit der Hebamme können viele Ängste und Sorgen der werdenden Eltern nehmen, sodass sie sich positiv mit der Schwangerschaft auseinandersetzen können und sich auf ihr Baby freuen (Schäfers, 2011)

Wenn Mütter und Väter ihrem ungeborenen Kind bereits vorsingen und Geschichten vorlesen, hat dies zwei Effekte: zum Einen gewöhnt sich das Kind an die Stimmen der Eltern und zum Anderen, helfen sie dem Kind im Mutterleib Ruhe zu finden. Auch das Streicheln des Bauches stärkt das Bonding, denn diese Bewegungen beruhigen das Baby und spenden ihm Trost. Diese Art der Kommunikation zwischen Eltern und Kind zählt zu der Möglichkeit der aktiven Beschäftigung (Munz, 2002).

Die Methode einen gezielten Dialog mit dem Kind zu führen stammt aus der Hebammenbegleitung. Durch verschiedene Handgriffe ist sie im Stande die Lage des Kindes zu lokalisieren. Dabei spricht sie mit dem Kind und nimmt Kontakt auf. Diese Art von Kommunikation mit dem Kind kann die werdende Mutter (Und den Vater) dazu ermutigen, auf gleiche Weise mit dem Baby Kontakt auf zu nehmen (Schäfers, 2011).

Einige Mütter haben ein besonderes Promlem mit dem Aufbau einer Mutter-Kind-Beziehung. Sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen in einer vorangegangenen Schwangerschaft gesammelt, besonders viel Stress oder haben selbst ein unsicheres Bindungsverhalten. All diese Gründe können die werdende Mutter blockieren sich in der Schwangerschaft an ihr Kind zu binden. Ihre Sorgen und Ängste sind einfach zu groß. Um die Gefahr einer postnatalen Depression (Wochenbettdepression) zu vermeiden und dem Kind später eine gute Bindungsperson an die Hand zu geben, gibt es die therapeutische Methode der Bindungsanalyse . Bei dieser Art der therapeutischen Schwangerschaftsbegleitung wird der Mutter viel Raum gegeben, um die gemachten Erfahrungen zu bearbeiten und genau ergründen zu können, was sie blockiert und wie diese Blockaden gelöst werden können. Diese Sitzungen können in der frühen Schwangerschaft begonnen werden (max. bis zur 25.SSW). Die werdende Mutter wird dazu motiviert in einen Dialog mit dem Kind zu gehen, bekommt mehr Selbstvertrauen, sodass Ängste abgebaut werden können und das Bonding gestärkt wird (bindungsanalsye.de)

Fazit

Was bedeutet das alles jetzt für mich?

Ich bin wesentlich beruhigter. Ich weiß jetzt, dass die wechselnden Gefühle in der Schwangerschaft ganz normal sind und meinem Baby nicht schaden. Sie helfen der kleinen Knutschkugel vielmehr sich zu entwickeln und zu erkennen, dass es hier draußen, außerhalb der warmen Höhle ab und zu mal Regentage gibt, die auch mal stürmisch sein können.

Zuviel von Etwas ist nie gut, es gibt immer Extreme. Allerdings kann ich behaupten, dass meine Sorgen und Ängste keine Überhand nehmen. Ich gönne mir genug Ruhe (ein Hoch auf das Beschäftigungsverbot!) und der Stress ab und zu dürfte dem Baby nichts weiter ausmachen.

Es ist schön zu wissen, dass man mit vielen Methoden bereits jetzt die Bindung zwischen Eltern und Kind besonders fördern kann. Ich lasse mich dadurch jedoch nicht unter Druck setzen. Ich versuche mich auf meinen Instinkt zu verlassen und bin zuversichtlich, dass alles gut wird. Ich weiß, dass die Muttergefühle durch bestimmte Hormone gefördert werden, die besonders nach der Geburt in großen Maßen ausgeschüttet werden.
Wichtig ist für mich, dass ich mich mit der Rolle als Mama auseinander setze und das tue ich besonders, weil ich diesen Blog hier schreibe. Der Krümelinchen-Papa und auch die restliche Verwandschaft, wir alle freuen uns alle auf die Zuckerschnute und ich glaube, dass das Baby gar nicht anders kann, als sich erwünscht zu fühlen :wink:

Ich freue mich auf den weiteren Verlauf der Schwangerschaft, das Einrichten des Babyzimmers, den Geburtsvorbereitungskurs, den anstehenden Schwangeren-Wassergymnastik-Kurs (ob mir mein Bikini noch passt?!) und natürlich darauf, endlich mein kleines Küken in den Armen zu halten.

Und jetzt werde ich meinen Bauch einölen und mit meinem Baby sprechen…

Bis dann.

Eure Sarah.

Stooooooopp!

Bevor ich es vergesse: Ich würde unheimlich gern wissen, wie ihr das so mit den Gefühlen, Sorgen und Ängsten handhabt? Was macht ihr, um mit eurem Baby in Kontakt zu treten oder seht ihr das ganze locker und sagt, dass es alles schon von alleine kommt? Habt ihr vielleicht noch ein paar Tipps, die ich vergessen habe? Austausch ist total erwünscht!!!

Weitere lesenswerte Artikel und Berichte zu diesem Thema

urbia.de

eltern.de

schwangerschaftskonfliktberatung.info

Brazelton, Berry; Cramer, Bertrand: Die frühe Bindung – Die erste Beziehung zwischen dem Baby und seinen Eltern; 1991; Stuttgart – Ernst Klett Verlag

Janus, Ludwig: Der Seelenraum des Ungeborenen. Pränatale Psychologie und Therapie; 2011; Düsseldorf – Patmos Verlag

Munz, Dorothe (2002). Die pränatale Mutter-Kind-Beziehung. In: Strauß, Prof. Dr. Bernhard; Buchheim, Dr. Anna; Kächele, Prof. Dr. Horst. Klinische Bindungsforschung: Theorien – Methoden – Ergebnisse. 2002; Stuttgart – Schattauer GmbH

Schäfers, Rainhild: Gesundheitsförderung durch Hebammen; 2011; Stuttgart – Schattauer GmbH

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